Bei schönem Wetter treffen sich am Bikertreff in Nordkirchen viele Motorradfahrer, um Pause zu machen oder um sich mit Freunden zu treffen. © Julian Preuß
Motorradunfälle

Motorradfahrer am Bikertreff Nordkirchen äußern Ideen für mehr Sicherheit

Die tödlichen Motorradunfälle in Lüdinghausen und Selm beschäftigen auch die Menschen am Bikertreff Nordkirchen. Sie haben Vorschläge, wie man Unfällen entgegenwirken könnte.

Große Bäume spenden etwas Schatten für die Menschen, die sich beim Bikertreff Nordkirchen draußen aufhalten. Andreas und Christoph sitzen mit einem weiteren Freund an einem Holztisch, etwas abseits der gut gefüllten Terrasse. Ihren vollständigen Namen wollen die beiden nicht veröffentlicht wissen. Ebenso wenig ein Foto.

Christoph trägt eine Motorradkombi aus Leder. Andreas sitzt im T-Shirt in der Mittagssonne. Gut gelaunt unterhalten sich die Männer. „Benzingespräche“, wie sie sagen. Doch angesprochen auf die beiden tödlichen Motorradunfälle in Selm und Lüdinghausen in der vergangenen Woche, kippt die Stimmung schnell.

Die ausgelassene Stimmung weicht einer Betroffenheit. „Tragisch“, nennt Andreas die Vorfälle. Seit seinem 40. Lebensjahr fährt er Motorrad, mittlerweile seit 17 Jahren. Er selbst habe bereits mehrere Unfälle erlebt. Nach seinem schwersten Unfall habe er an Krücken gehen müssen. „Teilweise hätten die auch anders ausgehen können“, sagt er rückblickend.

Polizei zählt bislang 32 verunfallte Motorradfahrer in diesem Jahr

Unfälle mit Motorradfahrern sind in der Umgebung vor allem wegen der beiden Unglücke in Selm und Lüdinghausen wieder in das Bewusstsein der Menschen gerückt. Man könnte meinen, sie sind in der letzten Zeit häufiger aufgetreten. 2021 sind bislang 32 Motorradfahrer verunfallt (Stand 10.9.). Diese Zahl gab die Polizei-Pressestelle des Kreises Coesfeld auf Anfrage dieser Redaktion heraus.

Der Unfall in Lüdinghausen war in diesem Jahr der erste mit einem tödlichen Ende. Die vollständige Unfallstatistik für 2021 werde erst im kommenden Jahr veröffentlicht. Erst dann könne man Rückschlüsse ziehen, ob es mehr oder weniger Unfälle mit Motorrädern gab als im letzten Jahr.

2020 verzeichnete der Kreis 120 Verunglückte mit motorisierten Zweirädern. Das sind 13 mehr als 2019. 107 Unfälle gab es in dem Jahr. 2018 lag dieser Wert allerdings noch bei 136. Von 2018 bis 2019 war dementsprechend ein Rückgang der Motorradunfälle zu verzeichnen. 2018 gab es aber 45 Unglücke mehr als 2017. 91 dieser Unfälle zählte die Polizei in dem Jahr.

ADAC: „Die Unfallzahlen sind wetterabhängig“

Dirk Krüger, Leiter des Bereichs Technik und Verkehr beim ADAC Westfalen, erklärt, dass die Zahl der verunfallten Motorradfahrer langfristig leicht zurückgegangen ist. Er sieht dafür mehrere Gründe: „Die Unfallzahlen sind wetterabhängig.“ So gebe es in regnerischen Zeiträumen weniger Vorfälle, weil dann weniger Menschen fahren würden. Zudem habe sich die Technik der Motorräder verbessert. Modernere Maschinen verfügen unter anderem über ein Antiblockiersystem (ABS). Dies verringere die Sturzgefahr. Der Rückgang könne aber auch auf Präventionsmaßnahmen zurückzuführen sein.

„Die Sicherheit der Motorradstrecken wurde in den vergangenen zehn Jahren in den Fokus gerückt“, sagt Krüger. Daraus resultiere beispielsweise die Installation eines Unterfahrschutzes an Leitplanken an bestimmten Stellen. Diese würden zwar nicht die Unfälle an sich verhindern, aber dennoch dafür sorgen, dass weniger schwere Verletzungen entstehen. Denn Motorradfahrer rutschen wegen des Unterfahrschutzes nicht mehr unter eine Leitplanke.

Unterfahrschutze verhindern schwerer Verletzungen

Unterfahrschutze hält auch Andreas für eine sinnvolle Maßnahme. Seiner Meinung nach müssten diese aber wesentlich häufiger verbaut werden. Zu hohe Geschwindigkeiten könne man aus seiner Sicht nur in wenigen Fällen als Unfallursache ausmachen. „Motorradfahrer werden im Straßenverkehr oft unterschätzt“, berichtet er. Der tödliche Unfall in Lüdinghausen bestätigt seine Empfindung.

Ein 33-Jähriger Autofahrer wollte laut Polizei nach links abbiegen. Dabei übersah er den Motorradfahrer, der ebenfalls von links kam. In Selm waren eine 42-jährige Autofahrerin und ein 31-jähriger Motorradfahrer beteiligt. Trotzdem meint Andreas: „Dass Motorradfahrer unterschätzt werden, ist mir besonders häufig bei älteren Menschen aufgefallen. Sie haben uns teilweise die Vorfahrt genommen, weil sie die Geschwindigkeit unterschätzt haben“, sagt er.

Motorradfahrer schlägt Reaktionstest für Menschen ab 70 vor

Andreas plädiert daher dafür, einen regelmäßigen Reaktionstest für über 70-Jährige einzuführen. Sich selbst nimmt er als Motorradfahrer ebenfalls in die Pflicht. „Ich gebe zu, dass ich gerne schnell fahre – aber nur auf Strecken, die ich kenne. Außerdem schneidet man keine Kurven und ich verurteile es, wenn jemand in Wohngebieten ballert“, sagt er.

Um den Geschwindigkeitsdurst vieler Motorradfahrer zu stillen, macht Andreas einen ungewöhnlichen Vorschlag: „Es wäre schön, wenn es mehr abgesperrte Strecken gebe, auf denen man ungestört und schnell fahren könnte. Im Ruhrgebiet gibt es so etwas nicht. Die nächste öffentliche Rennstrecke ist der Nürgburgring. Ich bin sicher, dass man weniger Motorradfahrer auf den Straßen sehen würde, wenn es hier eine Rennstrecke gebe.“ Das könnte ebenfalls sinkende Unfallzahlen und weniger Egoismus im Verkehr bedeuten.

Denn egoistisches Verhalten gebe es im Verkehr derzeit genug, meint Andreas, bevor er mit seinen Freunden die „Benzingespräche“ am Bikertreff Nordkirchen wieder aufnimmt.

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