Polizei ist hilflos gegen miese Maschen der Diebe

Interview mit Kreispolizei Coesfeld

Mit einer dreisten Masche werden einer älteren Dame Wertsachen aus der Tasche entwendet. Zunächst gibt es gute Nachrichten: Ein brillant scharfes Video, das die Tat zeigt. Eine Aufklärung solcher Taten ist laut Polizei trotzdem kaum möglich. Warum, erklärt der Pressesprecher der Kreispolizei Coesfeld im Video-Interview.

KREIS COESFELD

, 25.08.2015, 16:08 Uhr / Lesedauer: 2 min
Heidemarie Besser (74) aus Senden wurde am 12. August Opfer eines Taschendiebstahls. Davon gab es selten klare Videoaufnahmen. Nun ist der Täter ermittelt - ein 14-jähriger Dortmunder.

Heidemarie Besser (74) aus Senden wurde am 12. August Opfer eines Taschendiebstahls. Davon gab es selten klare Videoaufnahmen. Nun ist der Täter ermittelt - ein 14-jähriger Dortmunder.

12. August, Senden, um die Mittagszeit: Der Rewe-Markt ist nicht besonders gut gefüllt – wie oft in der Woche um diese Tageszeit. Heidemarie Besser, 74 Jahre alt, nutzt diese ruhige Zeit gern zum Einkaufen. Sie schiebt ihren Rollator durch die Gänge des Geschäfts, schaut hier und dort in die Regale und nimmt heraus, was sie braucht. Ganz normaler Alltag. Was sie nicht bemerkt: An ihre Fersen heftet sich ein Junge. Er beobachtet genau, was sie tut. Und wirft vor allem ein Auge auf die Tasche, die am rechten Handgriff des Rollators baumelt.

Schwächen ausgenutzt

In einer selten scharfen Video-Aufnahme einer Überwachungskamera ist dann ein raffinierter Diebstahl zu beobachten, bei dem der Junge die Schwächen der älteren Dame ganz genau ausnutzt: Sie kann schlecht hören, nicht mehr so gut sehen und ist langsam. 

Immer wieder versucht der Junge, direkt am Körper der Dame vorbei in ihre Handtasche zu greifen und die Geldbörse herauszufischen. Es gelingt ihm erst nicht. Dann ein Trick: Er zieht Ware aus dem Regal, sie poltert auf den Boden, die Frau dreht sich um, will die Ware aufheben – und die Gunst der vermeintlich unbeobachteten Sekunden nutzt der junge Täter, schnappt sich das Portmonee und ist weg.

Diebstahl erst an der Kasse bemerkt

Heidemarie Besser bemerkt den Diebstahl an der Kasse. Da sind die zwei großen Fehler, die sie gemacht hat, aber schon passiert: Sie hat ihre Wertsachen am Rollator baumeln lassen, statt sie am Körper zu tragen. Und sie hat die Tasche für einen Augenblick unbeaufsichtigt gelassen. Danach macht sie dann alles richtig: Sie geht mit einem Mitarbeiter des Geschäfts den Weg ab, sucht nach der Geldbörse, sperrt wenig später ihre Bank- und Kundenkarten und stellt dann Strafanzeige bei der Polizei. Die spricht mit dem Geschäftsinhaber und lässt sich das Video aushändigen.

Trotzdem ist laut Aussage von Pressesprecher Martin Pollmann kaum zu erwarten, dass diese Tat aufgeklärt wird. So wie 92 Prozent aller Taschendiebstähle im ersten Halbjahr 2015 im Kreis Coesfeld. Warum?

„Das hängt damit zusammen, dass die Maschen der Täter sehr ausgeklügelt sind“, sagt Hans-Jürgen Dittrich. Die Täter seien sehr geschickt. Und es handle sich oft um „reisende Täter“, dazu dann meist auch noch um Minderjährige. Ein Problem aus zwei Gründen: Kinder unter 14 Jahren sind nicht strafmündig. „Wenn wir sie bekommen, befragen wir sie und müssen dann abwarten, bis sie 14 Jahre alt sind“, sagt Dittrich.

Von Staatsanwaltschaft und Gerichten abhängig

Es werde geprüft, ob sie schon in anderen Fällen aufgefallen sind. „Aber von der rechtlichen Seite kann man kaum etwas machen.“ Ob ihn das nicht ärgere als Polizisten? „Unsere Aufgabe ist es, beweissicheres Material zu liefern – der Rest liegt nicht in unserer Hand.“ Man sei dann von Staatsanwaltschaft und den Gerichten abhängig.

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Zweites Problem: Die Täter sind schneller wieder weg, als sie gekommen sind. Am nächsten Tag verüben sie ihr schmutziges Handwerk in einer anderen Stadt. Man kennt die Gesichter hier wieder nicht, darum gibt es auch keine belastbaren Zeugenhinweise – nicht einmal, wenn so starkes Bildmaterial vorliegt wie im Sendener Fall vom 12. August. Martin Pollmann sagt: „Uns ist wichtig, die Hintergründe ausfindig zu machen. Viele Kinder werden von ihren Eltern dazu gezwungen, müssen sogar Quoten erfüllen.“

Im Nordkirchener Trickdiebstahls-Fall gibt es laut Polizeisprecher Ralf Stocks drei Monate danach keine Anhaltspunkte für eine Aufklärung. Im Sendener Fall erhofft man sich Hilfe durch die Öffentlichkeitsfahndung, die gerichtlich erwirkt wurde. Ob es wirklich hilft? 

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