Jakob ist ein ruhiges Kind. Sagt seine Mutter. Jakob ruhig? Im Gegenteil: Jakob lacht. Er fühlt sich wohl. Deshalb lacht er. Obwohl er behindert ist. Oder vielleicht: weil er behindert ist.

Nordkirchen

, 11.04.2019, 12:51 Uhr / Lesedauer: 10 min

Der neunjährige Jakob Schlarmann ist einer der Schüler der Klasse 3a in der Mauritius-Grundschule in Nordkirchen. Morgenkreis. Singen. Frühstücken. Abläufe, die er kennt. Die er mag. Weil da Menschen um ihn sind, die er mag. Und die ihn mögen. Seine Mitschüler. Seine Lehrerinnen. Eine ganz normale Klasse. Wobei, normal? Doch. Irgendwie schon. Obwohl die Klasse eigentlich gar nicht der Grundschule unterstellt ist. Sie ist Teil der Maximilian-Kolbe-Schule. In der Maximilian-Kolbe-Schule werden Kinder und Jugendliche mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung unterrichtet und gefördert. Eines davon ist Jakob.

So läuft‘s mit dem Zusammenleben behinderter und nichtbehinderter Menschen in Nordkirchen

Sabine Schlarmann und ihr Sohn Jakob: Zwei, die wissen und spüren, was sie von den Inklusionsbemühungen in Nordkirchen haben. © Arndt Brede

Behinderte und Nichtbehinderte lernen gemeinsam

Die Klasse 3a ist eine sogenannte Kooperationsklasse. Ein Beispiel dafür, dass das Leben von Behinderten und Nichtbehinderten funktionieren kann. Denn diese Klasse 3a lebt und arbeitet mit den anderen Mädchen und Jungen der Mauritiusschule zusammen. Ganz normal. Kunst, Musik, Sport: Projekte, in denen Mauritius- und Maxischüler, wie sie in der Gemeinde liebevoll genannt werden, Teamwork betreiben. Neulich haben sie gemeinsam Bilder gemalt. Nach Vorbild von Joan Miro, dem spanischen Maler. Dem mit den bunten Figuren. Mit diesen verrückten Motiven. Weltberühmt und beliebt. Beliebt auch bei den Nordkirchener Schülern, die Miro-Bilder gemalt haben. Schülern wie Jakob.

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Nach getaner Arbeit, wenn sie dann auch noch gemeinsam erledigt wurde, kann man stolz sein. © Arndt Brede

Leistungsdruck in der Regelschule wäre zu groß

Wie Jakob zur Maxischule und dann auch in die Kooperationsklasse an der Mauritiusschule gekommen ist, war so: Als Jakob zur Welt kam, war alles noch in Ordnung. Und dann? „Als er ein halbes Jahr alt war, ist er operiert worden“, berichtet seine Mutter, Sabine Schlarmann. Vermutlich als Folge der OP habe Jakob an Sauerstoffmangel gelitten. Seitdem hat Jakob „eine allgemeine Entwicklungsverzögerung“, wie die 47-jährige Herbernerin sagt. Er könne sich nicht gut bewegen. Vom Kopf her habe Jakob eine starke Leistungsverzögerung. „Er bekommt Logopädie, weil er bestimmte Laute nicht sprechen kann.“ Er habe eine geistige Behinderung, sagt Sabine Schlarmann.“Ja, das darf man wohl sagen.“ Buchstaben und Zahlen „sind noch schwierig für ihn.“ Als es darum ging, auf welche Schule Jakob gehen soll, begann die Suche, denn: Auf der Marienschule, der Grundschule an seinem Wohnort Herbern, wäre der Leistungsdruck zu groß geworden, sagt Jakobs Mutter. Also begaben sich seine Eltern auf die Suche nach einer geeigneten Schulform für ihren Sohn. Dabei haben sich die Schlarmanns auch die Maximilian-Kolbe-Schule in Nordkirchen angesehen´. „Wir haben dann gesagt: Das ist die richtige Schulform.“ Die richtige Schulform für Jakob also: „Er wird langsamer und intensiver betreut“, erklärt Sabine Schlarmann. „Er hat mehr Zeit, sich zu entwickeln. Die Schüler werden von Anfang an nach Leistungsniveaus eingeteilt und dementsprechend gefördert.“

