Nordkirchen: Großes Lob für die Grünflächen, aber Kritik an der Verkehrsanbindung

rnStadtteilcheck Nordkirchen

Die Noten sind gut, die Nordkirchener zufrieden mit ihrem Ortsteil: Das ist das Ergebnis unsers großen Ortsteil-Checks. Einen deutlichen Kritikpunkt gibt es aber: die Verkehrsanbindung.

Nordkirchen

, 22.03.2019, 04:36 Uhr / Lesedauer: 5 min

Es lässt sich in Nordkirchen gut leben. Das sagt die 52-jährige Pia Tewes mit einem zustimmenden Lächeln, während bei einer Tasse Tee und einem Stückchen Kuchen in ihrem gemütlichen Wohnzimmer sitzt. Seit acht Jahren wohnt die gebürtige Dorstenerin, die lange in Dortmund gelebt hat, nun schon mit ihrer Familie in der Schlossgemeinde. Wie die meisten Teilnehmer unsere großen Umfrage für den Ortsteil-Check bewertet sie die Lebensqualität in Nordkirchen als gut. Es gibt aber einige „Abers“.

Nicht in diese Aber-Gruppe gehören allerdings die Grünflächen des Ortsteils. Mit 10 von 10 Punkten hat Nordkirchen hier durchschnittlich richtig gut abgeschnitten - vielleicht auch wegen des Schlossparks, der ja mitten im Ort und somit bei vielen fast vor der Haustür ist. Auch Pia Tewes mag den Schlosspark. Und sie kennt sich dort vor allem auch richtig gut aus: Sie arbeitet als Schloss- und Schlossparkführerin, zeigt Besuchern der Gemeinde oder interessierten Einwohnern also regelmäßig, was besonders ist am Schloss und am Grün, das es umgibt. „Der Park ist zum Glück öffentlich zugänglich - so können ihn viele Menschen nutzen“, erklärt Pia Tewes. „Man ist von Nordkirchen aus auch sonst recht zügig im Grünen, ohne mit dem Auto fahren zu müssen“, lobt sie ihren Ortsteil außerdem.

Nordkirchen: Großes Lob für die Grünflächen, aber Kritik an der Verkehrsanbindung

Die Grünflächen in Nordkirchen - wie hier der Schlosspark - bewerteten die Teilnehmer des Ortsteil-Checks besonders gut mit 10 von 10 Punkten. © Beate Dorn

Aber: Wenn es darum geht, nicht ins Grüne, sondern in eine andere Stadt oder auch nur in einen andern Ortsteil zu fahren, gebe es schon Probleme. Stichwort Verkehrsanbindung. „Man braucht eigentlich für alles ein Auto“, sagt Pia Tewes. Und sie ist nicht allein mit dieser Erfahrung.

Insgesamt haben bei unserer Umfrage zu den drei Nordkirchener Ortsteilen 490 Menschen mitgemacht: 213 aus Nordkirchen, 152 aus Südkirchen und 125 aus Capelle. Hier eine Analyse der Ergebnisse:

Das wurde gut bewertet

Lebensqualität: 9 von 10 möglichen Punkten bekommt der Ortsteil Nordkirchen von den Umfrageteilnehmern in der Kategorie Lebensqualität: Das ist ein Spitzenwert - mehr hat bei unserem Check kein Ortsteil in Selm, Olfen und Nordkirchen bekommen. Mit Blick auf Gemeindeebene teilt sich Nordkirchen den Spitzenplatz mit Capelle. Auch für den kleinsten Ort der Gemeinde gab es 9 Punkte. Die Lebensqualität in Südkirchen hingegen hat von den Teilnehmern „nur“ 8 Punkte bekommen.

