"Pfarrerin darf nicht nur, sie muss Wünsche haben"

Interview zu Weihnachten

Weihnachten, Fest der Liebe, Fest der Familie - und auch der Kirchenbesuche? Stimmt das eigentlich noch oder haben sich die Werte verschoben? Wir haben die evangelische Pfarrerin Silke Niemeyer zur ihren Eindrücken und ihren Wünschen - in die sie auch den Nordkirchener Pfarrer Born einschließt - befragt.

LÜDINGHAUSEN/NORDKIRCHEN

, 24.12.2016, 06:20 Uhr / Lesedauer: 3 min
"Pfarrerin darf nicht nur, sie muss Wünsche haben"

Die Lüdinghauser Pfarrerin Silke Niemeyer stellt die Bedeutung des Advent und von Weihnachten heraus.

Welche Bedeutung hat Kirche aktuell in der Stadt Lüdinghausen? Ist sie noch wichtig?

In einer ländlichen Region wie in Lüdinghausen ist die Kirche noch im Dorf. Viele Veranstaltungen stoßen auf erfreulich reges Interesse. Dabei sind wir seit Jahren sehr deutlich ökumenisch. Die katholische und evangelische Kirchengemeinde sind außerordentlich freundschaftlich miteinander verbunden. Wir können uns nicht wirklich ohne einander denken. Gleichzeitig kann man aber nicht leugnen, dass auch hier die Bedeutung der Kirche abnimmt. Das stellen wir auch beim Wissen über christliche Fakten und Zusammenhänge fest. Ich habe neulich beim Konfirmandenunterricht gefragt, wer das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter kennt. Von 20 Kindern waren es gerade einmal drei oder vier. Das Grundlagen-Wissen nimmt im Vergleich zu früheren Jahren leider enorm ab.

Wie wichtig sind den Gemeindemitgliedern Gottesdienstbesuche?

Man wünscht sich noch immer mehr, aber ich kann nicht meckern. Unsere Kirche ist kein riesiger Tempel, aber sie ist durchgängig gut besucht. Manchmal platzt sie sogar aus allen Nähten. Wir haben sehr, sehr viele verschiedene Gottesdienste. Es gibt die traditionellen Gemeinde-Gottesdienste, es gibt aber auch Gottesdienste mit besonderem musikalischem Akzent, es gibt Gottesdienste am Valentinstag, es gibt Gottesdienste für verwaiste Eltern. Und es gibt viele Gottesdienste zu besonderen Anlässen.

Zur Person: Das ist Silke Niemeyer, Pfarrerin
- Aufgaben: Gottesdienste verschiedenster Art, Seelsorge, Menschen in schwierigen Lebenslagen aufsuchen oder sie einfach treffen, Konfirmandenunterricht, die Gemeinde leiten und steuern in einer sehr prekären Situation. Zudem hat sie den Presbyteriumsvorsitz, „eine Aufgabe, die mich sehr fordert. Das bedeutet viel Schreibtischarbeit.“
- Dazu kommen Rundfunkandachten im Deutschlandfunk und WDR als Autorin und Sprecherin.
- Lang ist die Liste der Dinge, die man einzeln benennen müsste wie die Ausstellung in diesem Jahr, die ökumenische Romreise in 2017, Kontakte zu den Schulen, der Kindergarten in evangelischer Trägerschaft.

Wie schwer ist es heute geworden, Menschen für eine Mitarbeit in der Gottesdienstvorbereitung, im Gemeindeleben zu begeistern?

Sehr schwer. Sehr, sehr schwer. Das hat verschiedene Gründe. Zum Teil hat das gewiss damit zu tun, dass Kirche ein Image hat, das nicht mehr zieht. Manchmal muss ich jedoch schmunzeln, was für überholte Vorstellungen viele Leute beim Stichwort „Kirche“ überkommen. Mitarbeit ergibt sich – das ist nicht nur in der Kirche so – vor allem aus persönlichen Begegnungen. Allerdings ist das Leben so kompliziert geworden, so dass man sich nicht mehr fest binden will. Hier und da einmal mitmachen, dazu finden wir Leute. Leicht ist das auch nicht immer. Aber Menschen zu finden, die auf Dauer den Konfirmandenunterricht übernehmen, das funktioniert nicht. Für regelmäßige, unbefristete Aufgaben finden sich ganz wenige Menschen. Das hat aus meiner Sicht mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Wir haben den Agenda-2010-Menschen, den flexiblen Menschen, der sieben Tage in der Woche arbeitsmäßig einsetzbar ist. Mittlerweile sind fast alle Frauen berufstätig, nicht nur in Teilzeit, sondern voll. Es waren aber in der Mehrzahl die nicht berufstätigen Frauen, die früher den Kinderbibeltag organisiert haben. Die sind heute nicht mehr da. Es mangelt nicht in Interesse. Sie können sich heute aus beruflichen Gründen nicht mehr einbringen.