Viele Berührungspunkte im Schulalltag

Ein Jahr lang bekam Jakob Unterricht im Gebäude der Maxischule. „Das war auch schön, oder Jakob?“, fragt die Mutter ihren Sohn. Antwort: „Jaaaa.“ Allein schon, das große Gelände erkunden zu können, sei für Jakob gut gewesen. Dann wechselte die vorherige Kooperationsklasse von der Mauritiusschule zurück ins Gebäude der Maxischule. Und Jakobs Klasse durfte in die Mauritiusschule wechseln. Es sei dabei wichtig gewesen, dass alle seine Mitschüler und die Lehrer, die er kannte, mit gewechselt seien. „Er hat aber Berührungspunkte mit den anderen Schülern der Mauritiusschule“, sagt Sabine Schlarmann.

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Im Kunst-Projekt haben behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammengearbeitet. © Arndt Brede

Beziehungen knüpfen

Berührungspunkte, zum Beispiel durch das Miro-Kunst-Projekt. Genau das Richtige für Jakob. Er malt nämlich zuhause ganz viel, erzählt seine Mutter, und Jakob bestätigt das durch ein lautes „Ja“ und wieder ein lautes Lachen. Das Projekt dürfte für Jakob nichts Besonderes gewesen sein. „Er spielt ja auch zuhause mit Kindern, die in die Regelgrundschule gehen.“ Gleichwohl hat auch solch ein Projekt Auswirkungen auf Jakobs Persönlichkeitsentwicklung. „Er bekommt durch die Kooperation ein Bild, wie die anderen drauf sind“, berichtet Jakobs Mutter. Er könne so Beziehungen knüpfen und sehen, wie es in den anderen Klassen laufe. Genau so wichtig sei dass die „anderen“, eben die Mauritiusschüler, erkennen, wie es in den Klassen der Maxischule laufe. „Die Kinder merken, es gibt nicht nur Kinder, die wie wir sind, sondern auch Kinder, die anders sind, obwohl man es ihnen von außen nicht unbedingt ansieht.“

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Sie haben neue Freunde gefunden: die Mauritius-und die Maxischüler. © Arndt Brede

Marlene ist überzeugt: Jeder ist gleich

Während des Miro-Projekts wurde das ganz deutlich: „Man lernt, welches Leben die so führen“, sagt Paula (8), Schülerin der Mauritiusschule, während der Projekt-Abschlusspräsentation im Forum der Mauritiusschule zum Reporter. „Ich habe hier schon zwei Freundinnen kennengelernt. Die machen das Gleiche wie wir.“ Marlene (8) ergänzt: „Alle haben ihre eigene Sprache. Jeder ist gleich.“ So gleich, dass förmlich zu spüren ist, wie viel Spaß das gemeinsame Projekt den Mädchen und Jungen gemacht hat. Vincent (9) ist Maxischüler. Sein Fazit des Projekts: „Dabei lernt man besser und schneller neue Freunde kennen.“ Er habe bei anderen abschauen können, welche Technik man beim Malen anwenden kann. Die anderen Schüler haben ihm dabei geholfen, sagt er.

Partnerarbeit kam gut an

Kunstlehrerin Ulrike Rusche und Melanie Berlage, Leiterin der Klasse 3b, sind begeistert, was im Projekt passiert ist: „Wir haben viel in Partnerarbeit gmacht“, sagt Melanie Berlage. „Wir haben bewusst Aufgaben gewählt, wo ein Kind der Maximilian-Kolbe-Schule und zwei oder drei Kinder unserer Schule zusammenarbeiten konnten“, ergänzt Ulrike Rusche. Laetitia (8) ist eine der Maxischülerinnen, die beim Projekt dabei war. Sie sitzt im Rollstuhl, kann ich verbal nicht äußern. „Da haben unsere Kinder sie gefragt, welche Farbe sie für ein Kunstwerk auswählen sollen und Laetitia hat mit dem Kopf genickt oder den Kopf geschüttelt, wenn sie Farben gezeigt bekommen hat“, berichtet Melanie Berlage. So habe das Mädchen mit entschieden. Teamwork eben. Inklusion pur.

