Nordkirchenerin (20) startet Brieffreundschafts-Projekt mit Schülern aus Ghana und der JCS

rnBrieffreundschaften

Brieffreundschaften sind out? Nicht wenn es nach Hannah Hoffmann geht. Die Nordkirchenerin arbeitet an einer Mädchenschule in Ghana und leitet dort ein fast schon nostalgisches Projekt.

von Marcel Schürmann

Nordkirchen

, 11.02.2020, 13:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Während in Nordkirchen der graue Winter vorherrscht, sind es in Ghana bei Hannah Hoffmann sommerliche 30 Grad. Die 20-jährige Nordkirchenerin absolviert derzeit einen Freiwilligendienst an einer Mädchenschule in Cape Coast, einer Stadt im Süden Ghanas.

Dort kam sie auf die Idee, ein Projekt mit ihrer ehemaligen Schule in Nordkirchen, der Johann-Conrad-Schlaun-Schule (JCS), zu starten. Dabei geht es um Brieffreundschaften, die die ghanaischen Schülerinnen zu den Schülern in Nordkirchen pflegen.

Schwester Jule brachte Hannah Hoffmann auf die Idee

„Meine kleine Schwester brachte mich auf die Idee“, sagt Hannah Hoffmann. „Jule hat mich gefragt, ob ich ihr nicht einen Kontakt einer ghanaischen Schülerin schicken könnte, mit der sie eine Art Brieffreundschaft aufbauen kann.“ Gesagt, getan. Schnell kam Hannah Hoffmann auf die Idee, solche Brieffreundschaften auch anderen Schülerinnen der Ola Girls Junior High School - so heißt die Mädchenschule, an der sie arbeitet - zu ermöglichen.

Mit dieser Idee stieß sie auch an ihrer ehemaligen Schule auf offene Ohren. „Frau Schütze von der JCS hat von den Schülern, die Interesse an so einer Brieffreundschaft hatten, Zettel ausfüllen lassen, auf denen sie ihre Hobbys und Interessen aufschreiben sollten. Danach haben wir die Schüler zugeteilt. Und die ersten Briefe sind auch schon abgeschickt worden“, sagt Hannah Hoffmann.

Das Warten auf die Antwort

Mitte Dezember hat Hannah Hoffmann mit ihren Schülerinnen ein erstes Paket mit Briefen und Fotos nach Nordkirchen geschickt. An der JCS ist das Paket Mitte Januar angekommen. Ihre Schülerinnen freuen sich bereits auf die Retoure. „Für die Schüler in Ghana und in Deutschland ist es bestimmt schön, einen Brief in der Hand zu halten, der eine so lange Reise hinter sich hat“, so Hannah Hoffmann.

Nordkirchenerin (20) startet Brieffreundschafts-Projekt mit Schülern aus Ghana und der JCS

Die Schüler der Johann-Conrad-Schlaun-Schule präsentieren die Briefe, die sie von ghanaischen Schülerinnen erhalten haben. © JCS

Jetzt heißt es für ihre Schülerinnen in Ghana: Geduldig warten auf die Antworten aus Deutschland. Und dann geht das Schreiben von vorne los. „Ich hoffe, dass die Kinder motiviert bleiben und die Brieffreundschaften ein bisschen länger halten“, sagt Hannah Hoffmann.

Brieffreundschaften bieten deutschen Schülern Mehrwert

In der ersten Fuhre, die Hoffmann nach Nordkirchen schickte, waren knapp 40 Briefe dabei. „Es fragen mich immer noch ghanaische Schülerinnen, ob sie mitmachen können. In Nordkirchen machen Schüler aus fast allen Jahrgängen mit. Von Sechstklässlern bis Oberstufen-Schülern ist alles kunterbunt dabei“, so Hoffmann.

Gerade für die deutschen Schüler hätten solche Brieffreundschaften einen Mehrwert. „Hier in Ghana spricht wirklich jeder fließend Englisch. Auf Englisch schreiben die Kinder auch die Briefe. So können die Schüler in Deutschland außerhalb des Unterrichts auch noch an ihren Englisch-Kenntnissen feilen.“

Eigenständiger Unterricht

Hannah Hoffmann absolvierte im vergangenen Jahr ihr Abitur in Nordkirchen und ging ab September 2019 für ihren einjährigen Freiwilligendienst nach Afrika. Ihr Ziel: Grundschullehramt studieren. Da kommt es ihr sehr gelegen, dass sie in Ghana an der Ola Girls Junior High School bereits eigenständig unterrichten darf.

„Ich bin hier mit acht anderen Deutschen, die ihren Freiwilligendienst in der Region absolvieren. Ich bin aber die einzige, die schon eigenständig unterrichten darf“, sagt Hannah Hoffmann.

Nordkirchenerin (20) startet Brieffreundschafts-Projekt mit Schülern aus Ghana und der JCS

Hannah Hoffmann (r.) mit Madam Alima, einer Lehrerin der Ola Girls Junior High School. © Hannah Hoffmann

Word-Schulung und Desktophintergrund ändern

Sie lehrt die 11- bis 17-jährigen Schülerinnen in den Fächern ICT und Sport. ICT steht für Information and Communication Technology (Informations-und Kommunikationstechnologie) und ist vergleichbar mit dem Informatik-Unterricht in Deutschland.

„Allerdings machen wir hier die abgespeckte Version“, sagt Hannah Hoffmann mit einem Schmunzeln. „Ich zeige den Schülerinnen, wie man in Word schreibt und wie man zum Beispiel den Desktop-Hintergrund ändert.“ Die Briefe schreiben ihre Schülerinnen aber handschriftlich. Internet gibt es in der ghanaischen Schule nicht.

Gewalt an Schulen in Ghana allgegenwärtig

Ob der geringe Altersunterschied zwischen ihr und ihren Schülerinnen ein Problem für die junge Nordkirchenerin ist? „Am Anfang waren die Lehrer noch dabei. Jetzt unterrichte ich alleine“, sagt Hannah Hoffmann.

Für sie sei es anfangs schwierig gewesen, sich Autorität zu verschaffen. „Ich wollte mir von den Schülerinnen nicht auf der Nase rumtanzen lassen. Das klappt inzwischen auch sehr gut“, so Hannah Hoffmann, die auch sagt, dass das Schlagen mit dem Rohrstock noch allgegenwärtig ist an Schulen in Ghana. „Die Lehrer schlagen die Schüler in Ghana. Das ist normal hier. Ich bestrafe die Kinder aber nicht auf diese Weise. Das möchte ich nicht“, sagt Hannah Hoffmann. Ihr ist klar, dass sie wenig dagegen tun kann. „Ich will mich da auch nicht einmischen“, sagt sie.

Lehramt-Wunsch einen Schritt näher gekommen

Trotz dieses für sie komplett befremdlichen Umgangs der Lehrer mit den Schülerinnen hat Hannah Hoffmann ihre bisherige Zeit in Ghana nicht bereut. „Es ist, glaube ich, nirgendwo anders möglich, mit 19 Jahren schon eigenständig zu unterrichten“, sagt die heute 20-Jährige, die selber davon überrascht war, dass sie eigenständig unterrichten darf. „Ich dachte, ich leite eine Gruppe oder helfe den Schülerinnen bei Aufgaben“, so Hannah Hoffmann.

Das eigenständige Lehren hat ihren Wunsch, Lehrerin zu werden, auf jeden Fall bestärkt. „Es muss nicht unbedingt Grundschul-Lehramt sein“, sagt Hannah Hoffmann. „Ich kann mir mittlerweile auch die weiterführende Schule gut vorstellen.“

Lesen Sie jetzt