So soll das neue Vereinsheim aussehen, wenn es im 3D-Betondruck-Verfahren realisiert wird. © Büro Steinhoff
Bauprojekt

Sportlerheim aus XXL-3D-Drucker: SC Capelle wird bundesweit Vorreiter

Die Gemeinde Nordkirchen übernimmt mit einem besonderen Bauprojekt in Capelle eine Vorreiterrolle - in der Region ohnehin, aber auch in Deutschland und Europa. Sie druckt ein Sportlerheim.

21,80 Meter lang und 12,70 Meter breit soll das neue Sportlerheim des SC Capelle werden. Auf zwei Etagen hat es eine Nutzfläche von 330 Quadratmetern. Dazu kommt eine 85 Quadratmeter große Dachterrasse. Unter dem Strich keine Zahlen, die für besondere Aufmerksamkeit sorgen. In den besonderen Fokus der Öffentlichkeit rückt das Gebäude jedoch durch seine Herstellung. Es wird nicht klassisch gemauert und auch nicht aus vorgefertigten Teilen errichtet. Es wird vor Ort gedruckt. Aus Beton.

„Es ist ein deutliches Signal in der Außendarstellung: Wir sind innovativ“, sagt Bürgermeister Dietmar Bergmann zu dem Vorhaben, das die Gemeinde ins Blickfeld von Baufachleuten und -interessierten rücken soll. „Seht her, was eine kleine Gemeinde im Münsterland leisten kann“, lautet die Botschaft. Ein Paukenschlag, der allerdings nicht überraschend kommt. Im Herbst 2018 hat die Gemeinde einen Digital-Campus gegründet und damit ein Treffpunkt für Unternehmen, Startups, Privatpersonen und Bildungseinrichtungen geschaffen.

Schon seit zehn Jahren beschäftigt sich der örtliche Architekt Lothar Steinhoff in seinem Büro mit Zukunftstechnologien im Bau. Zusammen mit Prof. Dr. Josef Steinhoff von der Fakultät für Bauingenieurwesen und Umwelttechnik an der TH Köln und Dr. Joachim Fröhlingsdorf von der VDI Technologiezentrum GmbH – beide sind mit Lothar Steinhoff verwandt – hat er ein Kompetenzzentrum aufgebaut.

Gemeinde, Verein und Architekt wollen Vorreiter in Deutschland sein

„Wir wollten als erste in Deutschland ein öffentliches Gebäude mit einem Drucker bauen“, sagt Lothar Steinhoff zu seiner Motivation. Dass das Vorhaben ausgerechnet in dem eher kleineren Ort Capelle realisiert wird, hat viele Gründe. Die beiden wichtigsten: Lothar Steinhoff lebt und arbeitet hier im Ort. Er ist zudem dem Sportverein SC Capelle eng verbunden. Und weil die Gemeinde gerade die Sportstätten neu ordnet und ausrichtet, besteht in Capelle Handlungsbedarf. Das Feuerwehrgerätehaus – in Einheit mit dem Vereinsheim – ist in die Jahre gekommen und soll nach den aktuellen Plänen abgerissen und anderer Stelle neu gebaut werden.

Gemeinde, Verein und Architekturbüro freuen sich, in Deutschland Vorreiter werden zu können mit einem gedruckten öffentlichen Gebäude.
Gemeinde, Verein und Architekturbüro freuen sich, in Deutschland Vorreiter werden zu können mit einem gedruckten öffentlichen Gebäude. © Thomas Aschwer © Thomas Aschwer

Zudem Gesamtkonzept gehört zudem, dass der an das Gebäude angrenzende Rasenplatz aufgegeben und als kleines Baugebiet entwickelt wird. Weiterer Baustein ist die Umwandlung des Aschen- in einen Kunstrasenplatzes. Zwischen diesem Platz und dem kleinen Baugebiet soll das neue Sportlerheim entstehen. Ein finanzieller Kraftakt gerade auch für den Verein und seine 470 Mitglieder. „Wir wollen eine zukunftsfähige Sportanlage erreichen und sehen jetzt die einmalige Chance, das Projekt umzusetzen“, sagt der Vereinsvorsitzende Josef Mertens.

Land NRW fördert besondere Bautechnik mit 200.000 Euro

Seinen Optimismus begründet Mertens mit der doppelten Förderung des Vereinsheimes. Wie auch der FC Nordkirchen unterstützt die Gemeinde auch den SC Capelle bei der Neustrukturierung der Sportanlage mit 430.000 Euro. Dazu kommt jedoch ein Sonder-Zuschuss in Höhe von 200.000 Euro (Höchstbetrag) vom Land NRW für die besondere Technik bei der Realisierung des Gebäudes. Dem Land geht es darum, Erfahrungen beim Einsatz von 3D-Druckern im Bau zu sammeln.

Teile aus Kunststoff zu drucken ist bei vielen Firmen schon Standard geworden. Hier entsteht gerade ein Modell des geplanten Vereinsheims des SC Capelle. Umgesetzt werden soll das Projekt dann mit einem XXL-Betondrucker.
Teile aus Kunststoff zu drucken ist bei vielen Firmen schon Standard geworden. Hier entsteht gerade ein Modell des geplanten Vereinsheims des SC Capelle. Umgesetzt werden soll das Projekt dann mit einem XXL-Betondrucker. © Thomas Aschwer © Thomas Aschwer

Lothar Steinhoff geht schon einen Schritt weiter, er sieht mit der neuen Bau-Technik auch einen neuen Berufszweig entstehen. Der Architekt plant deshalb Gespräche mit Berufskollegs. Mit im Boot bei dem Vorreiter-Projekt in Capelle ist auch die Firma PERI, die im vergangenen Jahr im nordrhein-westfälischen Beckum das erste Wohnhaus Deutschlands gedruckt hat. Das Drucken der gesamten Fläche von rund 160 Quadratmetern dauerte gerade einmal 50 Druckstunden (nicht im 24h-Betrieb). In Capelle werden die Arbeiten einige Wochen dauern – allerdings vor allem deshalb, weil der Druckprozess im Sommer 2022 für Infoveranstaltungen und Besucher unterbrochen werden soll.

Über den Autor
Redaktion Selm
Journalist aus Leidenschaft, Familienmensch aus Überzeugung, Fan der Region. Als Schüler 1976 den ersten Text für die Ruhr Nachrichten geschrieben. Später als Redakteur Pendler zwischen Münsterland und Ruhrgebiet. Ohne das Ziel der Arbeit zu verändern: Die Menschen durch den Tag begleiten - aktuell und hintergründig, informativ und überraschend. Online und in der Zeitung.
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Thomas Aschwer

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