Zwei Lehrer über Inklusion: „Es hat zu wenig Zeit für eine Willkommenskultur gegeben“

rnInterview

Inklusion war eines der Herzensprojekte der rot-grünen Landesregierung. Doch wie sehen es zwei, die direkt mit der Umsetzung von Inklusion zu tun haben? Ein Gespräch.

Nordkirchen

, 14.07.2019, 03:58 Uhr / Lesedauer: 6 min

Der Weg von der Maximilian-Förderschule in Nordkirchen zur Mauritiusgrundschule ist nicht weit. Draußen spielen Mauritiusschüler mit Maxi-Schülern bei einem kooperativen Sportfest. Gelebte Inklusion sozusagen. Um das Thema Inklusion geht es auch im Gespräch mit Maurtius-Grundschul-Leiterin Angela Tönnis und dem Leiter der Maximilian-Kolbe-Förderschule Norbert Heßling.

Inklusion ist ein Wort, das seit Jahren immer mehr Aufmerksamkeit bekommt und was die meisten Menschen schon gehört haben dürften. Wie würden Sie Inklusion auf die einfachste Art und Weise jemandem beschreiben, der vielleicht noch nie davon gehört hat?

Angela Tönnis: Teilhabe aller an allem. Allem heißt nicht nur bezogen auf Schule, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das betrifft neben der Schule den Beruf, das betrifft die Freizeit. Und mit Teilhabe aller sind gemeint nicht nur Leute mit Handicaps, sondern sämtliche Menschen aller Hautfarben, Nationalitäten, Religionen und auch alt und jung. Das alles steckt hinter Inklusion. Das ist ein großes Wort und deswegen heißt es ja auch immer so schön: Wir sind alle auf dem Weg zur Inklusion. Inklusion ist damit eine Generationenaufgabe, dies sagte ja auch schon unsere Schulministerin.

Norbert Heßling: Das ist gut auf den Punkt gebracht. Die Fixierung von Inklusion auf die Schule im Bewusstsein vieler Menschen, das hat dem Ansinnen der Inklusion nicht so gut getan.

Um doch wieder auf das Thema Schule zurückzukommen: Frau Tönnis, wie schwierig ist es, wenn Sie oder Ihre Kollegen merken, dass ein Kind auf einer Förderschule besser aufgehoben wäre?

Tönnis: Das ist ein Prozess. Man begleitet ein Kind eine ganze Zeit. Das heißt, wir überprüfen im Rahmen der Förderdiagnostik genau, was ist der richtige Förderweg für das Kind, den wir auch stets mit den Eltern gemeinsam besprechen. Dazu gibt es auf dem Weg etliche Gespräche, bis alle Informationen gesammelt und alle Fragen gemeinsam zum Wohl des Kindes geklärt sind.

Das heißt, dass man miteinander ins Gespräch kommt, aufzeigt, wie läuft es zu Hause und in der Schule, was gibt es eventuell für Grunderkrankungen, gibt es schon außerschulische Förderungen, welche Förderungen finden schon in der Schule statt, welche wären denkbar und gibt es Sinn, dass gemeinsam ein Antrag zur Überprüfung des sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs (AOSF) gestellt wird, um den Förderweg für das Kind zu optimieren. Wenn ein Unterstützungsbedarf festgestellt ist, werden regelmäßig Förderpläne ausgearbeitet und mit den Eltern in Förderplangesprächen (Eltern/Klassenlehrkraft/Sonderpädagogin der allgemeinen Schule) besprochen. Sonderpädagogische Förderung hat also einen Prozesscharakter.

Wichtig ist grundsätzlich, dass die Eltern über das Verfahren, die daraus resultierenden Veränderungen (z.B. welche Bildungsabschlüsse können bei welchen Förderbedarf letztendlich erreicht werden) und im Prozess fortlaufend immer wieder gut informiert werden. So können eventuell Sorgen und Unsicherheiten durch gute Information oder auch eine Hospitation – auch gerade einmal an einer Förderschule – abgebaut werden.

Heßling: Meine Erfahrung ist: wenn die Eltern gut beraten werden, entscheiden sie sich auch und sie entscheiden sich richtig.

Aber Angst spielt schon eine Rolle?