Insgesamt - das spiegelt sich auch in den Kommentaren, die Umfrageteilnehmer hinterlassen haben - leben die Nordkirchener also gerne in ihrem Ortsteil. „Nordkirchen ist sehr lebenswert und der schönste Ort im Kreis!“, schreibt so zum Beispiel eine Frau (unter 25). „Ich wohne hier in Nordkirchen sehr gern, da es schön ländlich ist und man rundum von Natur umgeben ist“, so der Kommentar eines männlichen Teilnehmers in der Altersgruppe 35 bis 50. „Noki ist super“, schreibt außerdem ein Mann über 70.

Mit 10 Punkten bewertet eine andere Teilnehmerin die Lebensqualität in Nordkirchen und führt aus: „Nordkirchen ist zwar dörflich, hat aber eine ausreichende Geschäftswelt und Gastronomie, schöne Wohngebiete und Wälder rundum und ein Schmuckstück, das Schloss. Die Kinderheilstätte (Wohnbereiche, Kindergarten und Schule) ist eine ein tolle Einrichtung, die auch für Mitmenschen mit besonderen Bedürfnissen immer da ist. Super!!! Freizeitangebote und Sportangebote sind ausreichend vorhanden. Was will man mehr? Nichts!“

Radfahren: Auch für die Radfahr-Möglichkeiten gibt es eine gute Bewertung für den Ortsteil Nordkirchen: 9 von 10 Punkten haben die Teilnehmer der Umfrage hier vergeben. Das passt zum Münsterland: Erst Anfang des Monats war die Region auf der internationalen Tourismusbörse in Berlin zum zweitbeliebtesten Ziel für Radtouristen gewählt worden.

Das heißt aber nicht, dass es in dieser Kategorie in Nordkirchen keine Kritikpunkte gibt. „Es gibt gute Radwege außerhalb des Ortes, aber im Ort sind sie katastrophal: Keine Radweg trotz erlaubtem Tempo 50, ängstlichere Radfahrer benutzen deshalb die schmalen Gehwege“, schreibt ein Teilnehmerin in der Altersgruppe der 50- bis 70-Jährigen.

Nordkirchen: Großes Lob für die Grünflächen, aber Kritik an der Verkehrsanbindung

Kritik gibt es vor allem zur Verkehrsanbindung Nordkirchens. © Karim Laouari

Bürgerinnen wie sie sind gerade auch bei einer Umfrage des Kreises Coesfeld gefragt: Auf einer Online-Beteiligungsplattform können die Nutzer der Radwege im Kreis auf einer Karte Marken setzen, wo es im Alltags-Netz die Notwendigkeit zu Verbesserung gibt. Auf Basis der Befragung soll unter Mitarbeit der einzelnen Kommunen im Kreis ein Radverkehrskonzept für den ganzen Kreis erarbeitet werden.

„Auf besonders stark frequentierten Verbindungen wollen wir gemeinsam mit allen Baulastträgern versuchen, über den üblichen Radwegestandard hinauszukommen, um den Radfahrern möglichst breite und gut ausgebaute Radwegeverbindungen anbieten zu können“, erläutert Mathias Raabe, der das Radverkehrskonzept beim Kreis Coesfeld koordiniert.

Dafür gibt es Kritik

Verkehrsanbindung: Der Ortsteil Nordkirchen schneidet im Check insgesamt gut ab und hat in keiner Kategorie unter 6 Punkte. Außer in einer: Verkehrsanbindung. 4 Punkte haben die Teilnehmer unserer Umfrage dabei vergeben. Das ist für Nordkirchen der schlechteste Wert. Die Bus-Anbindung sei „katastrophal“, kommentiert ein User (unter 25). Gelobt wird zwar der Bürgerbus - der Bedarf für Berufspendler der Fahrten am Abend könne aber bei Weiten nicht abgedeckt werden, begründen viele ihre Punktvergabe. Mehrmals kommt der Vorschlag, Nordkirchen durch eine Busverbindung an den Bahnhof in Selm und so an den Zug, der zwischen Dortmund und Enschede pendelt, anzuschließen.

