Flüchtlingsfamilie in Südkirchen ist wieder vereint

Nach Flucht aus Syrien

Mohammad Khalilo kam im November 2014 nach Südkirchen. Geflüchtet aus Syrien, über Land und mit dem Boot, von Schleppern in einem seeuntüchtigen Schiff zurückgelassen. Seine Frau und die zwei kleinen Kindern blieben in Syrien zurück. Jetzt hat er seine Familie wieder. Eine anrührende Erfolgsgeschichte.

SÜDKIRCHEN

24.07.2016 / Lesedauer: 4 min

Kahlilo hat seit einigen Monaten eine feste Stelle in seinem Beruf als Informatiker. Er spricht gut Deutsch, hat eine große Wohnung für die Familie, ist stolz auf das, was er mit eigenem Engagement und Fleiß geschafft hat – und dankbar für die Hilfe vieler Menschen. Einfach ist das alles trotzdem nicht. Wir haben 2015 in einer großen Reportage über Kahlilo und weitere Flüchtlinge in Nordkirchen berichtet.' type='' href='https://ruhrnachrichten.atavist.com/sehnsuchtnachfrieden

Ehefrau Amani und die beiden Söhne Ali (5) und Hamzeh (4) sind seit Februar in Deutschland. Sie haben wenig Kontakte. Amani Khalilo wartet tagsüber auf ihren Mann. Die Kinder sind viel zu Hause, sie haben nur wenige Spielgefährten. Amani erzählt, dass sie traurig sei und ihre Mutter, Freunde, ihre Arbeit, die ganze Familie vermisse. Mohammad Khalilo spricht von einem Kulturschock.

Er hatte in Ägypten Informatik studiert, seine Frau Amani (Name im Ursprungsartikel von März 2015 geändert) und die beiden Kinder lebten dort mit ihm. Nach dem Abschluss des Studiums hätte er in Syrien zur Armee gehen müssen. „Ich wollte nicht auf Landsleute schießen“, erzählte er damals.

Jetzt lesen

Amani ging mit den Kindern zurück nach Syrien, nach Latakia am Mittelmeer, eine Hafenstadt mit malerischer Altstadt, Sandstränden und einstiges Touristenziel. Sie lebte wieder bei ihren Eltern, unterrichtete in der Privatschule ihrer Mutter Vorschulkinder, eine Klasse mit 30 Kindern. Doch ihr Ziel war nur, zu warten auf den Tag, an dem sie ausreisen durfte – zu ihrem Mann.

Rakete schlug in Nachbarhaus ein

In Latakia war der Krieg nicht direkt vor der Haustür, es gab keine Kämpfe vor Ort. Dennoch ständig Tiefflieger, viele, die vor allem den Kindern Angst machten. Eine bedrohliche Situation schildert sie: Eine wahrscheinlich fehlgeleitete Rakete schlug ins Nachbarhaus ein – während des Unterrichts. Ein Kind wurde von einem Raketensplitter im Gesicht getroffen, andere von Splittern der zerbrochenen Fensterscheiben.

Jeden Tag wurden tote Soldaten, die aus Latakia stammten, durch die Straßen getragen. Mit Trauerzeremonien, die traditionell mit Schüssen in die Luft begleitet waren, um auch die Wut über den Tod auszudrücken. Amani zeigt auf dem Handy ein Video. Ansonsten war man in Latakia vor allem von der schlechten Versorgungslage betroffen.

In Deutschland lernte Mohammad inzwischen Deutsch bei Ingrid Spiekermann aus Werne in einer privaten Gruppe und über das Internet. „Das meiste habe ich gelernt, seit ich arbeite“, erzählt er. Wolfgang Peters, Lebensgefährte von Ingrid Spiekermann, besorgte ihm ein Praktikum bei einer Betriebskrankenkasse in Essen. Zunächst für drei Wochen, dann wurde es auf drei Monate verlängert. Er verdiente ein wenig eigenes Geld. Edith und Heinz Derksen nahmen ihn während des Praktikums in Essen bei sich quasi als Familienmitglied auf. Jetzt hat er eine feste Stelle dort.

Keine Antwort - Monate lang

Lange wartete Amani parallel auf einen Termin in der Deutschen Botschaft in der Türkei. Monatelang erhielten sie keine Antwort. Mohammad erfuhr von einer anderen Möglichkeit: die Ausreise über Indien. Wieder half jemand aus Südkirchen, lieh ihm Geld für den Flug für Frau und Kinder.

Dann ging es schnell: Ankunft in Indien am 16. Februar, am 18. Februar ein Termin in der Botschaft, am 24. Februar erhielt sie das Visum, flog am 25. Februar nach Deutschland; mit zwei großen Koffern und zwei kleinen Kindern ging es nach Frankfurt, mit dem Zug nach Dortmund. Hier erwartete Mohammad seine Familie. Mechthild Höhne fuhr ihn mit dem Auto hin.

Jetzt wohnen sie gemeinsam in Südkirchen. Noch, denn mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis zur Arbeitsstelle nach Essen zu kommen, gestaltet sich im Moment schwierig. Zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück: mit dem Fahrrad zum Capeller Tor, mit dem Bus zum Bahnhof, mit dem Zug nach Dortmund, umsteigen in den Zug nach Essen, mit der Straßenbahn zur Firma. Wenn der Zug abends zu spät kommt und kein Bus mehr fährt, helfen wieder die Frauen von der Pfarrcaritas und kommen mit dem Auto.

Umzug nach Essen steht bevor

Mohammad möchte das ändern: Er will näher an der Arbeitsstelle wohnen, länger seine Familie sehen. Eine Wohnung in Essen haben sie gefunden, auch hier haben Südkirchener geholfen. Die Kinder sind für einen Kita-Platz angemeldet. Mohammad und Amani für Sprachkurse. Für Fortgeschrittene. Bald ziehen sie um.

Und Amani? Sieht sie trotz Heimweh eine Perspektive? Essen ist eine größere Stadt, so wie Latakia mit ihren über 400.000 Einwohnern. Vielleicht gibt es für sie eine Möglichkeit, traumatisierten Flüchtlingskindern zu helfen, die alleine in Deutschland sind und ihre Eltern verloren haben. Sie hat in Syrien Kinderpsychologie studiert. Sie kann mit Kindern Arabisch sprechen. Sie muss raus aus der Isolation.  

Lesen Sie jetzt