Polizist erzählt Geflüchteten von seiner Arbeit und erklärt Verkehrsregeln

rnVerkehrserziehung

Fahrräder haben die Geflüchteten in Nordkirchen. Was die Schilder bedeuten, an denen sie vorbeiradeln, wussten sie aber nicht - bis Dienstag. Da hat ihnen ein Polizist die Regeln erklärt.

Nordkirchen

, 12.12.2018, 15:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

An einer Wand im Zimmer Nummer 16 des Bürgerhauses Nordkirchen hängen Ausdrucke von Straßenschildern. Sie weisen beispielsweise auf einen Zebrastreifen, einen Kreisverkehr oder einen Radweg hin. An der Tafel stehen Begriffe wie „Gericht“, „Staatsgewalt“ oder die Telefonnummer der Polizei. 13 Geflüchtete sitzen an Tischen. Hauptkommissar Reinhard Frieling, Leiter der Polizeiwache in Lüdinghausen, steht vor der Tafel und beantwortet die Fragen der Geflüchteten.

„Warum werden Flüchtlinge, die in Deutschland straffällig geworden sind, nicht schneller abgeschoben?“, fragt zum Beispiel einer von ihnen. Unterstützung bei der Fragestellung erhält er von Barbara Zahler, die den Geflüchteten Deutschunterricht gibt. Denn allzu leicht kommt die Frage in deutscher Sprache ihm noch nicht über die Lippen. „Dafür gibt es verschiedene Gründe“, erklärt Reinhard Frieling. „Manche haben keinen Ausweis, dann können die Länder sagen: ‚Wir kennen den nicht‘ - so können wir denjenigen nicht abschieben. Auch die Höhe der Strafe spielt eine Rolle. Aber da soll es bald neue gesetzliche Regelungen geben.“

Gesagtes wird mit Gesten untermalt

Ebenso wie Deutschlehrerin Barbara Zahler untermalt der Hauptkommissar das Gesagte mit Gesten, um es zu verdeutlichen. Denn obwohl die 13 Geflüchteten bereits 600 Stunden Deutschunterricht hatten, ist das Sprechen und Verstehen noch nicht so einfach. „Alle meine Schüler sind Analphabeten“, erklärt Barbara Zahler. „Sie konnten in ihrer Muttersprache weder lesen, noch schreiben.“ Jetzt nicht nur Deutsch sprechen, sondern auch schreiben und lesen zu lernen, sei eine Mammutaufgabe für die Geflüchteten. „Vokabeln lernen funktioniert deshalb zum Beispiel nicht“, sagt Barbara Zahler.

Vier Mal pro Woche unterrichtet sie die Geflüchteten - bis zum Sprachniveau B1. Das ist die dritte von insgesamt sechs Sprachniveau-Stufen, die man erreichen kann. Doch nicht nur Sprach- auch Alltagsprobleme sollen im Kurs gelöst werden. „Alle haben ein Fahrrad, kennen aber keine Verkehrsregeln“, erzählt Barbara Zahler. „Da ist die Unfallgefahr sehr hoch. Und viele möchten ja auch einen Führerschein machen.“ Deshalb habe sie Ralf Trapp, der derzeit den Nordkirchener Bezirksbeamten Dieter Herbstmann vertritt, gefragt, wie man den Geflüchteten Verkehrserziehung näherbringen könnte. So sei der Kontakt zu Reinhard Frieling entstanden.

Polizist möchte Angst vor der Polizei nehmen

„Am Anfang war es totenstill im Raum“, erzählt der Leiter der Polizeiwache in Lüdinghausen am Dienstag in einer Seminarpause. „Die Schüler müssen erst lernen, dass die Polizei hier in Deutschland nicht befiehlt, sondern mit ihnen spricht.“ Viele haben Angst vor der Polizei, da die Polizei in ihren Herkunftsländern korrupt und gewalttätig ist. „Manche wollten gar nicht kommen“, sagt Barbara Zahler. Am Ende seien dann aber doch alle erschienen. Und nach und nach habe Reinhard Frieling den Geflüchteten die Angst nehmen können. „Dann sind sie immer mutiger geworden und haben auch viele Fragen gestellt“, sagt der Hauptkommissar.

Die Geflüchteten lauschten den Ausführungen von Reinhard Frieling aufmerksam und stellten ihm nach anfänglichem Zögern viele Fragen.

Die Geflüchteten lauschten den Ausführungen von Reinhard Frieling aufmerksam und stellten ihm nach anfänglichem Zögern viele Fragen. © Carolin West

Es sei gut, dass sich auch der Bezirksbeamte Ralf Trapp kurz vorgestellt habe. So hätten die Geflüchteten ein Gesicht vor Augen und wüssten, wo sie hingehen können, wenn es Probleme gibt. „Herr Trapp kann dann in Ruhe mit den Menschen sprechen, ohne dass gleich die Polizei anrücken muss“, erklärt Reinhard Frieling. Er leitet häufiger Seminare für Geflüchtete, beispielsweise zum Thema Verkehrserziehung.

„Wie macht man eine Ausbildung zur Polizistin?“

Und dass da Bedarf besteht, wissen auch die Geflüchteten. „Ich fühle mich jetzt sicherer, weil ich weiß, was die Schilder bedeuten“, sagt Mohsin Ali (24), der seit 2015 in Deutschland ist und in der Landwirtschaft arbeitet. Vorher sei er einfach gefahren, ohne auf die Schilder zu achten. „Und ich weiß jetzt, dass ich in eine Einfahrt gucken muss, bevor ich daran vorbeifahre“, erzählt Mahmoud Alnisan (30), der seit zweieinhalb Jahren in Deutschland ist. Die beiden Männer fanden es aber auch gut, dass sie Fragen stellen durften, die nichts mit dem Straßenverkehr zu tun haben.

Deutschlehrerin Barbara Zahler (r.) hatte Reinhard Frieling (4.v.l.) eingeladen.

Deutschlehrerin Barbara Zahler (r.) hatte Reinhard Frieling (4.v.l.) eingeladen. © Carolin West

So eine Frage hatte beispielsweise Pirasathana Rushek. Die 30-jährige Sri-Lankerin ist seit zwei Jahren in Deutschland und hat einen Berufswunsch: Sie möchte Polizistin werden. „Wie macht man eine Ausbildung zur Polizistin?“, fragte sie deshalb Reinhard Frieling. Der erklärte ihr die Abläufe und konnte ihr auch die Sorge nehmen, dass sie mit ihrer Herkunft gar keine Polizistin werden kann. „In Deutschland kann grundsätzlich erst einmal jeder Polizist werden“, erklärt er.

Mann und Frau sind gleichgestellt

Aber auch andere Themen kamen am Dienstag zur Sprache: die Grundrechte, die Gewaltenteilung, die Polizeikontrolle oder Fragen zum Asylverfahren. „Wichtig war mir, dass auch die Gleichheit von Mann und Frau besprochen wird“, erklärt Reinhard Frieling. „Das ist in den Herkunftsländern ja oft anders.“ Nach dem Seminar bot er einen Wiederholungstermin an, falls noch weitere Fragen aufkommen. Und auch ein Besuch in der Polizeiwache Lüdinghausen könnte bald für die Geflüchteten anstehen.

Lesen Sie jetzt