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Zu was Kinder in der Lage sind, egal ob behindert oder nicht, hat das Kunstprojekt gezeigt. © Arndt Brede

Vorurteile bei Eltern abgebaut

Das Projekt hat - ganz nebenbei - geholfen, Vorurteile abzubauen. Melanie Berlage: „Manche Eltern haben Vorbehalte, dass ihr Kind nur noch mit behinderten Kindern Kunst habe. Als sie sich dann die kleine Ausstellung im Forum angeschaut haben, haben sie gesehen, dass das ganz normale Kinder sind, mit denen ihre Kinder zusammen sind.“ Gabriele Forck ist Lehrerin an der Maxischule. Ihre Erfahrung mit der Kooperation: „Unsere Kinder erfahren Akzeptanz, dass ihre Ideen auch gewürdigt und umgesetzt werden.“

Hoher Lernzuwachs auch für Grundschüler

An der Mauritiusschule hört Inklusion aber nicht bei Kunstprojekten auf. „Es gibt zwei Arten der Inklusion bei uns“, sagt Schulleiterin Angela Tönnis im Gespräch mit der Redaktion. „Es gibt in jeder Klasse Kinder, die einen besonderen Förderbedarf haben. Teilweise haben sie eine Integrationskraft dabei. Teilweise nicht.“ Das Besondere an der Mauritiusschule sei, dass sie zusätzlich die Kooperationsklasse habe. Neben gewissen gemeinsamen Projekten mit den Mauritiusschülern haben die Maxischüler der Kooperationsklasse auch gemeinsame Schulstunden, etwa in Musik und Kunst. Auch die Pausen verbringen Regel- und Maxischüler zusammen. Und: Wenn ein Raum frei sei, könne auch ein Ergotherapeut arbeiten, falls ein Maxischüler Egotherapie benötige.

Angela Tönnis ist überzeugt davon, dass durch die Kooperation die Schüler beider Schulen profitieren. „Unsere Schüler haben ja auch eine hohen Lernzuwachs dadurch.“ Dazu gehöre, zu erkennen, dass jeder etwas könne, jeder Stärken und Schwächen habe. Und: „Sie erleben, dass das Miteinander zu unserer Gesellschaft gehört.“ Gerade das Kunstprojekt zeige, zu was Kinder in der Lage sind, egal ob mit Handicap oder ohne.

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Im inklusiven Kunstprojekt sind sehr schöne Werke entstanden. © Arndt Brede

Inklusionshürde Barrierefreiheit

Wobei bei der Auswahl der Maxischüler, die in eine Kooperationsklasse an der Mauritiusschule kommen, die Art der Behinderung ausschlaggebend ist. Schwerstbehinderte sind nicht unbedingt darunter. Allein schon deshalb,weil die Mauritiusschule nicht vollständig barrierefrei ist, etwa wegen der Treppen in die erste Etage.

Das ist eine der Hürden, die die Gemeinde Nordkirchen überwinden muss, wenn sie den Weg hin zur inklusiven Gemeinde, den sie eingeschlagen hat, weiter erfolgreich beschreiten möchte. Es gibt weitere Grenzen, an die Inklusion im täglichen Leben stößt: „Teilweise gibt es nicht genügend Leute, die als Integrationskräfte in die Klassen kommen können“, sagt Angela Tönnis. „Das Genehmigungsverfahren, das nicht beim Schulamt liegt, ist etwas aufwendiger.“ Grundsätzlich sei wünschenswert, in vielen Bereichen mehr Ressourcen zu haben. „Wir würden gern mehr kooperieren, sind aber räumlich sehr beengt. Stichwort Barrierefreiheit: Wir haben keinen Aufzug. Mehr Personal wäre auch wünschenswert.“ Aber Personal zu finden, sei mangels Masse schwierig. Wobei Angela Tönnis eins sehr wichtig ist: „Unser Kollegium ist hoch motiviert.“

