Portemonnaie verloren und Nächstenliebe gefunden

Cappenbergerin im Glück

Julia Zeppenfeld ist 19 Jahre und kommt aus Cappenberg. Sie hat uns die Geschichte von ihrem verlorenen Portemonnaie erzählt. Und von ihrem Glück, das sie hatte – es gab einen ehrlichen Finder. Warum sie glaubt, dass ihre Geschichte etwas verändern kann, hat sie uns im Interview erzählt.

NORDKIRCHEN

, 16.09.2016, 05:24 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nächstes Jahr macht sie Abitur. Viel gelernt hat sie aber vor allem am Wochenende. Gelernt fürs Leben. Etwas gelernt über Menschen.

Als ihre Jahrgangsstufe 13 mit dem Bus in der Nacht zu Samstag an der Haltestelle vor der Nordkirchener Gesamtschule ausstieg, als alle übermüdet waren, als es irgendwie stressig zuging in der Dunkelheit, weil alle nur noch ins Bett wollten – da verlor sie ihr Portemonnaie, irgendwo an der Bank auf dem Bürgersteig; ohne es zu merken. Mit Personalausweis, Führerschein, EC-Karte und ungefähr 100 Euro Bargeld.

Erst kam die Panik, dann der Retter

Sie fuhr heim, schlief bis mittags und fand, als sie mit einer Freundin los wollte zum Chillen am Kanal, ihre Geldbörse nicht wieder. Julia Zeppenfeld geriet etwas in Panik, ihr Vater ließ bei der Bank die EC-Karte sperren; Julia versuchte, Lehrer zu erreichen – keine Chance.

Sie rief das Busunternehmen an – keine Aussicht auf Erfolg. Sie fuhr nach Nordkirchen, suchte alles ab und traf den Mann: etwa 60 Jahre alt, fremdländisch. Er rief „Hallo“, sie kamen ins Gespräch. Er fragte, ob sie etwas verloren hätte. Nach ihrem Alter. Dann sagte er: „Dann heißt du Julia. Ich habe dein Portemonnaie gefunden.“

Er hat den ganzen Tag auf Julia gewartet

Julia Zeppenfeld denkt daran zurück – es war ihr Glücksmoment. „Wie viel Geld ist drin?“, fragte der Mann, der gebrochen Deutsch sprach. „100 Euro“, antwortete sie. „Genau 96,20 Euro“, sagte er.

„Er hat den ganzen Tag dort gewartet. Ich finde das unglaublich! Klar, er hat keine Arbeit, er hat Zeit. Aber die Zeit muss man sich auch erstmal nehmen. So eine Hilfsbereitschaft und Ehrlichkeit …“. Julia Zeppenfeld folgt ihm in seine Wohnung in einem Haus mit mehreren Flüchtlings-Wohnungen.

Sie lernt seine Frau kennen, die sofort Kaffee anbietet. Julia will ablehnen, da hat sie schon eine Tasse vor sich. Neben dem Portemonnaie. Nichts fehlt.

Damit sich die Einstellung in der Gesellschaft ändert

Sie reden eine halbe Stunde lang, soweit es geht. Sie erfährt, dass er seit einem halben Jahr bei der Pfarrcaritas Deutschstunden hat. Dann bedankt sich Julia, drückt dem Mann 25 Euro Finderlohn in die Hand. Er will es nicht annehmen, doch sie legt es auf den Tisch und geht.

Ihr Vater ist begeistert, als er die Geschichte hört. Er sagt, sie solle das der Zeitung erzählen. Das müssten die Menschen wissen. Damit sich die Einstellung in der Gesellschaft ändert. Sie schreibt uns.

Sie wolle sich noch bedanken bei dem Mann, sagt Julia Zeppenfeld beim Termin. Sie wisse aber nicht so recht, wie. Einfach hingehen? Nein, allein traut sie sich nicht. Sie will mit einem engagierten Lehrer überlegen. 

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