Sexualisierte Gewalt in Sportvereinen: DLRG setzt sich zum Schutz der Kinder ein

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Die DLRG Nordkirchen hat ein Konzept verabschiedet, mit dem sie gegen sexualisierte Gewalt im Sportverein kämpfen möchte. Vorsitzender Julian Grenz erklärt im Interview, was es beinhaltet.

Nordkirchen

, 04.02.2019, 16:14 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sexuelle Gewalt im Sport ist bei vielen noch ein Tabuthema. Nicht so beim DLRG Nordkirchen. „Wir wollen das bei uns nicht haben“, sagt der Vorsitzende Julian Grenz. Mit seinem Verein hat er ein umfangreiches Konzept zur Prävention erarbeitet. Wie genau das aussieht, erklärt er im Interview.

Wie kam es dazu, dass Sie sich so intensiv mit dem Thema sexualisierte Gewalt in Sportvereinen befasst haben?

In den Medien wurde ja häufig über Vorfälle berichtet. Im Vorstand haben wir uns dann die Frage gestellt, was passiert, wenn bei uns etwas passiert. Wir wollten insofern gut aufgestellt sein, sodass wir den Kindern den bestmöglichen Schutz bieten können. Wichtig für die Trainer und Betreuer ist aber auch, dass es keine haltlosen Beschuldigungen gibt. Gerade in einem Schwimmverein, wo es auch einen Nass- und Nacktbereich gibt, muss man klare Regeln aufstellen.

Was heißt das konkret?

Unter der Überschrift „Verhaltensregeln im Verein“ gibt es aktuell 19 Regeln, die wir im Leitfaden aufgeführt haben. Diese wurden aus einer Gruppe von Kindern, Trainern und dem Vorstand erarbeitet. Ein Punkt ist, dass wir uns unserer Vorbildfunktion bewusst sind und in unserer Umgangssprache auf sexistische Äußerungen verzichten. Die Umkleiden der Mädchen und Jungen werden grundsätzlich nicht betreten. Ist ein Betreten erforderlich, sollte dieses durch gleichgeschlechtliche Aufsichtspersonen erfolgen. Es gilt, zuerst anklopfen, dann die Kinder bitten, sich etwas überzuziehen. Optimal ist es, die Umkleiden zu zweit zu betreten, damit das Vier-Augen-Prinzip greifen kann. Nur in einem begründeten Notfall darf eine nicht gleichgeschlechtliche Aufsichtsperson die Umkleide betreten. Es finden keine Einzeltrainings statt und Handys sind am Beckenrand grundsätzlich nicht erlaubt. Das sind nur ein paar Beispiele. Die Liste ist lang, aber jeder einzelne Punkt wichtig.

Der DLRG Nordkirchen ist in Bezug auf Prävention sexueller Gewalt vorbildlich aufgestellt. Was haben Sie unternommen?

Das waren ganz viele kleine Schritte. In Sitzungen wurde beschlossen, das Thema „Prävention und Intervention sexualisierter Gewalt im Sport“ ernstzunehmen. Es soll alles unternommen werden, um den Schutz der Kinder und Jugendlichen in unserem Verein zu gewährleisten. Auf der Vorstands- und Trainersitzung beschlossen wir, die aufgestellten Regeln und Absprachen in einem Handlungs- und Interventionsleitfaden zu verschriftlichen. Dieser umfassende Leitfaden wurde auf der Vorstandssitzung verabschiedet. Bis dahin war es aber ein langer Weg. Wir haben mit dem Kreissportbund zusammengearbeitet, Kontakt zum Kreisjugendamt in Coesfeld aufgenommen und eine Kooperationsvereinbarung mit dem Verein Zartbitter in Münster geschlossen, uns weitergebildet und präventive Angebote wahrgenommen. Zudem haben wir uns dem Qualitätsbündnis des Landessportbundes NRW angeschlossen.

