Nordkirchenerin erhielt eine Organspende: Das erste Mal atmen „war unbeschreiblich cool“

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9000 Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan. Die Nordkirchenerin Claudia Krogul war eine von ihnen. Sie erzählt, wie es war, den entscheidenden Anruf zu erhalten.

Nordkirchen

, 17.01.2020, 15:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der entscheidende Anruf kam am 20. März 2012. Nachts um 4 Uhr. Claudia Kroguls Handy bimmelte. Sie wurde langsam wach, blickte auf ihr Mobilgerät und realisierte, dass es eine Hannoveraner Nummer war, die sie da anzurufen versuchte. Sie wusste genau, was das bedeutete. Sie würde eine neue Lunge bekommen.

Allerdings konnte sie nicht dran gehen. Die damals 32-Jährige war an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Seit man 2011 bei ihr zu viel CO2 im Blut festgestellt hatte, musste sie beim Schlaf immer eines tragen. Claudia Krogul leidet an Mukoviszidose. Einer angeborenen Stoffwechselerkrankung, die wichtige Organe mit Schleim verstopft. Als die Krankheit mit drei Jahren bei ihr diagnostiziert wurde, sagte man ihren Eltern, sie würde keine 18 Jahre alt werden.

„Dann habe ich meinen Mann umarmt und geweint“

Wie es ist, einfach nur ein- und auszuatmen, daran kann sich Claudia Krogul nicht erinnern. Das Einatmen geht, das Ausatmen war quasi unmöglich. Schon seit 1995 bekommt sie über Nacht Sauerstoff, ab 2008 ist der Zustand ihrer Lunge so schlecht, dass ihre Ärztin ihr sagt, dass sie ohne Organspende nur noch fünf Jahre zu leben hat.

Vor der Spende ist ihr Leben auf einen Radius von 15 Metern beschränkt - so lang ist der Sauerstoffschlauch. Wenn sie raus wollte, musste sie sich Sauerstoff in eine Flasche abfüllen und diese auf dem Rücken tragen.


Das Handy immer dabei haben

Als Claudia Krogul an diesem entscheidenden 20. März 2012 ihr Sauerstoffgerät entfernt hatte, hatte das Handy bereits aufgehört zu schellen. Nun bimmelte das Festnetztelefon. Noch drei weitere Nummern hatte sie der Medizinischen Hochschule in Hannover gegeben, unter anderem die ihrer Schwester. Ab dem Zeitpunkt, ab dem sie auf der Transplantationsliste stand, musste sie immer erreichbar sein. „Sie versuchen es vielleicht eine halbe Stunde. Dann rufen sie den Nächsten an“, sagt Claudia Krogul. Zwei Jahre und drei Monate hatte sie nun gewartet, als ihr Mann das Telefon an sie weiterreichte.

Man habe eine neue Lunge für sie, sagte man ihr am anderen Ende der Hörers und fragte sie, ob sie gesundheitlich fit sei. Claudia Krogul bejaht und hört, dass sie bald ein Notarztwagen von Nordkirchen nach Hannover bringen wird. „Ich habe am ganzen Körper gezittert“, sagt Claudia Krogul. „Dann habe ich meinen Mann umarmt und geweint.“

Nordkirchenerin erhielt eine Organspende: Das erste Mal atmen „war unbeschreiblich cool“

Claudia Krogul mit einem symbolischen Spenderausweis. Sie selbst hat auch einen. Allerdings hat sie in erst nach ihrer eigenen Transplantation ausgefüllt, wie sie zugibt. © Sabine Geschwinder

Viele Faktoren müssen für die Organspende passen

Ungefähr ein Jahr müsste sie auf ihr Organ warten, hatte man ihr Ende 2009 gesagt, als sie auf die Warteliste gesetzt wurde. Mehr als doppelt so lange ist es schließlich geworden. Sie sah viele andere, die in dieser Zeit ein Organ erhielten. „Es müssen einfach alle Parameter passen“, erklärt Claudia Krogul. Bei ihr, so ist sie sich sicher, hatte ihre Größe von 1,57 Metern dazu geführt, dass sie so lange warten musste. Die Person, die die Lunge spendet, muss in etwa so groß sein wie sie, so schwer sein wie sie, die gleiche Blutgruppe haben und auch einige andere Parameter müssen stimmen.

9000 Menschen warten auf ein Spenderorgan

So wie es Claudia Krogul damals ging, geht es aktuell 9000 Menschen in Deutschland. Sie waren laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) im Januar auf einer Warteliste verzeichnet und warten auf ein Herz, eine Leber, eine Lunge oder ein anderes Organ.

Wer der Spender ihrer Lunge ist, das weiß Claudia Krogul nicht. Die Spende ist anonym. Es ist sehr gut möglich, dass ihre Lunge nicht mal aus Deutschland kam. Vielleicht aus Belgien, den Niederlanden oder Slowenien. Sie alle sind wie Deutschland Mitglied bei der gemeinnützigen Organisation Eurotransplant, die Organspenden zwischen ihren Mitgliedsländern vermittelt. Deutschland bildet dort das Schlusslicht und kommt auch im internationalen Vergleich schlecht weg.