Was bedeuten unter diesen Voraussetzungen der Advent oder die Weihnachtsfeiertage für die Gemeinde? Ist der Gottesdienstbesuch eine Pflichtveranstaltung. Oder sehen Sie zu Weihnachten sogenannte U-Boot-Christen, die das ganze Jahr untergetaucht sind und nur zu Weihnachten wieder auftauchen?

Ich glaube, dass die Adventszeit ganz tiefe menschliche Wünsche abbildet – nämlich langsam sein zu dürfen, Zeit füreinander zu haben, wieder Kind sein zu dürfen. Die Menschen sehnen sich nach Geborgenheit und Beheimatung. Es geht um Dinge, die wir alle nicht mehr dürfen und haben, jedoch vermissen. Die Adventszeit mit den Ritualen appelliert daran. Das finde ich schön, dass die Leute merken, dass sie ich der Gemeinde davon noch etwas bekommen können. Ich habe das Wort U-Boot-Christen deshalb noch nie in den Mund genommen. Ich freue mich über alle, die sich einladen lassen und kommen. Ich hoffe, dass sie die Sorgen in etwas anderer Weise aufgehoben und gemeinsam bedacht wissen. Und zwar gemeinsam in unseren Gottesdiensten.

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Die in Lüdinghausen gelebte Ökumene wird in 2017 deutlich sichtbar bei der gemeinsamen Pilgerreise der beiden Kirchengemeinden. Was war für Sie der Beweggrund, im Lutherjahr dieses Projekt anzugehen?

Vorab möchte ich sagen, dass sich die Volkshochschule in Kooperation mit Pfarrer Thorsten Melchert 2017 mit einer Reise auf den Spuren Luthers begibt. Eingeladen sind auch ausdrücklich die Mitglieder unserer Gemeinde. Allerdings wird man sich im Lutherjahr sicher nicht über leere Orte an den Lutherstätten beschweren können. Aus einem Impuls heraus habe ich laut gedacht: Lass uns doch mal nach Rom fahren. Luther war ebenfalls in Rom. Allerdings war er nicht von dem begeistert, was er damals gesehen hat. Das war einer der Impulse, die sein reformatorisches Denken in Gang gesetzt hat. Unsere Kirche sagt deutlich, dass das Reformationsfest nicht die Selbstbeweihräucherung der protestantischen Seele sein soll. Es soll ein Christusfest sein, das wir ökumenisch begehen und aufeinander zugehen. Als Pfarrer Elshoff gesagt hat, dass auch die katholische Felizitas-Gemeinde nach Rom fahren will, haben wir beschlossen, eine ökumenische Pilgerreise zu organisieren.

Für viele Menschen geht es zu Weihnachten um die Erfüllung von Wünschen. Darf auch eine Pfarrerin einen Wunsch haben?

Eine Pfarrerin darf nicht nur Wünsche haben, eine Pfarrerin muss Wünsche haben. Genauso wie jeder Christ Wünsche haben muss, sonst wäre die Welt schon zu Ende gedacht. Sonst hätte man keine Erwartungen mehr. Das Problem ist vielleicht, dass uns die großen Wünsche abtrainiert werden, madig gemacht werden, dass wir sie uns selbst nicht mehr erlauben. Ich wünsche Pfarrer Born, dass er nach der langen Krankheit wieder gut zu Kräften kommt. Ich wünsche für unsere Gemeinde, dass wir personelle Verstärkung bekommen. Ich arbeite so gerne im Team, und es macht Freude, diese wirklich tolle Gemeinde gemeinsam weiterzuentwickeln. Und privat wünsche ich mir immer etwas Leckeres auf dem Teller, weil ich eine Genießerin bin.

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