Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs: Priester war auch in Nordkirchen und Werne tätig

rnMissbrauchsvorwürfe in der Kirche

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche schlägt seine Wellen auch in Nordkirchen und Werne: In anonymen Briefen erheben Betroffene schwere Vorwürfe gegen Pfarrer Albeck.

Nordkirchen, Werne

, 11.03.2019, 15:52 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist ein Schock. Laut Gregor Wolters, aktueller Pfarrer der Gemeinde St. Mauritius in Nordkirchen, passt dieses Wort gut zu dem Gefühl, das sich am Sonntag im Gottesdienst breitmachte: Dort hatte er – bevor eine entsprechende Pressemittelung des Bistums Münster herausgegeben wurde – den Gemeindemitgliedern mitgeteilt, dass es anonyme Missbrauchsvorwürfe gegen Alfred Albeck gibt, der von 1973 bis 1984 in der Gemeinde St. Mauritius als Pfarrer tätig war, zuvor von 1961 bis 1964 als Kaplan in der Gemeinde St. Konrad in Werne.

Plakate mit Vorwürfen am Grab befestigt

„In drei gleichlautenden anonymen Briefen, die an drei Pfarreien im Bistum Münster versandt wurden, wurden Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen einen verstorbenen Priester A. des Bistums Münster erhoben“, erklärt das Bistum in einer Pressemitteilung.

Die Briefe gingen nicht an die Gemeinden in Werne und Nordkirchen, sondern an die Pfarreien in Issum-Sevelen, Kevelaer-Winnekendonk und Kranenburg-Frasselt, wo Priester A. alias Pfarrer Albeck auch tätig war. Dort, so sagt es Bardo Schaffner, beim Bistum seit drei Jahren Ansprechperson für Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs, sollen die Tatorte der sexuellen Missbräuche gewesen sein.

Vita des beschuldigten Pfarrers
  • Der betreffende Pfarrer wurde 1961 zum Priester geweiht.
  • Er war Kaplan in Werne, St. Konrad (1961-1964), in Emmerich, Liebfrauen (1964-1967), in Issum-Sevelen, St. Antonius (1968-1973). 1967 bis 1968 war er Militärpfarrer in Altahlen/Heessen.
  • Pfarrer war er in Nordkirchen, St. Mauritius (1973-1984), in Kevelaer-Winnekendonk, St. Urbanus (1984-1988), und in Kranenburg-Frasselt, St. Antonius (1988-1993).
  • Danach trat er in den Ruhestand.

Laut Bistum enthielten die Schreiben Fotos von dem Grab des 2002 in Kranenburg-Frasselt verstorbenen Priesters, an dem Hinweisblätter auf den Missbrauch in Form von Plakaten angebracht waren. Genauere Angaben zu den Vorwürfen und zum Inhalt der Briefe und Hinweisblätter macht das Bistum auf Anfrage der Redaktion nicht. „Es geht uns jetzt in erster Linie erst mal darum, dass sich mögliche weitere Betroffene bei uns melden“, sagt Michaela Kiepe aus der Pressestelle des Bistums.

Das, so erklärt es der Nordkirchener Pfarrer Gregor Wolters, war auch der Grund, warum er am Sonntag ganz offen mit seiner Gemeinde gesprochen hat. Vielleicht auch, um einem möglichen Opfer von damals – elf Jahre war Alfred Albeck schließlich in Nordkirchen – „Mut und Kraft zu geben, sich der Geschichte zu stellen“.

Entsetzen auch in Werne

In Werne erfuhren die Gemeindemitglieder bei der Generalversammlung von St. Konrad am Samstag, 9. März, und im Gottesdienst am Sonntag, 10. März, in St. Sophia von den Missbrauchsvorwürfen. Sie reagierten mit Entsetzen. „Ich bin vom Hocker gefallen. Er ist bei uns ein- und ausgegangen. Ich habe ihn als netten, jungen Kaplan kennengelernt. Ich kann es mir nicht vorstellen. Es wurden damals nie solche Vorwürfe gemacht“, erklärt Günter Herrmann, der seit 1963 Organist in St. Konrad ist.