Anlaufstellen für Betroffene
  • „Sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können. Der Täter oder die Täterin nutzt dabei seine/ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.“ So heißt es auf der Website des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in der Bundesrepublik Deutschland.
  • Kristin Föller vom Sportbund Coesfeld sagt zwar, dass es in den 208 Vereinen, die zum Sportbund gehören, bis jetzt noch keinen einzigen dokumentierten Fall von sexualisierter Gewalt gegeben hat. Dennoch aber ist sich der Sportbund bewusst darüber, dass das Thema aktuell ist. Kristin Föller weist so darauf hin, dass es ein Zehn-Punkte-Programm des Landessportbundes NRW gibt, durch das die Prävention sexualisierte Gewalt in Sportvereinen und die Maßnahmen gegen Missbrauch weiterentwickelt werden sollen. Außerdem wurde ein Ehrenkodex eingeführt, der auf Aus- und auch Fortbildungen von den Kursleitern unterschrieben werden müsse, so Kristin Föller.
  • Auf die Frage, an wen man sich als betroffene Person wenden könnte, antwortete sie, dass man sich natürlich immer an den Verein wenden kann. Aber: „Viele haben Angst, darüber zu reden“, so Föller.
  • Michael Werremeier, Kreisjugendpfleger vom Kreisjugendamt, bestätigt das auf Anfrage. Genaue Zahlen zu Vorfällen seien ihm nicht bekannt, jedoch geht er von einer sehr großen Dunkelziffer aus. Auf Anfrage, ob es irgendwelche Hilfsstellen außer den eigenen Verein gebe, verwies er auf kirchliche Hilfe und die damit verbundenen Erziehungsberatungsstellen. Eine andere Anlaufstelle seien die Vereine Zartbitter Münster e.V. für Jugendliche ab 14 Jahren sowie Frauen e.V. Das Kinderschutzzentrum ist ebenfalls eine Hilfe.
  • Außerdem seien auch Hilfetelefone verfügbar: die Nummer gegen Kummer unter Tel. (0800) 1 11 05 50 sowie die Hotline im Falle eines sexuellen Missbrauchs, bei der man sich anonym melden kann, Tel. (0800) 2 25 55 30.
  • Rolf Werenbeck-Ueding von der Polizei Coesfeld teilt auf Anfrage der Redaktion mit, dass es zwar Fälle von sexualisierter Gewalt (in Sportvereinen) gebe, diese jedoch nicht oft angezeigt werden. Eine eigene Statistik zu Vorfällen in Sportvereinen gibt es bei der Polizei nicht. Sexualisierte Gewalt im Allgemeinen (Beleidigungen auf sexueller Basis nicht mit einbezogen) wurden 2016 im gesamten Kreis Coesfeld 135-mal gemeldet. Bei 23 Delikten davon handelte es sich um Vergewaltigungen. 2017 waren es 127 Sexualdelikte, wovon 26 Vergewaltigungen waren.

Was ist das Qualitätsbündnis?

Das ist eine Initiative des Landessportbundes NRW. Das Bündnis aus Vereinen in NRW hat sich zum Ziel gesetzt, sexualisierter Gewalt im Sport wirksam vorzubeugen und diese zu bekämpfen. Dazu wurden Qualitätsstandards entwickelt. Nur wer alle Standards erfüllt, wird in das Qualitätsbündnis aufgenommen.

Welche Voraussetzungen braucht ein Verein zur Aufnahme?

Dazu gehört unter anderem, dass der Kinder- und Jugendschutz in der Satzung des Vereins verankert sein muss, die Teilnahme an Informations- und Qualifikationsveranstaltungen, die Benennung von Ansprechpartnern, die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses von Personen, die mit den Kindern in Kontakt treten - also alle Trainer und Betreuer. Zudem müssen diese Personen einen Ehrenkodex unterschreiben.

Sie haben bereits einige Verhaltensregeln genannt. Welche Verhaltensregeln sind noch im Handlungs- und Interventionsleitfaden aufgeführt und warum ist dieser Leitfaden so wichtig?

Der Leitfaden ist sehr umfangreich. Wichtig ist unter anderem, dass wir drei geschulte Ansprechpartner haben. Deren Namen und Kontaktdaten sind veröffentlicht und sie sind jederzeit ansprechbar. Eltern und Kinder können sich an die Ansprechpartner wenden. Aber auch Trainer oder Betreuer, wenn sie sich unsicher sind.

Aufgeführt sind Verhaltensregeln für die Trainer und Betreuer, wenn vermutet wird: Es gibt ein Opfer bei uns im Verein. Dann gibt es Verhaltensregeln, wenn der Verdacht besteht: Wir haben einen Täter im Verein. Oder den Mitteilungsfall, wenn ein Kind zum Beispiel sagt: „Mein Onkel hat mich zu Hause ganz komisch angefasst.“ Für diese Situationen gibt es Verhaltensregeln und Dokumentationsbögen. Anhand des Ablaufdiagramms weiß jeder Trainer, Betreuer oder jedes Kind, wie es weitergeht. Die Ansprechpartner haben noch weitere Informationen. Alle Informationen werden selbstverständlich vertraulich behandelt. Wir behalten immer die Ruhe, bei einem Verdacht wird der Vorstand informiert und wenn nötig auch die Polizei. Die Dokumentationsbögen schaffen Klarheit, mit der die zuständigen Stellen arbeiten können.

Gab es beim DLRG Nordkirchen bereits einen Verdacht auf sexuelle Gewalt?

Nein.

Wo ist der Handlungs- und Interventionsleitfaden erhältlich?

Jeder Trainer und Betreuer hat ihn ausgehändigt bekommen. Während der Mitgliederversammlung haben wir den Leitfaden verteilt, zu den Trainingszeiten ist er erhältlich und steht zudem auf der Homepage zum Download bereit. Dort finden sich auch alle Informationen und Dokumente zu dem Thema.

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