Tönnis: Ja, natürlich. Das ist auch verständlich. Es ist ja ein völlig neues Metier für die Eltern. Vielleicht haben manche auch Vorurteile, weil sie schon irgendetwas über eine Förderschule gehört haben. Deshalb ist es wichtig, sich ein eigenes Bild zu machen. Es muss für alle Beteiligten klar sein, niemand will ein Kind abschieben. Man will, wie die Eltern auch, das Beste für das Kind, damit es auf seinem weiteren Lebensweg Fortschritte und Erfolge erzielen kann. Somit kann dies auch zu der Erkenntnis führen, dass die Förderschule mehr Potentiale und Fachkompetenzen an gewissen Stellen hat und das betreffende Kind statt im Gemeinsamen Lernen an der allgemeinen Schule an der Förderschule sehr gut aufgehoben wäre.

Heßling: Ich wehre mich immer dagegen, dass ein System besser ist als das andere. Man muss schauen, was ist für das einzelne Kind der richtige Weg und das muss durchlässig sein in die eine und die andere Richtung.

Zwei Lehrer über Inklusion: „Es hat zu wenig Zeit für eine Willkommenskultur gegeben“

Beim Interview in der Mauritiusgrundschule in Nordkirchen. © Sabine Geschwinder

Gibt es auch Kinder, die von der allgemeinen Schule wieder zurück in die Förderschule wechseln?

Heßling: Das erleben wir immer wieder. Oft erleben wir das nach der Grundschule, dass die Eltern sagen, es war eine schöne Zeit zum Gemeinsamen Lernen, aber jetzt geht das Lernen weiter in einer Förderschule. Oder wir erleben es nach der 10. Klasse, weil die Frage ansteht: Wie geht es beruflich weiter? Ein Berufskolleg oder doch lieber die Berufspraxisstufe der Förderschule geistige Entwicklung? Es gibt aber auch den Weg umgekehrt. Dass ein Schüler durchaus ins gemeinsame Lernen wechselt.

Tönnis: Grundsätzlich gilt, dass der sonderpädagogische Unterstützungsbedarf jährlich überprüft wird, um zu sehen, wie der Lernweg für das Kind richtig weitergehen kann. An dieser Stelle ist eine enge Elternzusammenarbeit durch regelmäßige Gespräche unerlässlich. Gerade ab dem 3. Schuljahr, wenn zum individuellen Lernbericht die Noten hinzukommen, führt dies oft dazu, dass Eltern sich die größten Gedanken machen über den weiteren richtigen Lernweg ihres Kindes. Alle Kinder werden ab dieser Klasse - außer sie haben einen anerkanntenzieldifferenten Förderbedarf und dürfen somit in ihrem Tempo ohne den Notendruck weiterlernen – an diesen Noten gemessen. Gerade in diesem Zusammenhang müssen die Eltern mitgenommen werden, um Irritationen zu vermeiden.

Ist unser Schulsystem denn Ihrer Meinung nach durchlässig genug?

Heßling: Oh, das ist eine ganz schwierige Frage. Meine persönliche Meinung ist, dass wir ein sehr vielfältiges Schulsystem haben. Wenn ich mir allein die Schulformen anschaue, die es in Nordrhein-Westfalen gibt: Grundschule, Sekundarschule, Gesamtschule, Profilschule, Primusschule, Realschule, Gymnasium, Hauptschule. Das ist ja schon eine beeindruckende Anzahl. Dann guck ich mir noch die Berufskollegs an, wo man inzwischen auch alle Abschlüsse machen kann. Ich glaube, dass vielen Eltern nicht bewusst ist, dass man auch am Berufskolleg die Allgemeine Hochschulreife erwerben kann. Wir haben in NRW eine große Vielfalt. Die Durchlässigkeit wird eher in Bezug auf den Standort eingeschränkt. Wenn ich die Gesamtschule präferiere und da gibt es keinen Platz, wird es schwierig.

Der Förderbedarf ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Vor allen Dingen auch im emotionalen Bereich gibt es Defizite. Woran liegt das?

Tönnis: Das kann man gar nicht so pauschal sagen. Das hat ganz vielfältige Ursachen. Zum Beispiel das schon vor Jahren zurückgegangene Einschulungsalter. Das merkt man ganz deutlich. Und dann gibt es ganz viele gesellschaftliche Gründe. Familie hat sich heute verändert. Es gibt vielfältige Familienstrukturen wie Patchworkfamilien, Alleinerziehende etc., aber auch die alte Struktur von Mutter-Vater-Kind. Die Medienwelt hat sich verändert und die beruflichen Anforderungen und das familiäre Zusammenleben haben sich in den Haushalten verändert. Auch können gesundheitliche oder genetische Ursachen hineinspielen.