Der 72-Jährige kann sich noch gut an die Zeit mit Kaplan Alfred Albeck erinnern. Der ehemalige Kaplan Alfred Albeck, der bereits seit den 50er-Jahren für die Gemeinde tätig war, habe sich für die Christliche Arbeiterjugend (CAJ) engagiert und sie mit aufgebaut. Unter anderem war er Ehrenmitglied der Theaterabteilung, die 1952 gegründet wurde. Seine Zeit in Werne endete schließlich im Juli 1964, als er Pfarrer Paul Hennemann einführte. Auch nach dem Abschied aus Werne hätten ihn noch junge Gemeindemitglieder an seiner neuen Wirkungsstätte besucht.

„Nicht besonders beliebt“

Ein Gemeindemitglied, das anonym bleiben möchte, lernte den Pfarrer seinerzeit nach eigenen Angaben als sehr zurückhaltenden Menschen kennen. „Er war ein ziemlich ruhiger und verhaltener Zeitgenosse. Ich habe im Prinzip kein Wort mit ihm gesprochen.“ Im Allgemeinen sei der Pfarrer in der Gemeinde nicht besonders beliebt gewesen.

Mit Entsetzen erfuhr das Gemeindemitglied nun von den Vorwürfen. Dass der Pfarrer in einen möglichen Missbrauch verwickelt war, hätte sich das Gemeindemitglied nach eigenen Angaben nie vorstellen können. Auch ein anderes Mitglied zeigte sich sehr geschockt über die Vorwürfe. „Das hätte ich nie von ihm erwartet“, sagt der Mann, der seinen Namen nicht öffentlich nennen möchte.

In der katholischen Kirchengemeinde Werne war Pfarrer Jürgen Schäfer, der sich zurzeit auf Exerzitien befindet, nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Keine Hinweise auf sexuelle Missbräuche

Laut Bistum gab es zu Lebzeiten des Priesters keine Hinweise auf sexuelle Missbräuche, für die er zu verantworten wäre. Auch in der Personalakte des 1961 zum Priester geweihten Mannes nicht.

„Es haben sich bereits Betroffene gemeldet“, heißt es in der Pressemitteilung des Bistums. Drei Betroffene seien namentlich bekannt, erklärt Bardo Schaffner vom Bistum weiter.

Bisher sei aus Nordkirchen aber noch kein Betroffener bekannt, sagt Gregor Wolters. Aber: „Die Menschen sind traurig, wütend und erschrocken. Und manchmal sind sie auch verzweifelt – dass das Kirche ist“, erklärt er weiter mit deutlichen Bedauern in der Stimme.

Bistum strebt Aufarbeitung an

Die Verantwortung für die Aufarbeitung will er ganz bewusst nicht von der Kirchengemeinde weisen und geht damit d‘accord mit Bischof Felix Genn, der erst vor Kurzem auf einer Tagung gesagt hatte: „Uns darf es als Gemeinschaft, in der wir in Mithaftung genommen werden, nicht darum gehen, am Ende selbst gut dazustehen.“ Wichtig sei deshalb vor allem jetzt die Aufarbeitung.

„Wir gehen mit dem Thema sehr offen um“, sagt Michaela Kiepe vom Bistum Münster. Es gebe genau deshalb jene speziell eingesetzten „Ansprechpersonen für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs“.

Langes Schweigen beendet

Weil die Verantwortlichen vermuten, dass es weitere Betroffene gibt, habe man die Vorwürfe nun öffentlich gemacht. „Wir möchten die Möglichkeit geben, dass sich weitere Betroffene melden. Für die Betroffenen ist es eine große Belastung. Wenn sie darüber sprechen, kann es ein Akt der Psycho-Hygiene sein“, sagt der zuständige Ansprechpartner Bardo Schaffner.

Bereits nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie in der Katholischen Kirche in Deutschland im Herbst 2018 haben sich viele Betroffene bei dem Pädagogen und seiner Kollegin und Juristin Bernadette Böcker-Kock gemeldet.

„Da waren Personen dabei, die 70 Jahre lang nicht darüber gesprochen haben. Das war ein großer Schritt für sie, weil es natürlich sehr einschneidende Erlebnisse in ihrem Leben waren“, sagt Schaffner.

Kontaktstelle für Betroffene Sollte es weitere Betroffene geben, bittet das Bistum diese, sich bei den Ansprechpersonen für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs zu melden. Kontakt: Bernadette Böcker-Kock, Tel. (0151) 63404738, und Bardo Schaffner, Tel. (0151) 43816695.
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