Das Problem der Verkehrsanbindung ist eines, das die Gemeinde Nordkirchen auf dem Schirm hat. Und das nicht erst seit Kurzem. In der letzten Sitzung des Verkehrsausschusses erst hat der Bürgermeister Dietmar Bergmann ein umfassendes, neues Mobilitätskonzept für alle drei Ortsteile vorgestellt. Im ehemaligen Haus Westermann, so das Konzept, soll eine Mobilitätszentrale entstehen, es soll außerdem mehrere Mobilstationen geben. Das sind Stellen, an denen man sich zum Beispiel Fahrzeuge leihen kann, an denen E-Tankstellen sind, an denen Busse halten. Für die Umsetzung des Konzepts ist die Gemeinde auf Förderung angewiesen: Anträge liegen bereits bei der Bezirksregierung, einen genauen Zeitplan gibt es noch nicht.

„Wenn wir das Problem der Mobilität lösen können, haben wir in der Zukunft auch ganz viele andere Probleme gelöst“, sagte aber Dietmar Bergmann bei der Vorstellung des Konzepts.

Nordkirchen: Großes Lob für die Grünflächen, aber Kritik an der Verkehrsanbindung

© Grafik Klose

Verkehrsbelastung: Auch die Menge der Autos, das ist ein Ziel des Mobilitätskonzepts, könnte durch die Mobilstationen verringert werden. 8 Punkte haben die Teilnehmer unserer Umfrage zwar durchschnittlich für die Verkehrsbelastung im Ortsteil Nordkirchen vergeben. Ein guter Wert. Aber: Zur Situation an der Schloßstraße im Ortskern gibt es Kritik. Das gleiche manchmal „Autobahn-ähnlichen Zuständen“. Wenigstens in den Sommermonaten könnte sie verkehrsberuhigt werden, schreibt eine Befragte (zwischen 50 und 70). „Anlieger frei“, fordert sogar ein anderer Teilnehmer aus derselben Altersklasse für den Ortskern. Schließlich sei eine Umgehungsstraße vorhanden.

So einfach sei das nicht, erklärt Bürgermeister Dietmar Bergmann. „Die Schloßstraße ist keine Anliegerstraße, sondern im Gegenteil eine der vier Sammelstraßen im Ortskern von Nordkirchen. Sie ist überdies die Haupteinkaufsstraße und soll auf jeden Fall für Gäste und Kunden erreichbar sein. Um beim Straßenverkehrsamt eine Begrenzung der Geschwindigkeit auf 30 km/h erreichen zu können, müssen nach dem Verkehrsrecht besondere Gefahrenpunkte, beispielsweise zu schützende Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen oder Altenheime, gegeben sein. Das ist auf der Schloßstraße aber nicht der Fall.“

Nordkirchen: Großes Lob für die Grünflächen, aber Kritik an der Verkehrsanbindung

Als problematisch empfinden viele Nordkirchener die Verkehrssituation auf der Schloßstraße. © Karim Laouari

Weiter sagt er auf Anfrage der Redaktion: „Im Zuge der Ortskernsanierung wurden die Schloßstraße deutlich verengt und die Bürgersteige verbreitert. Von Oktober bis November 2018 wurden mit Hilfe eines permanent aufgestellten Tempo-Messgerätes die Geschwindigkeiten auf dem geraden Stück der Schloßstraße gemessen. Die Auswertung zeigt, dass objektiv betrachtet fast alle Verkehrsteilnehmenden im Ortskern sehr umsichtig fahren. 98,6 Prozent der Verkehrsteilnehmenden fuhren vorschriftsmäßig, 45,2 Prozent freiwillig unter 30 km/h. 0,5 Prozent waren zwischen 50 und 55 km/h schnell und 0,9 Prozent zwischen 55 und 72 km/h zu schnell unterwegs.“

Parksituation : Noch ein Auto-Thema, für das es Kritik gibt: das Parken. Das „Die Parksituation auf manchen Straßen ist erschreckend. Da sollte das Ordnungsamt mal öfters Kontrollen durchführen“, schreibt ein Teilnehmer (35 bis 50 Jahre alt).