Heßling: Die wissenschaftliche Forschungslage dazu ist nicht sehr eindeutig.

Haben Sie denn Beispiele, was zum Beispiel anders ist im Vergleich zu vorher?

Tönnis: Diese Kinder haben zum Teil zunächst andere Themen. Da steht nicht Lernen und Lesen und Rechnen im Vordergrund. Sondern, dass ich Kontakt mit meinem Nachbarn aufnehme und auch mal aushalte, wenn der sagt, ich möchte jetzt nicht mit dir spielen. Auch auszuhalten, dass man Dinge beenden muss und nicht einfach mittendrin aufhören kann. Dass man abwarten muss, bis man an der Reihe ist. Ebenfalls bekommt man nur Lob, wenn man sich wirklich bemüht hat. Fehler sind nicht schlimm, wenn man daraus lernt und es nochmals probiert. Man muss lernen durchzuhalten, auszuhalten und sich auch mal durchzubeißen. Das müssen mehr Kinder heute erst einmal lernen als früher.

Ist Inklusion Ihrer Meinung nach gescheitert?

Heßling: Nein. Wir haben als Förderschule dazugelernt. Die Eltern entscheiden, ob sie ihr Kind zu uns bringen, das wird nicht mehr durchs Schulamt verordnet. Die Eltern haben Wahlmöglichkeiten, wir haben uns verändert. Im Bereich der Berufswahl haben wir das ganz deutlich gemerkt. Die Zusammenarbeit mit dem Integrationsfachdienst, mit der Agentur für Arbeit ist eine ganz andere geworden. Zu schauen, wo ist der geeignete Arbeitsplatz für den jungen behinderten Erwachsenen: Ist es die Werkstatt für Behinderte, ist es der erste Arbeitsplatz? Das ist alles durch den Inklusionsgedanken auf den Weg gebracht worden. Der Inklusionsgedanke hat ja auch die Gemeinde Nordkirchen geradezu beflügelt und das Projekt „Nordkirchen auf dem Weg zur inklusiven Gemeinde“ initiiert.

Hat die letzte NRW-Regierung das Thema Inklusion nach vorne gebracht?

Heßling: Die UN-Konvention hat den Stein ins Rollen gebracht; die Landesregierung hat den Stein dann aufgegriffen. Dabei hat sie meiner Meinung nach nicht immer eine glückliche Hand gehabt. Es hat zu wenig Zeit für die Entwicklung einer Willkommenskultur gegeben und diese Willkommenskultur gehört unbedingt zur Inklusion dazu. Es müssen alle in der allgemeinen Schule willkommen sein. Und wenn ich das nur von oben verordne und ich nehme die Menschen nicht mit, dann ist die Gefahr groß, dass Widerstände erzeugt werden und diese immer größer werden.

Zwischendurch stand auch zur Debatte, Förderschulen ganz aufzulösen. Was denken Sie darüber?

Heßling: Die Debatte hat man aus gutem Grund wieder zurückgenommen. Kreise, die ihre Förderschulen aufgelöst haben, etablieren sie wieder. Ich denke, dass die Förderschulen einen wichtigen Teil in der Bildungslandschaft erfüllen und dass sie weiterhin notwendig sind. Die müssen sich aber genauso weiterentwickeln wie das die allgemeinen Schulen das auch müssen. Und dann gibt es irgendwann eine Schule für alle. Es kann ja auch Lernen von Schülern einer Grundschule und einer Förderschule unter einem Dach sein, so wie die Mauritiusschule und die Maximilian-Kolbe-Schule es in Nordkirchen seit sieben Jahren mit Erfolg machen.


Wie muss sich denn Inklusion Ihrer Meinung nach entwickeln? Sind wir auf einem guten Weg, dass alle irgendwie ein bisschen besser teil dieser Gesellschaft sein können?

Heßling: Diese kleinen Schritte gehören dazu. Mir fällt dazu Beppo der Straßenkehrer in dem Buch „Momo“ ein. Seine Devise ist nicht, die ganze Straße auf einmal zu denken, sondern Schritt für Schritt, Meter für Meter. Und dann ist irgendwann die Straße fertig. Aber wenn ich die ganze Straße denke, dann werde ich verrückt. Dann kann ich nicht arbeiten. Und so ist es bei der Inklusion. Das heißt: von Beppo lernen.


Tönnis: Und vielleicht noch etliche Beppos um sich herumhaben, die mithelfen, dass die Straße leichter zu fegen ist.

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