Der Schlüsselbegriff ist Motivation

Motivation ist, wenn es um das Thema Inklusion geht, ein Schlüsselbegriff. In allen Nordkirchener Einrichtungen, in denen es um die Zukunft von Kindern und Jugendlichen geht, ist das Bemühen um gemeinsames Leben und Lernen sehr groß. Macht das für die Gemeinde Nordkirchen auf Sicht gesehen den Weg zur inklusiven Gemeinde leichter? „Ja, auf jeden Fall“, sagt Nordkirchens Bürgermeister Dietmar Bergmann. „ Das Thema Inklusion kann keine Kommune alleine angehen. Auch die Gemeinde Nordkirchen ist hier auf Partner angewiesen. In den Behinderten-Einrichtungen wird hervorragende und wichtige Arbeit geleistet, ebenso in den Schulen, Kindergärten und Vereinen. Die Gemeinde Nordkirchen gestaltet darüber hinaus den Rahmen, unterstützt und vernetzt, zum Beispiel durch das Quartiersmanagement MiNo und den digitalCampus.Nordkirchen.“

Das Projekt „Nordkirchen – auf dem Weg zur inklusiven Gemeinde“ startete im Jahr 2012. „Es haben sich Mitstreiter aus Schulen, Vereinen und Politik gefunden.“ Was bereits erreicht wurde, listet der Bürgermeister auf Anfrage der Redaktion gern auf:

  • Jährlicher Integrationstag mit über 20 Unternehmen
  • Bau der Integrationsküche der Kinderheilstätte
  • Kooperationsklassen Mauritiusschule und Maximilian-Kolbe-Schule
  • Schaffung eines Quartiersmanagements MiNo
  • Neuer Internetauftritt nordkirchen.de nach den Vorgaben der Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung
  • Errichtung der Tagespflege in Südkirchen in den Räumen einer alten Arztpraxis
  • Schaffung eines Außenarbeitsplatzes am Bauhof
  • Erste barrierefreie Ausschusssitzung in 2018
  • Abbau von Barrieren an verschiedenen Stellen im öffentlichen Straßenraum: zum Beispiel bei der Umgestaltung des Ortskerns. Die Fußgängerampel Schloßstraße wurde DIN-gerecht barrierefrei umgebaut mit taktilem Blindenleitsystem. Zentrumsnahe und/oder stark frequentierte Bushaltestellen wurden DIN-gerecht barrierefrei gestaltet mit erhöhten Borden und taktilen Blindenleitsystemen.

„Der Gedanke der Inklusion ist mittlerweile selbstverständlich“, erklärt Bergmann. In neue Projekte fließe die Inklusion grundsätzlich mit ein. Beim Zukunftsthema Mobilität ebenso wie bei den Zielen und Veranstaltungen des digitalCampus.Nordkirchen. „Gerade die Digitalisierung bietet hier gute Möglichkeiten. Etwas handfester wird es bei der geplanten Erstellung von Kartenmaterial und einer neuen Wegebeschilderung, die auch von Menschen Beeinträchtigungen besser genutzt werden können.“

Kapazitäten für Inklusionsschulungen wären wünschenswert

Klingt, als ob Inklusion in Nordkirchen richtig gut laufe, oder? „Grenzen gibt es durchaus“, antwortet der Bürgermeister. Eine völlige Barrierefreiheit an öffentlichen Gebäuden zum Beispiel sei nicht möglich. Die örtlichen Gegebenheiten lassen dies oft nicht zu. „Die Gemeinde Nordkirchen ist eine kleine Gemeinde. Nicht alle sozialen Fachdienste und Institutionen sind vor Ort. Die Grundschulen und die Johann-Conrad-Schlaun-Schule leisten zum Beispiel gute inklusive Arbeit. Alle inklusiven Kinder können aber nicht aufgenommen werden. In der Gemeinde Nordkirchen gibt es auch viele Vereine mit umfangreichen Sport- und Freizeitangeboten. Die Ehrenamtlichen leisten schon sehr viel, stoßen dabei aber ebenfalls an Grenzen.“ Da wären beispielsweise Kapazitäten für Schulungen im Bereich der Inklusion durchaus wünschenswert, führt Bergmann aus. „Das hält uns aber nicht davon ab, an sinnvollen Stellen anzusetzen und umzusetzen, was geht. Jede noch so kleine Hilfe kann bereits eine große Hilfe für Menschen mit Beeinträchtigungen darstellen.“

