Klimaschutz - was heißt das in Nordkirchen?

Windräder, Photovoltaik, LEDs

Wer ist in Nordkirchen für Windkraft, wer dagegen? Auf welchen Dächern kann es neue Photovoltaik-Anlagen geben? Wie sieht es aus mit Biogas-Anlagen? Soll sich Nordkirchen energietechnisch selbst versorgen können - wäre das ein Ziel? Im großen Interview erklärt Nordkirchens Bauamtsleiter Josef Klaas, was Klimaschutz ganz konkret bedeutet.

NORDKIRCHEN

, 12.12.2015 / Lesedauer: 5 min

Wenn man auf der Homepage der Gemeinde Nordkirchen nach dem Stichwort „Erneuerbare Energie“ sucht, bekommt man genau ein Ergebnis aus dem Jahr 2009: den „Tag der Sonne“. Das ist nicht viel. 

Klaas: Das ist richtig. Eins ist nicht viel.

Warum taucht da so wenig auf?

Klaas: Das Stichwort mag wenig auftauchen, das Thema verbirgt sich aber auch hinter vielen anderen Stichworten und anderen Themen. Vielleicht müssen wir uns überlegen, ob wir das Wort „Klima“ nicht deutlicher hervorheben. Allerdings heißt es nicht, dass wir uns mit dem Thema nicht beschäftigen.

Wo taucht das Thema in Nordkirchen denn auf?

Klaas: Ganz aktuell ist es der Wiedereinstieg in die Diskussion um die Windkraftnutzung in Nordkirchen. Das ist für uns ein klimarelevantes Thema, obwohl der Klimaschutz hier nicht die einzige Motivation ist. Nachdem wir 2013/2014 den Untersuchungsprozess abgebrochen hatten, haben wir jetzt nach einem entsprechenden Ratsbeschluss einen neuen Anlauf gestartet und werden das Thema in den nächsten Ausschusssitzungen fortführen, zum Beispiel mit Vorschlägen, wo Windvorrangzonen in Nordkirchen entstehen könnten.

Warum wurde die Planung überhaupt abgebrochen?

Klaas: Es wurde damals schon mithilfe eines Ingenieurbüros eine flächendeckende Betrachtung erarbeitet und angesichts der damals sehr knappen Mehrheitsverhältnisse für das Thema hat Bürgermeister Dietmar Bergmann gesagt: Mit einer Stimme Mehrheit möchte er keine Verfahrensschritte einleiten, die jeweils für sich Geld kosten und die gleichzeitig Erwartungshaltungen bei Befürwortern wecken, die auch dazu führen, dass auf privater Seite viel Geld zunächst für die Planung von für Anlagen in die Hand genommen wird. Und wenn wir als Gemeinde noch nicht einmal wenigstens signalisieren können, dass wir das Projekt zum Ende mittragen, dann ist das Risiko des Scheiterns – auch mit der Folge von finanziellen Verlusten für Private – zu hoch. Da wünschen wir uns nach wie vor eine deutlich breitere Unterstützung. Die komplette Ausarbeitung gibt es derzeit noch nicht, es gibt erste Vorschläge.

Es gibt Befürworter, es gibt Gegner – wie sind die Lager verteilt?

Klaas: Statistisch kann ich das schlicht nicht bewerten. Es gibt alle Positionen, von extrem dagegen bis extrem dafür. Es gibt viele, die beobachten. Da spielt die Frage eine Rolle: Wie nah rückt eine solche Anlage an mein Wohnhaus heran? Wir sagen nicht, dass Windkraftanlagen zwingend eine Bereicherung für die Landschaft sind. Aber wenn man die Energiewende ernst nehmen und betreiben will, dann gehören dazu nicht nur Beschlüsse auf einem Klimagipfel, in Berlin oder Düsseldorf, sondern das geht eben in die einzelnen Kommunen und damit auch bis Nordkirchen.

Welche Potenziale hat Nordkirchen denn, die Energiewende voranzutreiben?

Klaas: Es ist die Photovoltaik, die sehr stark und sehr weit verbreitet ist, die wir ja auch mit eigenen Aktionen unterstützt haben, wie eben dem „Tag der Sonne“. Aber neben der Photovoltaik ist es im flachen Nordkirchen eben nur noch die Windkraft, die bestimmte Potenziale hat. Und es ist auch für einige landwirtschaftliche Betriebe eine Überlegung, sich damit ein weiteres Standbein aufzubauen. Auch diese Betriebe wollen und müssen sich Gedanken machen, wie sie sich angesichts wandelnder Strukturen in der Landwirtschaft auch in ein paar Jahren noch aufstellen wollen.

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Gibt es noch andere Technologien, die Nordkirchen nutzen könnte?

Klaas: Es gibt eine Biogasanlage. Das ist statistisch gesehen wenig, aber angesichts der reduzierten Fördermöglichkeiten für Biogasanlagen sehe ich im Moment nicht, dass es da weitere geben wird.

Der Kreis Steinfurt arbeitet darauf hin, sich komplett eigenständig versorgen zu können. Wäre das auch ein Ziel für Nordkirchen?

