So fand eine syrische Familie ein neues Zuhause

Besuch nach einem Jahr

Flucht war die einzige Alternative zum Tod. Im März 2012 verließ Mohammad Khir Alabli mit Ehefrau Tharaya und seinen vier Kindern Syrien. Eine lange Fluchtgeschichte mit langer Trennung liegt hinter ihm und seiner Familie, die jetzt in Lüdinghausen lebt. Wir haben ihn ein Jahr nach unserem ersten Besuch erneut getroffen.

SÜDKIRCHEN/LÜDINGHAUSEN

04.08.2016 / Lesedauer: 4 min

Über Mohammad Khir Alabli, der damals in der Flüchtlingsunterkunft in Südkirchen lebte, seine Flucht durch die Wüste über das Mittelmeer auf einem von Schleppern zurückgelassenen Boot – heimlich machte er Fotos – hatten wir in der Reportage „Sehnsucht nach Frieden“ im März 2015 berichtet.

"Wir hatten keine Wahl", macht Tharaya deutlich. Sie erzählt davon, wie schön Syrien sei, von einem schönen Leben mit Familie, Freunden, Nachbarn von den Wünschen für die Zukunft der Kinder. „Doch dann kam der verrückte Krieg“. Um zu überleben, haben die Khir Alablis bereits 2012 ihr Haus in der Universitätsstadt Daraa (knapp 98.000 Einwohner 2004), ganz im Süden Syriens, nahe der jordanischen Grenze verlassen, alles an Vermögen mitgenommen, was ging und sind nach Jordanien geflohen.

Wäre Mohammad geblieben, hätte man ihn erschossen

Mohammad Khir Alabli, einst Oberst in der syrischen Armee, hatte sich geweigert – egal für wen – in diesem Krieg zu kämpfen. Wäre er geblieben, hätte man ihn erschossen wie später seinen Bruder. Die Familie floh in die jordanische Hauptstadt Amman. Doch es gab keine Perspektive für die Kinder und auch nur bedingte Sicherheit. Tharaya erzählt davon, wie ihr Mann sich entschloss über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen. Nein, sie habe nicht versucht, ihn wegen der Gefahr zu hindern, nein im Gegenteil sie habe ihn vor allem wegen der Kinder dazu gedrängt. Es ging um ihre Sicherheit und ihre Zukunft.

Familie sah sich erst nach 15 Monaten wieder

Im September 2014 kam Mohammad Khir Alabli nach Südkirchen. Seine Familie sollte er erst nach einem Jahr und drei Monaten wiedersehen. Tharaya und die Kinder, Sohn Jassem (19), die Töchter Batool (18) und Bushra (14) und der jüngste Sohn Bashar (13), schlugen sich in Jordanien durch, hatten eine Wohnung, die Kinder besuchten alle die Schule.

So lesen Sie unsere Karte mit dem Flüchtlingsweg von Mohammad:

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Für Dezember 2015 erhielten sie dann eine Ausreisegenehmigung in der Deutschen Botschaft in Amman.

Mohammad Khir Alabli hatte mittlerweile Freunde in Deutschland gefunden, vor allem über den Asylkreis der Pfarrcaritas. Günter und Dorothea Neveling aus Südkirchen besorgten ein großes Auto und gemeinsam holten sie mit ihm am 2. Dezember die Familie vom Düsseldorfer Flughafen ab.

Oberstes Ziel: Deutsch lernen

Zwischenzeitlich hatte Mohammad Khir Alabli ein Wohnung in Lüdinghausen bekommen. Hier hatte er einige Zeit in einer Fabrik gearbeitet. Zurzeit ist jedoch sein oberstes Ziel und das aller Familienmitglieder, Deutsch zu lernen. Alle besuchen sie Sprachkurse, mehrere Stunden an jedem Wochentag.

Mohammad Khir Alabli fährt nach Dülmen zum Kurs für Fortgeschrittene, seine Frau Tharaya zu einem Kurs für Anfänger. Der 19-jährige Jassem fährt nach Münster zu einem B1-Kurs und die jüngeren Kinder sind in Sprachklassen an verschiedenen Schulen in Lüdinghausen, die 18-jährige Batool dort im Berufskolleg und Bushra (14) und Bashar (13) sind im Gymnasium Canisianum.

"Sonst möchte ich Arzt werden"

Im Gespräch wechseln sie zwischen Deutsch und Englisch, die Kinder verstehen vor allem schon sehr viel.

Der kleine Bashar erzählt von seinen Zukunftsträumen. Er möchte Fußballspieler werden, trifft sich nachmittags gerne mit Freunden auf einem Bolzplatz in der Siedlung. „Sonst möchte ich Arzt werden“, erzählt er.

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Bushra möchte Journalistin werden und bald mal unsere Redaktion besuchen. Die beiden erwachsenen Kinder haben bereits Abschlüsse in Syrien gemacht, arbeiten jetzt aber an deutschen Abschlüssen. Beide streben ein Ingenieurstudium an, Jassem zum Elektroingenieur, Batool zur Bauingenieurin – „Nicht Architektin“, betont sie Sie haben Freunde in den Schulen gefunden, doch die meisten Kontakte nach der Schule laufen nur übers Handy.

Heimatstadt ist völlig zerstört

Und Mohammads Ehefrau Tharaya Khir Alabli: Sie ist froh in Lüdinghausen zu sein und fühlt sich wohl. „Es gibt alles, was man braucht“, sagt sie. Ihre Heimatstadt Daraa sei völlig zerstört, es sehe aus wie auf den Bildern von Aleppo, die man derzeit in den Medien sehe. Ihre Eltern leben nicht mehr, ihre Geschwister sind in verschiedene Länder der Welt geflohen, nach Saudi-Arabien, nach Schweden und zwei Brüder sind mit ihren Familien seit kurzem in Bonn. Einmal habe man sich schon getroffen. Sie hat Freundinnen gefunden unter den Frauen des Südkirchener Asylkreises und das Ehepaar habe gemeinsame Freunde. Regelmäßig trifft Tharaya sich mit Gerti Maas aus Selm.

Wohnung zu klein für sechsköpfige Familie

Ein Problem jedoch sei die Größe der Wohnung für die sechsköpfige Familie. Es gibt nur zwei sehr kleine Kinderzimmer, die sich jeweils die Mädchen und Jungen teilen, doch mehr, als zwei Betten passen nicht hinein. Platz für Schreibtische gibt es nicht. „Die Kinder brauchen Platz und Ruhe zum Lernen“, sagt Mohammad Khir Alabli. Nur wenig Raum ist auch am Esstisch in einem im Flur integrierten Essbereich. 

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