Pfarrer Gregor Wolters: „Mich macht wütend, dass Kirche so lange rumgeeiert hat“

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Die Missbrauchsvorwürfe gegen Pfarrer Alfred Albeck gehen an der Gemeinde Nordkirchen nicht spurlos vorbei. Darüber haben wir mit dem aktuellen Pfarrer Gregor Wolters gesprochen.

Nordkirchen

, 14.05.2019, 11:50 Uhr / Lesedauer: 5 min

Was sich in der Gemeinde verändert hat, seitdem die Missbrauchsvorwürfe im Raum stehen gegen den bereits verstorbenen Pfarrer Alfred Albeck, der von 1973 bis 1984 in Nordkirchen tätig war. Wie Gregor Wolters das selbst in seiner Rolle als aktueller Pfarrer der Gemeinde berührt und wie wichtig Aufarbeitung und Transparenz sind, darüber hat Redakteurin Marie Rademacher mit Pfarrer Gregor Wolters gesprochen.

Herr Wolters, es ist jetzt rund zwei Monate her, seit das Bistum in einer Pressemitteilung publik gemacht hat, dass mehrere Menschen Pfarrer Albeck vorwerfen, sie sexuell missbraucht zu haben. Können Sie sich noch erinnern, wie Ihre erste Reaktion auf diese Nachricht war?

Mein erster Gedanke war: Das ist schrecklich. Dass es diese Verbrechen gibt, das weiß man. Dass das hier in diesem Haus, da, wo ich jetzt wohne, passiert ist. Das kommt mir sehr, sehr nahe.

Sie haben Ihre Gemeindemitglieder in einem Gottesdienst über die Vorwürfe informiert. Was war dort die Reaktion?
Die Menschen hier im Ort sind erschrocken. Es ist im Zusammenhang mit dem großen Missbrauchsskandal in der Kirche zum ersten Mal „unser Pastor“, der Täter ist. Und dieser Begriff „unser Pastor“, der hat eine Qualität. Es ist wirklich erschütternd für die Menschen. Viele sind verletzt, dass so etwas möglich ist. Dass hier unter Fassade eines Gottesdieners jemand saß, der ganz bewusst Gelegenheiten geschaffen und gesucht hat, um Jugendliche und Kinder zu missbrauchen. Diese Erschütterung bei den Menschen ist die Hauptreaktion. Und dann kommt bei vielen ein Überdruss dazu. Man will es nicht mehr hören, dass die Kirche, die man trotz allem liebt, ein Dach geboten hat für solche Taten.

Man will es nicht mehr hören – das bedeutet aber nicht, dass die Menschen denken, darüber sollte geschwiegen werden, oder?

Nein, ganz und gar nicht. Aber es ist einfach entsetzlich für die Menschen, es noch mal und immer wieder hören zu müssen. Jedoch ist der Weg, diese Taten zu verstecken oder zu verschweigen, für niemanden richtig. Sagen was los ist: Das ist der einzige Weg, den wir als Gemeinde gehen können.

Nun ist es allerdings im Fall von Alfred Albeck so, dass die Kirche und auch die Opfer lange geschwiegen haben. Meinen Sie, das hängt auch allgemein damit zusammen, wie die Kirche in der Vergangenheit mit diesem Thema umgegangen ist?
Ich weiß nicht, ob diese Beispiele das in diesem konkreten Fall zeigen. Ich habe auch von Opfern gehört, die sehr großen darauf Wert legen, dass ihr Fall nicht in die Öffentlichkeit gerät. Auch das muss man sehr sorgfältig beachten und akzeptieren. Ob das in diesem Fall die Situation ist, das kann ich allerdings nicht beurteilen, das weiß ich einfach nicht.

Findet hier aus Ihrer Sicht gerade ein Umdenken statt?

Die Kirche ist hellwach gerüttelt worden. Und wir sind auch schon viele Schritte gegangen als Kirche. Alle Mitarbeiter sind inzwischen geschult – die Seelsorger wie auch die anderen Gemeindemitarbeiter. Wir haben in nahezu allen Gemeinden Präventionskonzepte auf den Weg gebracht. Da ist wirklich ganz, ganz viel passiert. Und ich glaube auch unserem Bischof, dass er auch vorbehaltlos mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten will. Insofern ist ein Umdenken passiert. Gleichzeitig höre ich aber auf Ebene der Weltkirche Äußerungen, die mich erschrecken. Dass dort teilweise der Missbrauch völlig geleugnet wird. Oder weitgehend geleugnet wird. Dass Klerikalismus geleugnet wird. Dass Ursachen gesucht werden, die in der Zeit liegen, in den Umständen... Ich nehme hier Bezug auf den Artikel von Papst Benedikt, der dummerweise aus seinem Alterssitz doch noch glaubt, etwas sagen zu müssen. Und was da drin steht, das ist nicht erleuchtet. Das ist rückwärts gewandt und sagt aus: Die Kirche ist gar nicht schuld, das sind die anderen. Die Bösen. Insofern höre ich leider auch andere Signale und kann leider nicht so leicht sagen: Die Kirche hat begriffen, wo es hingeht.

(Anmerkung der Redaktion: Papst Benedikt hatte Anfang April einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er außerkirchliche Entwicklungen wie die 68er-Bewegung und damit einhergehend die sexuelle Befreiung für die Missbrauchsfälle in der Kirche verantwortlich gemacht hat.)

Hat sich im Gemeindeleben in Nordkirchen denn etwas verändert?

