Bundestagskandidat Klaus Stegemann (Linke) in seinem Garten in Dülmen. © Dennis Görlich
Bundestagswahl 2021

Klaus Stegemann (Linke) legt sich regelmäßig mit dem US-Militär an

Der Dülmener Klaus Stegemann hat schon in vielen Berufen gearbeitet. Seine Berufung sieht er allerdings in der Politik. Der 61-Jährige möchte für die Linke in den Deutschen Bundestag.

Es ist ein kleiner Anstecker, den Klaus Stegemann an seinem Pullover befestigt hat und der sofort ins Auge sticht, als er seine Haustür öffnet. Dieser Anstecker vermittelt nicht nur eine klare Botschaft, er ist auch ein Hinweis auf die politischen Wurzeln des Linken-Bundestagskandidaten für den Wahlkreis Coesfeld – Steinfurt II.

Eine rote Sonne, umrahmt von dem bekannten Spruch „Atomkraft? Nein Danke“ ziert den Pulli des 61-Jährigen Politikers aus Dülmen. Dabei war er als Schüler noch etwas anderer Ansicht. „Im Physik-Unterricht war ich noch fasziniert von der Technologie der Kern-Spaltung“, verrät Stegemann im Gespräch am Esstisch.

Zivildienst in der Obdachlosenhilfe

Als ihm klar wurde, welche Gefahren die Atomkraft mit sich bringt, sei er zum Gegner der Technologie geworden, so Stegemann. „Nicht einmal unbedingt aus einer politischen Überzeugung, sondern weil das auch dem Zeitgeist entsprach.“ In dieser Zeit, Anfang der 1980er Jahre, wurde er dann erstmals Mitglied in einer politischen Partei: bei den Grünen.

Seine berufliche Zukunft sah er aber woanders: Nach seinem Abitur begann der Dülmener ein Lehramtsstudium in den Fächern Kunst und Musik. „Musik und Malerei waren schon immer meine Interessen“, sagt Stegemann. Dem Studium fühlte er sich direkt nach der Schule dann aber doch noch nicht gewachsen, sodass er sich zwischenzeitlich für den Zivildienst entschied.

17 Monate war Stegemann da in der Obdachlosenhilfe tätig und lernte dort viele Menschen in prekären Lebensverhältnissen kennen. Dennoch hat der 61-Jährige auch positive Erinnerungen an diese Zeit: „Ich konnte Skat spielen, die Menschen waren immer begeistert, wenn ich mich dazusetzte und mit ihnen Skat spielte.“

Nach dem Zivildienst wagte Stegemann einen erneuten Anlauf in seinem alten Studiengang, brach dann aber endgültig ab.

Postbote, Betonwerker und Verkäufer

Der Bundestagskandidat weiß selbst, wie es ist, prekär beschäftigt zu sein. In den vergangenen Jahrzehnten arbeitete er unter anderem als Postbote, Betonwerker und als Verkäufer im Münsteraner Hauptbahnhof. Was alle Jobs gemeinsam hatten: Sie wurden schlecht bezahlt.

Dafür gibt Stegemann den Grünen eine Mitschuld in der Schröder-Regierung. „Ich war perplex, als die Agenda 2010 plötzlich kam“, verrät der Kommunalpolitiker. „Die hat dazu geführt, dass Leute heute prekär beschäftigt sind“, ist Stegemann überzeugt.

Nach Bekanntwerden der Reform beendete er die Mitgliedschaft bei den Grünen und schloss sich 2007 der Linken an. „Da bin ich kommunalpolitisch wieder aktiv geworden.“

Seit 2013 sitzt Klaus Stegemann im Dülmener Stadtrat. Als Politiker der Linken sei er seitdem schon oft unsachlicher Kritik ausgesetzt gewesen, wurde unter anderem als Stalinist betitelt. „Es gibt noch massive Vorurteile gegenüber einer alternativen Vorstellung von Wirtschaftspolitik“, bemängelt Stegemann.

Aktuell ist er erwerbslos. „Ich bin nicht arbeitslos, weil beschäftigt bin ich rund um die Uhr mit der Kommunalpolitik“, so der Bundestagskandidat. Außerdem ist Stegemann ehrenamtlich sehr aktiv.

Klaus Stegemann weiß die Lebensqualität zu schätzen, die ein Haus bietet. Er selbst wohnt zur Miete. In seinem Garten hat er einen kleinen Teich.
Klaus Stegemann weiß die Lebensqualität zu schätzen, die ein Haus bietet. Er selbst wohnt zur Miete. In seinem Garten hat er einen kleinen Teich. © Dennis Görlich © Dennis Görlich

Mahnwachen und eine Erstaufführung

Als überzeugter Fahrradfahrer setzt er sich für eine bessere Radinfrastruktur im Kreis Coesfeld ein. Bei den Friedensfreunden in Dülmen fordert er unter anderem die militärische Abrüstung. „Wir stehen seit zwei Jahren wöchentlich mit einer Mahnwache vor den Tower Barracks“, berichtet der Linken-Politiker. Dort betreibt das US-Militär ein Material-Depot.

In einem Friedenschor singt Stegemann zusammen mit Menschen aus der Region – auch mit Unterstützung seiner Gitarre. Er selbst bezeichnet sich als leidenschaftlichen Gitarrenspieler. Täglich übt er und versucht sich zu verbessern, wie er sagt.

Das versucht er auch beim „Jammen“ mit seiner Band, mit der er sich mindestens ein Mal im Monat trifft. Neben Gitarre, Schlagzeug, Bass und Percussion soll bald sogar ein Akkordeon die Musikgruppe ergänzen.

Gespielt wird aber nicht nur in kleinem Kreis: „Hin und wieder laden wir auf eigenen Geburtstagen Leute dazu ein und spielen dann“, so Stegemann. Erstmals mit seinem 60. Geburtstag feierte er – kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie – in einem größeren Rahmen. Fast schon stolz berichtet Stegemann von einem besonderen Moment der Feier. An diesem Tag habe das Geburtstagskind für eine kuriose Erstaufführung eines Stückes des US-Komponisten John Cage in Dülmen gesorgt.

Das präsentierte Werk „4′33“ – der Titel ergibt sich aus der Dauer des Stückes – kommt ohne das Spielen eines Instrumentes aus. „Die Musik besteht aus der Geräuschkulisse des Publikums“, so Stegemann. „Da habe ich extra noch Flugblätter verteilt, damit die Gäste wissen, warum wir da rum stehen, aber nichts machen.“

Die Sache mit den Wahrscheinlichkeiten

In der Politik will er dagegen weiter anpacken. Noch bis mindestens 2025 im Dülmener Stadtrat, vielleicht sogar demnächst im Bundestag. Auch, wenn er seine Chancen einer Direktwahl nach Berlin sehr gering einschätzt, wenn nicht sogar unwahrscheinlich.

„Es hieß aber auch: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird keinem Atomkraftwerk etwas passieren.“ Dann seien Tschernobyl und Fukushima in die Luft geflogen, „und die mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit hat sich in Luft aufgelöst.“

Über den Autor
Redakteur
1989 im Ruhrgebiet geboren, dort aufgewachsen und immer wieder dahin zurückgekehrt. Studierte TV- und Radiojournalismus und ist seit 2019 in den Redaktionen von Lensing Media unterwegs.
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Dennis Görlich

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