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Die Caritas-Behindertenwerkstätten in Nordkirchen: Hier bekommen Behinderte eine Chance. © Arndt Brede

Integrationstag: Gutes Beispiel für Inklusion

Die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen ist Kernaufgabe der Caritas-Behindertenwerkstätten. Sie ist eine der großen Einrichtungen, mit denen die Menschen außerhalb Nordkirchens mittlerweile die Schlossgemeinde verbinden. Und nicht nur wegen der jährlichen Adventsausstellung, zu der Hunderte jede Jahr kommen. Auch, weil dort Produkte angeboten werden, die Menschen anfertigen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nur schwer Fuß fassen würden.

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Ein kleiner Einblick in die Vielfalt der Produkte, die die Besucher des Adventsbasars der Caritas-Behindertenwerkstätten jedes Jahr erleben. © Arndt Brede

Aber die Caritas-Werkstätten erfahren auch noch auf andere Art und Weise Wertschätzung. Etwa beim jährlichen Integrationstag. Die Idee: Menschen mit Behinderung können Tagespraktika in unterschiedlichen Betrieben machen. Im besten Fall kann daraus auch mehr werden. Dabei können sie völlig neue Berufe und Arbeitsplätze kennenlernen. 180 Betriebe in Nordkirchen plus Kindertageseinrichtungen schreibt die Gemeinde an, um für den Integrationstag Werbung zu machen. In vielen Fällen muss die Gemeinde keine Werbung mehr machen, geschweige denn Überzeugungsarbeit leisten. Unter den Teilnehmer-Betrieben sind viele, die schon von Beginn an beim Integrationstag mitgemacht haben. 20 bis 30 Betriebe sind im Schnitt jedes Jahr dabei – im Angebot sind nicht nur Plätze in Handwerksbetrieben, sondern auch viele Büro-Berufe. Wenn die Chemie zwischen dem Tagespraktikanten und dem Betrieb stimmt, steht auch einem längeren Praktikum und im allerbesten Fall auch einer festen Beschäftigung nichts im Weg.

Der Einkauf ist für behinderte Kinder normal

Die zweite große Einrichtung, deren guter Ruf über Nordkirchens Grenzen hinaus hallt, ist die Kinderheilstätte Nordkirchen. Kinder und Jugendliche der Kinderheilstätte gehen in Nordkirchen einkaufen. Sie gehören selbstverständlich zum Gemeindeleben. Das hat Gründe.

Markus Pieper, Chef von Nordkirchen Marketing und Inhaber eines Copyshops und einer Eisdiele, erzählt auf Anfrage unter anderem, warum es mittlerweile selbstverständlich ist, dass behinderte Kinder und Jugendliche in Nordkirchen einkaufen: „Inklusion ist in Nordkirchen gewachsener Alltag. Unsere Kinder sind damit groß geworden.“ Diese Selbstverständlichkeit des Miteinanders sei eine Besonderheit Nordkirchens. „Das betrifft die Geschäftswelt genau so wie Gottesdienste und Privates.“ Einen der Gründe sieht Markus in der Öffnung der Kinderheilstätte und der Caritas-Werkstätten. Habe es früher Mauern um die Einrichtungen gegeben, seien die Gelände mittlerweile offen. „Das war ein Schub für die Inklusion“, sagt Pieper. Es gebe keine Berührungsängste. Und: Inklusion sei „eine Herzensangelegenheit von beiden Seiten“.

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Für viele aus der Kinderheilstätte ist das Treffen mit den Bikern der Höhepunkt des Jahres. Die Biker unterstützen die Heilstätte seit Jahren. © Beate Dorn