Ja. Wir haben ein institutionelles Schutzkonzept auf den Weg gebracht. Das ist ein Papier, in dem steht, was man tun kann und tun muss, wenn auch nur ein Verdacht da ist. Aber das ist nur das äußerliche. Wir haben darüber hinaus mit allen Gruppe gesprochen. Im Pfarreirat, im Kirchenvorstand, in allen Gruppen, die mit Jugendlichen arbeiten. Was passiert ist, ist tiefgreifend. Es ist ein Klima entstanden, in dem jeder Täter erfährt und weiß: Hier gibt es aufmerksame Leute. Wir gucken drauf, wir schauen hin. Ohne dabei eine Hysterie zu haben oder jemanden unter Generalverdacht zu stellen. Das zweite, was sich atmosphärisch verändert, ist, dass wir als Haupt- und als Ehrenamtliche in der Gemeinde unsere Verantwortung sehr ernst nehmen, dass Kinder hier einen Schutzraum finden. Wir machen sehr viel Kinder- und Jugendarbeit. Und ich glaube, wir machen sie gut. Wir haben aber ganz deutlich die Verantwortung erkannt, dass wir alle Strukturen sichern müssen, damit Kinder hier auch ganz unbesorgt hinkommen können.

Sind Sie und andere Mitarbeiter der Gemeinde durch den Fall in Nordkirchen im Besonderen und vielleicht durch den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche im Allgemeinen vorsichtiger geworden im Umgang mit Schutzbefohlenen? Gibt es vielleicht sogar so etwas wie einen Generalverdacht?
Wir alle merken, dass eine gewisse natürliche Unbekümmertheit uns zunächst einmal schwerer fällt – im Zulassen von Nähe zu Kindern und auch zu Erwachsenen. Es ist zum Beispiel nicht einfach möglich, ein Kind einfach auf den Schoß zu nehmen. Da ist bei vielen eine große Verunsicherung entstanden. Deshalb gibt es spezielle Schulungen, in denen klare Regeln abgesteckt werden. Man muss den Respekt wahren vor den Grenzen des Kindes. Wir achten wirklich sehr sorgfältig darauf, dass wir das tun.

Macht es Sie manchmal wütend, dass die Taten von Straftätern sich so auf Ihre Arbeit auswirken?

Wütend nicht. Aber etwas traurig. Wobei: Ich finde es richtig, dass man vorsichtig ist. Das betrifft nicht nur die Pfarrer. Das betrifft alle im Umgang mit Kindern. Es ist wichtig, dass sich da etwas geändert hat. Andere Sachen machen mich wütend, aber das nicht.

Was macht Sie denn wütend?

Mich macht wütend, dass Kirche so lange rumgeeiert hat. Über Jahre hinweg. Dass sie sich nicht positioniert hat. Da ist Vertrauen zusätzlich verspielt worden. Wenn es einem um die Ohren fliegt, dass Dinge bis dahin vielleicht nicht so gesehen wurden. Das kann sein, das kann passieren, das ist dann so. Aber wenn man sie dann gesehen hat, dann gibt es keine Ausreden mehr. Dann muss man handeln. Und dass da Amtsträger lange Zeit – zu lange Zeit – nicht adäquat reagiert haben, das macht mich wütend. Da ist lange Zeit Leid passiert, da ist Vertrauen verloren gegangen. Das wäre nicht nötig gewesen.

Meinen Sie, die Kirche kann dieses Vertrauen irgendwie zurückgewinnen?

Das wird sehr schwierig. Vertrauen kann nur wachsen durch viele einzelne Schritte, in denen Menschen Seelsorger und Priester als vertrauenswürdig erlebt haben. Das ist ja über viele Generation auch so gewesen – es gibt schon viel Vertrauenswürdiges in der Erfahrungswelt der Menschen. Das ist der einzige Weg, um sehr behutsam Vertrauen wieder aufzubauen. Aber zwingend notwendig dafür ist erst mal die Aufklärung, die Aufarbeitung.

Haben Sie das Gefühl, es wenden sich auch viele Menschen von der Kirche ab?

Es ist ganz schwer zu sagen, warum sich jemand von Kirche abwendet. Das hat meistens eine Riesen-Gemengelage an Motiven, die man jetzt auch nicht alle über einen Kamm scheren darf. Ich weiß, dass viele von unseren guten zur Gemeinde gehörigen Leuten sehr darunter leiden, weil sie in Mithaftung genommen werden. Das ist bitter für viele Ehrenamtlichen, das tut ihnen ungeheuer weh.

Sehen Sie sich selbst auch als jemanden, der mithaftet?

Eindeutig. Ich bin dadurch, dass ich Amtsträger bin, in Haftung, dass das hier anders läuft. Außerdem wird vieles von der Wut und dem Hass auf die Kirche auf mich als Person projiziert. So von wegen: Pfarrer sind alle Kinderschänder, haben uneheliche Kinder, sind schwul – und zwar alles gleichzeitig.

Oft wird in diesem Zusammenhang auch das Zölibat erwähnt. Finden Sie das unfair?

Unfair finde ich da ganz wenig dran. Ich finde schon, dass alle Themen, die im weitesten Sinne zur Sexualmoral gehören, auch immer wieder auf den Prüfstand gehören. Das ist nichts Schlimmes. Die Zusammenhänge, die teilweise jetzt zwischen Zöllibat und Missbräuchen hergestellt werden, sind aber zu kurz und greifen auch nicht richtig. Das ist dummes Zeug. Das Zöllibat hat genuin nichts damit zu tun, dass es Triebtäter gibt, die strafbare Handlungen begehen. Es ist Quatsch, das so monokausal zusammenzuketten.

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