Während zum Beispiel laut Daten der internationalen Spenderdatenbank Irodat Deutschland 11,5 Spender pro eine Million Einwohner aufweisen kann, sind es beim ersten Platz Spanien 48 Spender. Platz 2 hat Kroatien mit 41,2 Spendern, Platz 3 Portugal mit 33,63 Spendern.

Bundestag stimmte über neue Lösung zur Organspende ab

Claudia Krogul macht sich Gedanken, dass die geringe Spendenbereitschaft der Deutschen irgendwann dazu führen könnte, dass Deutschland seinen Mitgliedsstatus bei Eurotransplant verliert. „Es kann doch nicht sein, dass wir immer nur Nehmen und nicht geben“, findet sie.

Das gleiche Argument führte auch die Gruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und den SPD-Politiker Karl Lauterbach an. Es sei einfach unethisch nur zu nehmen, sagte Lauterbach bei der Diskussion im Bundestag zum Thema Organspende am Donnerstag. Lauterbach und Spahn wollten eine Widerspruchslösung auf den Weg bringen. Das bedeutet, alle Menschen wären erst einmal Organspender, es sei denn, dass sie dem ausdrücklich widersprechen.

Den Antrag gegen diese Position vertraten die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock und Linken-Chefin Katja Kipping. Sie argumentierten, dass der Staat nicht über die Organe seiner Bürger verfügen dürfe und waren für eine moderatere Lösung, bei der Bürger (oder ihre Angehörigen nach deren Tod) ausdrücklich einer Organspende zustimmen müssen. Verbunden damit, dass sie alle zehn Jahre bei der Verlängerung ihres Personalausweises gefragt werden.

Zustimmung für moderate Lösung

Der Entwurf von Baerbock und Kipping setzte sich am Donnerstag mit großer Mehrheit durch. Er erhielt 432 Ja-Stimmen, 200 Parlamentarier stimmten dagegen, 37 enthielten sich. Der Vorstoß von Spahn und Lauterbach erhielt 292 Ja-Stimmen, 379 Nein-Stimmen und 3 Enthaltungen.

Claudia Krogul ist am Nachmittag nach der Abstimmung noch deutlich aufgewühlt. „Ich hätte heulen können, als ich das Ergebnis gehört habe“, sagt sie. Sie glaubt, dass es nun sicherlich zehn Jahre dauern wird, bis sich der Bundestag wieder mit dem Thema befassen wird. Zehn Jahre, so lange, wie es dauert, bis auch der letzte, der gerade erst seinen Personalausweis hat erneuern lassen, wieder zum Amt muss und dann mit der Frage der Organspende konfrontiert wird.

Ob die Hausärzte, die mit ihren Patienten das Thema besprechen sollen, wohl genug Zeit dafür haben, fragt sich Claudia Krogul. Ebenso wie die Menschen auf dem Amt. „Die muss man ja auch erstmal schulen“, sagt sie. Apropos schulen. Ein weiterer Wunsch von ihr wäre, dass sich auch Schulen ausgiebig mit dem Thema Organspende auseinandersetzen. Vielleicht sogar in einem eigenen Fach.

Vorträge an Schulen und in Vereinen

Claudia Krogul selbst ist bestens geschult auf dem Gebiet der Organspende. Nicht nur, weil sie selbst davon betroffen war. Nach ihrer Transplantation nahm sie Kontakt zum Bundesverband der Organtransplantierten (BDO) auf und engagierte sich dort. Sie ist inzwischen deren stellvertretende Vorstandsvorsitzende. Bei der Gruppe Netzwerk Organspende, die verschiedene mit Organspende befassten Vereine zusammenfasst, ist sie außerdem Sprecherin.

Nordkirchenerin erhielt eine Organspende: Das erste Mal atmen „war unbeschreiblich cool“

Dieses Bild entstand direkt auf der Intensivstation nach dem Aufwachen. Über dem Bilderrahmen, in dem das Bild hängt, steht das Wort "Chancen" © Privat

Für beide Vereine geht sie in Schulen, zu den Landfrauen, „oder wer auch immer mich haben möchte“ und berichtet über ihre ganz persönliche Erfahrung. Berichtet darüber, wie es war, als ihr nach der Operation das erste Mal der Tubus für die Beatmung herausgenommen wurde: „Das war so unbeschreiblich cool.“

Und davon, dass sie vielleicht irgendwann wieder eine Lunge brauchen wird, denn für immer sind Spenderorgane nicht. „Ich wünsche mir einfach, dass alle, die gegen die Widerspruchslösung sind, einfach mal ihren Hintern hochkriegen und sich dafür aber mit dem Thema beschäftigen“, sagt Claudia Krogul. Egal, ob sie ja oder nein auf ihrem Ausweis ankreuzen. Claudia Krogul weiß, ihre Arbeit geht weiter. Wie viel Zeit ihr dafür bleibt, das weiß sie nicht.

Kontakt zu Claudia Krogul Claudia Krogul spricht gerne über ihre Erfahrungen und gibt Informationen zum Thema Organspende, zum Beispiel in Schulen oder Vereinen. Wer sie kontaktieren möchte, kann dies unter claudia.krogul@bdo-ev.de oder unter (02596) 5296255 tun.
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