Leitgedanke ist: Wir mittendrin

Hannah Iserloh von der Unternehmenskommunikation der Kinderheilstätte kommentiert diese Entwicklung auf Anfrage so: „,Wir mittendrin‘ ist der Leitgedanke der Kinderheilstätte und er beschreibt aus unserer Sicht durchaus zutreffend, wie wir in Nordkirchen leben. Die Kinderheilstätte und die Kinder und Jugendlichen, die bei uns leben und lernen, sind Teil der Gemeinde, und genau so soll es sein. Was das mit den Kindern und Jugendlichen macht, beschreibt Hannah Iserloh so: „Die Art und Weise, wie unsere Kindergartenkinder, Schüler und Bewohner am Gemeindeleben teilhaben, ist natürlich je nach individuellen Voraussetzungen ganz unterschiedlich. Grundsätzlich ist es aber wichtig für alle Kinder und Jugendlichen, sich als gleichberechtigter und selbstverständlicher Teil der Gesellschaft begreifen zu können. Dies beginnt bereits im Kindergartenalltag, indem alle Kinder die Möglichkeit haben am gemeinsamen Spiel teilzuhaben, voneinander zu lernen und die Angebote wie zum Beispiel das Schwimmen wahrzunehmen.“ Dazu gehören der Einkauf im Drogeriemarkt, Mitgliedschaften in Vereinen oder die gemeinsame Karnevalsfeier am Rosenmontag, aber auch andere Zugänge wie beispielsweise ein Mofa-Führerschein. „Entscheidend ist: Natürlich gibt es Unterschiede – aber das ist gut so.“

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Gelebte Normalität auch im Karneval: Das 2018er Prinzenpaar Markus I. und Yvonne I. - hier mit Bürgermeister Dietmar Bergmann (l.) und dem Caritas-Werkstättenleiter Martin Weißenberg - kommt aus den Caritas-Werkstätten. © Foto: Karim Laouari

Begegnungsorte schaffen

Die Gemeinde Nordkirchen hat sich auf dem Weg zur inklusiven Gemeinde gemacht. Wo sieht die Kinderheilstätte noch Bedarf? Hannah Iserloh: „Es gibt bereits jetzt viele Kooperationen innerhalb der Gemeinde, die gut funktionieren – beispielsweise zwischen der Maximilian-Kolbe-Schule und der Mauritius-Grundschule. Diese Kooperationen gilt es, zu unterstützen und noch weiter auszubauen. Wir müssen weiter daran arbeiten, Begegnungsorte zu schaffen und diese zum Teil des Gemeindeleben werden zu lassen.“ Die Heilpädagogische Kindertageseinrichtung beispielsweise sei jetzt als Familienzentrum zertifiziert. Das Familienzentrum Am Sinnesgarten, so der neue Name, schaffe inklusive Angebote für Kinder und auch für Familien, also für Eltern, Großeltern, Geschwister oder wer sonst dazu gehört. „Dazu kooperieren wir mit Diensten und Einrichtungen wie zum Beispiel mit unserer Frühförderstelle, der Erziehungsberatungsstelle und der Familienbildungsstätte. Zur Planung der Angebote ist das Familienbüro der Gemeinde beteiligt. Hier können wir ganz wichtige Verbindungen schaffen.“

Bei all den positiven Entwicjklungen in Sachen Inklusion in Nordkirchen, sei es jedoch „wichtig, nicht aus dem Auge zu verlieren, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderungen ganz bestimmte, besondere Bedürfnisse haben, und sie haben ein Recht darauf, dass diesen auch entsprochen wird. Eine Behinderung bringt in diesem Sinn auch einen Anspruch auf Förderung, Unterstützung und, wenn nötig, einen gewissen Schutzraum mit sich. Es gilt also, Unterschiede wahrzunehmen und Bedürfnisse auszuloten, um niemanden zu überfordern.“

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Mit Jugendlichen der Kinderheilstätte hat das Quartiersmanagement in einem Workshop ermittelt, wie Jugendliche mit Behinderung leben wollen. Noch ein Beispiel gelebter Inklusion. © Karim Laouari

Inklusion muss selbstverständlich werden

So verstehe die Kinderheilstätte gelebte Inklusion, in der alle bedarfsgereichte Angebote erhalten, erklärt die Sprecherin der Kinderheilstätte. Wünschenswert wäre jedoch, dass Kooperationen beispielsweise im Bereich der Schule und Familienzentrum weiter geführt und ausgebaut werden, genauso wie die gemeinsame Betreuung von Kindern mit und ohne Förderbedarf im Bereich der Kindertagesstätten. „Und ganz konkret wünschen wir uns den barrierefreien Ausbau der Grundschule. Ziel ist es, das Inklusion so selbstverständlich wird, dass es nicht mehr explizit benannt werden muss.“