Klaas: Man muss dazu sagen: Beim Kreis Steinfurt gibt es das Klimaziel, den gesamten Energiebedarf theoretisch selbst produzieren zu können. Das bedeutet aber nicht, dass kein Zukauf beziehungsweise eine Lieferung von außen stattfinden muss. Auch der Kreis Coesfeld ist nach den jüngsten Entwicklungen auf dem Weg, sich ein solches Ziel zu setzen, was wir auch sehr begrüßen. Die Gemeinde Nordkirchen hat sich ein solches Ziel noch nicht gesetzt. Das tun wir vielleicht noch.

Wir haben aber als Grundlage für solche Diskussionen ein Klimaschutzkonzept erarbeiten lassen und auch sowohl öffentlich als auch in der Politik diskutiert. Und aufgrund dieser Ausarbeitung gibt es eben auch den Arbeitsauftrag an die Verwaltung, bestimmte Dinge zu forcieren, die diesem großen Ziel dienen. Das machen wir mit vielen kleinen Schritten und nicht immer unter der großen Überschrift „Klimaschutzkonzept“.

Inwieweit sind das Ziele, die von oben an die Gemeinde herangetragen werden und wie viel davon ist eigene Motivation?

Klaas: Es gibt in der Verwaltung eine hohe eigene Motivation. Die hat es auch schon gegeben, bevor man ein Klimaschutzkonzept hatte. Wer sich mit dem Thema nicht beschäftigt, der braucht auch kein Klimaschutzkonzept. Natürlich macht man so ein Konzept, um festzustellen, wo man eigentlich steht, wo Potenziale sind. Das sind nicht alles Aktionen der Gemeinde. In solchen Konzepten wird ja auch ausgearbeitet und vorgeschlagen was Private und was Firmen, was andere Behörden und Einrichtungen liefern und leisten können. Damit soll auch ein Diskussionsbeitrag zum Beispiel für Private geliefert werden, sich zu überlegen, was man persönlich machen kann.

Zum Beispiel?

Klaas: Zum Beispiel Photovoltaik: Wir haben für Photovoltaik geworben, das tun wir auch immer noch. Das bedeutet zum einen, dass wir im Rat diskutiert haben, ob wir selbst Anlagen bauen wollen. Wir haben uns dagegen entschieden, aber auch den Beschluss gefasst, dass wir geeignete Dächer auf Gemeinde-Gebäuden dafür gegen eine Miete an Private zur Verfügung stellen. Daraus resultierte zum Beispiel die Bürger-Solar GbR in Nordkirchen. Die ist auch unserer Ansicht nach immer noch ein Erfolg. Solche Aktionen müssten aber in einen Gesamtrahmen passen und das könnte eben ein Klimaschutzkonzept sein. Und beim Thema Wind sehen wir die Planung nicht nur für die Gemeinde, sondern für die Einwohner und sehen, dass Nordkirchener die Möglichkeit bekommen, sich an potenziellen Windkraftanlagen finanziell zu beteiligen – oft bezeichnet als „Bürger-Windanlagen“. Das ist keine Planung für reiche Investoren.

Erst vor Kurzem gab es als eine lokale Aktion die „Energietage Südkirchen“. Warum blieb die Veranstaltung hinter den Erwartungen zurück?

Klaas: Die Veranstaltung lief überhaupt nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Da ist einiges an Arbeit und Aufwand von Privaten und Firmen geliefert worden. Die Resonanz war aber viel zu schwach. Ich führe das nach wie vor darauf zurück, dass es schwierig ist, Menschen für globale Themen zu mobilisieren. Das war zum Beispiel auch bei der Diskussion über das Energie- und Klimaschutzkonzept so. Es gab einen harten, interessierten Kern, aber eigentlich erreicht man aus meiner Sicht mit dieser Diskussion zu wenig Menschen. Wir müssen konkreter werden und näher ran an diejenigen, die es betrifft. Und das ist zum Beispiel im Rahmen des Themas „Wohnzukunft Südkirchen“ der Fall.

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Welche Stellschrauben gibt es noch, an denen Sie als Verwaltung drehen können?

Klaas: Man muss deutlich sehen: Als Gemeinde können und wollen wir auch gar nicht Eigentümern vorschreiben, was sie zu tun haben. Wir wollen beraten, Hilfestellung anbieten und Verbindungen zu Institutionen, Planern und Firmen aufbauen, die Beratungsdienste anbieten. Es ist aber auch so, dass wir uns als Gemeinde ständig selbst prüfen müssen. Wir sind Besitzer von mehr als 30 Gebäuden, die ja auch zum Teil in die Jahre gekommen und sanierungsbedürftig sind.

Einige Beispiele: Wir haben zwischen der Sporthalle Nordkirchen und der Gesamtschule einen Wärmeverbund hergestellt und im Rathaus LED-Beleuchtung installiert, die energiesparender sein wird. Wir werden in den nächsten Jahren zum Beispiel bei der Straßenbeleuchtung über LED-Technik nachdenken. Das heißt, wir fühlen uns verpflichtet, unsere eigenen Anlagen auf einen Stand zu bringen, den man heute für zeitgemäß und energetisch vertretbar hält. Das wird aber immer vom Geld und von Förderprogrammen abhängen, die es mal gibt und mal nicht.

 

Das ganze Gespräch zum Anhören im Podcast-Feed der Ruhr Nachrichten: 

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