Im Bistum Münster wollen sich jetzt Betroffene von sexuellem Missbrauch als Gruppe organisieren. © picture alliance/dpa
Missbrauchsskandal

Missbrauch in der katholischen Kirche: Betroffene schließen sich zusammen

Die Aufarbeitung von Sexualverbrechen durch Pfarrer im Bistum Münster dauert an. Jetzt rufen Betroffene dazu auf, sich als Gruppe unabhängig zu organisieren.

Auch im Bistum Münster sind in den vergangenen Jahren mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch aufgedeckt worden. Unter anderem wird zwei bereits verstorbenen Pfarrern, die in Selm (Theo Wehren) und Nordkirchen (Alfred Albeck) tätig waren, vorgeworfen, sich während ihrer Tätigkeit an Kindern vergangen zu haben. Das Bistum bemüht sich um Aufarbeitung – mit unabhängiger Unterstützung. Eine Expertenkommission aus Geschichtswissenschaftlern der Uni Münster wälzt seit dem vergangenen Jahr Akten – und spricht mit Betroffenen.

Genau die haben jetzt die Initiative ergriffen. In einem offenen Brief schreiben sie: „Wir halten es für wichtig, dass nicht über uns und – von wem auch immer – für uns als Betroffene gesprochen wird, sondern dass nur wir für uns selbst sprechen, und zwar als unabhängige Gruppe. Deshalb versuchen wir, uns selbständig zu vernetzen und zu organisieren.“

Weiter heißt es in dem Schreiben zur Zielsetzung dieser Vernetzung: „Am Ende dieses Prozesses könnte eine eigenständige Betroffenenorganisation, eine Betroffenenbeteiligung und/oder etwas Drittes stehen. Aus diesem Grunde suchen wir Kontakt zu weiteren Betroffenen, die Interesse an einem dieser Ziele haben oder auch nur mit anderen Betroffenen Austausch wünschen. Das Bistum Münster unterstützt diese Kontaktaufnahme und unsere Arbeit.“

Keine Abhängigkeit vom Bistum

Diese Unterstützung habe aber lediglich dienstleistenden Charakter – das schreibt wiederum das Bistum in einer Pressemitteilung. „Es wird im Auftrag von Betroffenen, mit denen die Diözese in den letzten Wochen und Monaten in intensivem Austausch war, weitere Betroffene anschreiben, die der Diözese bekannt sind. Dieses Vorgehen unterscheidet sich von den bisherigen Ausschreibungen zur Betroffenenbeteiligung anderer Bistümer in Deutschland darin, dass der Aufruf von Betroffenen selbst an andere Betroffene ausgesprochen wird“, heißt es darin.

„Uns ist es wichtig, erst gar nicht den Eindruck entstehen zu lassen, dass Betroffenenbeteiligung nur mit Zustimmung oder in Abhängigkeit vom Bistum möglich ist. Vielmehr sollen und können Betroffene sich unabhängig vom Bistum organisieren, sich mit den Fragen und Themen befassen, die ihnen wichtig sind und sich auch in der Öffentlichkeit so positionieren, wie sie das für richtig halten. Das Bistum ist hier außen vor und unterstützt die Betroffenen nur und in der Form, wie sie das möchten“, wird Stephan Baumers von der Interventionsstelle des Bistum Münster zitiert.

Ein Treffen der Betroffenen geplant

Geplant ist nun, dass das Bistum nun „ein äußerlich absolut neutral gehaltenes Schreiben an alle Personen senden, deren Anschriften als Betroffene aus dem Bereich des Bistums vorliegen. Schwerpunktmäßig sind dies Personen, die Anträge auf Leistungen in Anerkennung des Leids gestellt haben. Verfasser des Briefes sind die Betroffenen, von denen die Initiative jetzt ausgeht, nicht das Bistum.“

Wahrscheinlich im Herbst dieses Jahres soll es ein Treffen der Betroffenen geben – ohne Beteiligung des Bistums. Für Rückfragen stehen Martin Schmitz von der Selbsthilfe Rhede, Tel. 0171 478 5602, und als Verantwortlicher für die Betroffenenbeteiligung des Bistum Münster, Stephan Baumers, Tel. 0251 495 6029 zur Verfügung.

Nach ersten Erkenntnissen der Expertenkommission hat es sich bei den meisten Tätern im Bistum Münster um Intensiv- und Langzeittäter gehandelt. Die Opfer der Priester warum zu den Zeitpunkten der Taten durchschnittlich elf Jahre alt.

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Marie Rademacher