Plan für 2019: Zwei neue Wohngruppen

Es liegt also noch viel Arbeit vor allen Beteiligten, damit Inklusion gelingen kann. Auch 2019 werde einiges passieren, sagt Bürgermeister Dietmar Bergmann: „Anfang Mai wird der 6. Integrationstag stattfinden. Wir planen wieder eine barrierefreie Ausschuss-Sitzung.“ Am Standort „Haus Westermann“ seien zwei Gebäude für Wohn- und Geschäftsräume geplant. Dort werden die Tourist Information und auch eine Mobilitätszentrale einziehen. Auch zwei Wohngruppen für behinderte jüngere und ältere Menschen seien geplant. Eine Beratungsstelle der Caritas, ein Geschäftslokal und mehrere weitere Wohnungen runden das Angebot ab. „Sowohl die Bürgerinnen und Bürger als auch ich warten darauf, dass es hier weitergeht“, erklärt Berghmann. Darum habe die Gemeinde Nordkirchen in dem Grundstücksvertrag mit dem Investor Thomas Buhl aus Schwerte auf einer Bauverpflichtung bestanden. „Ich bin mir sicher, dass wir an dieser Stelle letztendlich ein hervorragendes Ergebnis haben werden.“ In Arbeit sei darüber hinaus barrierearmes Kartenmaterial und ein Wegeleitsystem für Behinderte.

Nicht aus dem Leben ausschließen

Inklusion in Nordkirchen, das hat die Recherche der Redaktion ergeben, ist ein Mosaik von vielen Beteiligten. Ein Mosaik, das davon lebt, dass es Menschen gibt, denen es am Herzen liegt, dass alle Menschen am Leben teilhaben können. Dass es Menschen gibt, die keinen Unterschied machen, ob jemand behindert oder nicht ist. Menschen, wie die Familie Schlarmann aus Herbern zum Beispiel. Sabine Schlarmann nennt ihre Familie, zu der neben Jakob und ihrem Mann noch zwei 15 und 17 Jahre alte Kinder gehören, „eine inklusive Familie“. Heißt: „Wir haben noch nie Rücksicht darauf genommen, dass Jakob anders ist. Wir haben ihn immer zu allen Veranstaltungen mitgenommen. Er kommt mit ins Theater. Er kommt mit ins Kino. Er kommt mit in Museen, in Ausstellungen. Er lebt das Leben so, wie es ist. Na klar stößt er an seine Grenzen und wir auch.“ Grenzen? Sabine Schlarmann nennt das Beispiel Kirchenbesuch: „Es ist den Leuten nicht immer klar, dass er geistig behindert ist und sich anders verhält. Oftmals bekomme ich Rpückmeldung bei uns in der Kirche, dass Jakob laut sei, dass er gestört habe. Dann erkläre ich,dass ich ihn mitnehmen möchte, auch wenn er behindert und anders ist. Ich möchte ihn nicht ausschließen aus unserem Leben.“

Zum normalen Leben Jakobs übrigens gehört auch, dass er morgens mit dem, Bus von Herbern nach Nordkirchen gebracht wird und nachmittags wieder zurück.

Jakobs Ziel: Zuhause ausziehen

Jakob ist mittendrin im inklusiven Leben in der Gemeinde Nordkirchen. Wie es mit ihm weitergeht? „Er wird die kompletten 13 Jahre an der Maximilian-Kolbe-Schule sein“, erzählt Sabine Schlarmann. Danach sei noch unklar, was Jakob aufgrund seiner Behinderung leisten kann und was nicht.“ Jakob selber habe gesagt, dass er zuhause ausziehen möchte, berichtet seine Mutter. Ausziehen? Jetzt schon? „Nein“, ruft Sabine Schlarmann lachend, „wenn er mit der Schule fertig ist.“ Das habe er von seinen Geschwistern gelernt.

Ein schöner Gedanke, dass Jakob irgendwann, so gut es geht, auf eigenen Beinen stehen kann. Wenn, dann sind die Grundlagen sicher auch in Nordkirchen gelegt worden.

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