Die Testzentren des DRK im Kreis Coesfeld waren Opfer von Hackern geworden. © Thomas Aschwer
Ungewöhnlicher Weg

Testen mit Promi-Faktor – von Musicalbühnen ins DRK-Testzentrum Nordkirchen

Von den großen Showbühnen der Welt ins beschauliche DRK-Testzentrum - Musicalstar Jan Altenbockum ist diesen Weg ganz bewusst gegangen. Hier ist der Künstler ein überaus gefragter Mann.

Schlag auf Schlag geht es am Donnerstagmorgen im DRK-Testzentrum in Nordkirchen an der Schloßstraße. Fast im Minutentakt öffnet sich die Tür der ehemaligen Schwanenapotheke. Hinein kommen Menschen, die für sich selbst Sicherheit haben wollen oder an verschiedensten Stellen einen negativen Test vorlegen müssen. Wohlfühlatmosphäre strahlt der große Raum nicht aus. An einem Schreibtisch sitzt eine Mitarbeiterin des Testzentrums und verwaltet die Daten der online angemeldeten Testwilligen.

Davor zwei Stühle, die meist leer bleiben. In deutlichem Abstand stehen in dem großen Raum weitere Stühle für Wartende. Sie sind immer nur kurz besetzt. In einem kleinen Nebenraum nimmt Jan Altenbockum die Abstriche. Fast schon im Akkord – so groß ist die Nachfrage. „Nase oder Rachen?“ lautet seine stets einzige Frage. Nach nur einer Minute haben es die Menschen geschafft, verlassen das Gebäude durch eine zweite Tür. Das Ergebnis wird ihnen auf ihr Handy übermittelt. „Der Nächste bitte.“

Altenbockum „Zu Hause sitzen und nichts tun, kann ich nicht“

Dass ein Musicalstar den Test macht, kommt an diesem Morgen nicht zur Sprache. Wie auch? Die persönliche Begegnung ist sehr kurz. Zudem ist Jan Altenbockum in seiner Schutzausrüstung kaum zu erkennen. Der Künstler, der vor etlichen Jahren eine Ausbildung an der German Musical Academy in Osnabrück absolviert hat, macht hier aus der Not eine Tugend. Schon als junger Mann hat er sich beim Zivildienst sozial engagiert. In der Pandemie hat er angesichts geschlossener Bühnen und fehlender Auftrittsmöglichkeiten nach einer sinnvollen Beschäftigung gesucht.

„Zu Hause sitzen und nichts tun, kann ich nicht. Dann habe ich die Ausschreibung des DRK gesehen.“ Der Rest ist schnell erzählt. Anfang Februar die Schulung unter ärztlicher Aufsicht, seit März Einsatz in den DRK-Testzentren. Zunächst abwechselnd in Olfen und Nordkirchen. Jetzt ausschließlich in der Schlossgemeinde. Mit dem aktuellen Arbeitgeber hat er sich längst voll identifiziert. „Ich finde, dass das Rote Kreuz eine gute Infrastruktur im Kreis Coesfeld aufgebaut hat.“ Und sie werde noch erweitertet. Der Bedarf ist offensichtlich vorhanden.

Der gebürtige Lüdinghauser Altenbockum räumt ein, dass seine Lebensplanung den Aspekt ganz und gar nicht vorgesehen hatte. Seine Liebe galt und gilt der Musik. Schon früh hat er im Chor mitgesungen. und wie sein Vater wollte er bereits als Schüler auf der Bühne stehen. Doch während sich der Vater beim plattdeutschen Theater engagierte, zog es Jan Altenbockum früh zum Musical. Zwischen Abi und Zivildienst übernahm er bereits eine erste Rolle auf der Freilichtbühne in Tecklenburg in „Jesus Christ Superstar“.

Künstlerinnen und Künstler fühlen sich ein Stück weit vergessen

Nach dem Abschluss der Musical Academy hatte Altenbockum Engagements am Apollo Theater Stuttgart oder am Bremer Theater. Wiederholt war er auf Deutschland- oder Europatournee. Auf der MS Deutschland („Traumschiff“) war er als Tänzer engagiert. Mit Musicalproduktionen hatte er zudem Auftritte in Japan und China. „Mit Beginn des ersten Lockdowns brach es dann ab.“ Eine sehr schwierige Situation. „Wir Künstler vermissen es sehr, dass wir die Menschen nicht mehr unterhalten und erfreuen dürfen.“

Jan Altenbockum räumt ein, dass sich viele Künstlerinnen und Künstler „vergessen und im Stich gelassen fühlen – ähnlich wie Menschen in der Gastronomie“. Relativ viele Kolleginnen und Kollegen aus der Kulturbranche seien mittlerweile in ein Loch gefallen. Dazu kämen wirtschaftliche Sorgen: „Wie finanziere ich meine Fixkosten?“ Natürlich sei die Hoffnung groß, dem künstlerischen Beruf bald wieder nachgehen zu dürfen. Altenbockum hofft auf Auftritte ab Herbst. Im Hier und Jetzt stellt er sich beim DRK in den Dienst der Menschen. „Der Nächste bitte.“

Über den Autor
Redaktion Selm
Journalist aus Leidenschaft, Familienmensch aus Überzeugung, Fan der Region. Als Schüler 1976 den ersten Text für die Ruhr Nachrichten geschrieben. Später als Redakteur Pendler zwischen Münsterland und Ruhrgebiet. Ohne das Ziel der Arbeit zu verändern: Die Menschen durch den Tag begleiten - aktuell und hintergründig, informativ und überraschend. Online und in der Zeitung.
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Thomas Aschwer