Die Gemeinde sagt aber, dass Parkkontrollen regelmäßig im Ortskern und auch in den Wohngebieten durchgeführt werden. „Wir wollen aber auch nicht den Eindruck einer repressiven Verwaltung erwecken“, so Bürgermeister Dietmar Bergmann. „Grundsätzlich hat jeder Eigentümer für jede Wohnung einen eigenen Stellplatz vorzuweisen. Da in der heutigen Zeit viele Familien ein Zweit- und vielleicht sogar Drittauto fahren, müssen Wohneigentümer zukünftig – wie zum Beispiel im Großen Feld III – 1,5 eigene Stellplätze pro Wohneinheit einplanen. Aber es stimmt, die Zahl der auf den Grundstücken angelegten Parkplätze ist erkennbar zu gering. Die Eigentümer bleiben aufgerufen, hier bei eigenem Bedarf noch weitere Plätze anzulegen. Hier soll aber auch unser Mobilitätskonzept greifen. Maßnahmen wie Carsharing-Angebote, Lastenfahrräder und Paketstationen können dazu beitragen, dass Bürgerinnen und Bürger von Nordkirchen, Südkirchen und Capelle im besten Fall auf ein Auto verzichten können. Ein optimales Verkehrskonzept kann dazu beitragen, unsere gute Wohnqualität noch weiter zu steigern, gesünder zu leben und bis ins Alter mobil zu bleiben“, erklärt der Bürgermeister.

Jugendliche: Blickt man auf die Gemeinde insgesamt, schneidet der Ortsteil Nordkirchen in Bezug auf Möglichkeiten für Jugendliche am besten ab. Nur 4 von den 10 möglichen Punkten bekommen die Ortsteile Capelle und Südkirchen da von den Teilnehmern der Umfrage. Nordkirchen bekommt zwar - wahrscheinlich weil mit dem Juno ein Jugendzentrum vor Ort ist - 6 Punkte, richtig gut ist der Wert aber auch nicht.

Historie

Zur Geschichte Nordkirchens
Nordkirchen: Großes Lob für die Grünflächen, aber Kritik an der Verkehrsanbindung

Die Schloßstraße kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. © Repro: Arndt Brede

  • In den Jahren 1022 und 1032 findet Nordkirchen zum ersten Mal Erwähnung in einer schriftlichen Quelle: In einer Urkunde aus dem Bistum Münster.
  • Die Familie von Morrien pachtete ab dem 13. Jahrhundert den Hof Nordkirchen, erwarb ihn 1561 dann.
  • Als diese Familie ausstarb, erwarb Friedrich Christian von Plettenberg, Fürstbischof von Münster, den Familienbesitz der von Morriens. Der war es auch, der 1703 den Grundstein zum Bau des Schlosses legte. Bis 1813 blieb Nordkirchen im Besitz der Familie, danach gingen die Besitztümer an die angeheiratete Familie Esterházy über.
  • Das Amt Nordkirchen gibt es seit 1813: Da wurde der Kreis nämlich in Städte, Gemeinden und Ämtern unterteilt. Zum Amt Nordkirchen gehörten Südkirchen und Nordkirchen, 1923 kam auch Capelle dazu.
  • 1903 verkaufte diese Familie den Besitz dann an Herzog Engelbert von Arenberg.
  • 1958 kaufte das Land NRW das im Krieg beschädigte Schloss, nachdem es es schon ab 1949 angemietet hatte.
  • Die Gemeinde Nordkirchen, so wie sie heute besteht, gibt es seit der Gemeindereform 1975. Sie besteht aus den vorher selbstständigen Geminden Capelle, Nordkirchen und Capelle. Das Amt Nordkirchen wurde aufgelöst.
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