Vermeintlicher Antiquitätenhändler hatte es auf Schmuck von Nordkirchenern abgesehen

rnAntiquitäten-Ankäufer

Beate und Frank Otto aus Nordkirchen hatten einen mutmaßlichen Betrüger bei sich zu Hause. Der Mann hatte es auf Schmuck abgesehen. Die Polizei warnt dabei noch vor einer weiteren Gefahr.

Nordkirchen

, 22.01.2019, 15:58 Uhr / Lesedauer: 4 min

Herr Lohmann sei adrett gekleidet gewesen, erinnern sich Beate (62) und Frank (66) Otto aus Nordkirchen: Steppjacke, Hemd, Krawatte. Einen Moment des Zweifels, dass Herr Lohmann nicht der ist, für den er sich ausgegeben hatte, erlebte das Ehepaar Otto zumindest beim Aufeinandertreffen Anfang Januar nicht, wie sie sagen. Erst jetzt, im Nachhinein, kommen den beiden einige Details merkwürdig vor. Zum Beispiel, dass Herr Lohmann nicht vor dem Haus parkte, sondern zu Fuß kam. Oder dass er sich nur als Herr Lohmann vorstellte, keine Visitenkarte da ließ, sondern nur eine Handynummer als Kontakt angab. „Hinterher ist man immer schlauer“, sagt Frank Otto. Ehefrau Beate ärgert sich vor allem darüber, dass sie so viel Vertrauen in den Fremden hatten und ihn in ihr Haus ließen. So oft lese man davon, man solle skeptischer sein, bei Geschäften zu Hause, erklärt Beate Otto.

Zeitungsannonce passte für Ehepaar Otto perfekt

Die beiden Nordkirchener sind durch eine kleine Zeitungsannonce auf Herrn Lohmann aufmerksam geworden. „Suche Silberbesteck, Pelzmantel, Porzellan, Gold- und Modeschmuck“ stand am 9. Januar als Kleinanzeige in den Ruhr Nachrichten. Dazu eine Handynummer. Für Familie Otto war das ein perfektes Timing. Das Ehepaar war gerade mit einer Haushaltsauflösung beschäftigt. Den gesamten Wohnungsinhalt von Beate Ottos Mutter in Dortmund mussten die beiden abwickeln. Die Sachen, also Schmuck und Erbstücke, die wertvoll waren, hatten die beiden bereits aussortiert oder verkauft, als sie mit Herrn Lohmann Kontakt aufnahmen. „Wir hatten gerade einen Garagentrödel veranstaltet, deshalb war alles, was wir verkaufen wollten, ordentlich ausgestellt“, sagt Frank Otto. Ursprünglich sei es bei der Terminabsprache mit Herrn Lohmann um Porzellangeschirr gegangen. Beate Otto sprach den vermutlich Mitte-30-Jährigen auf seinen Namen an: Sie sei auch eine gebürtige Lohmann. Nur ein Detail, aber im Nachhinein ärgert sie sich, diese Information über sich preisgegeben zu haben.

Herr Lohmann heißt wahrscheinlich gar nicht Herr Lohmann

Doch Herr Lohmann, der mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht Lohmann heißt, sei so korrekt und höflich gewesen, dass sich schnell ein angenehmes Gespräch in dem Haus in der Nordkirchener Bauerschaft Berger ergeben hätte. Herr Lohmann sei eher zurückhaltend gewesen und „habe keinerlei Druck aufgebaut“, erinnert sich Frank Otto. Trotzdem entfernte sich das Gespräch schnell vom Porzellangeschirr hin zum Schmuck. Viel gab es für Herrn Lohmann, der mit einem kaum merklichen Akzent gesprochen habe, nicht mehr zu holen. Eine Handvoll Silberschmuck kaufte er den beiden für 150 Euro ab. Nur Silberschmuck mit einer Prägung. Wenige Tage später wollte der vermeintliche Antiquitäten- und Schmuckankäufer nochmal vorbeikommen und für insgesamt 550 Euro vor allem Porzellan mitnehmen. Um seine Absicht zu untermauern, gab er an, im Auftrag eines Antiquitätengeschäfts an der Kaiserstraße in Dortmund zu arbeiten.

Zufällig kannten die beiden Nordkirchener, die selbst aus Dortmund ins Münsterland gezogen sind, das einzige Antiquitätengeschäft an der Dortmunder Kaiserstraße. Darauf angesprochen, habe Herr Lohmann sich aber nichts anmerken lassen.

Dortmunder Antiquitäten-Händler kennt die Masche

Dass seine Geschichte nicht stimmte, merkten die beiden dann, als Herr Lohmann sich nicht mehr meldete und auch die Handynummer aus der Zeitungsannonce nicht mehr erreichbar war. Daraufhin riefen die Nordkirchener in Dortmund an. Stefan Steder (50), Inhaber des Geschäfts Antik-Ankauf-RS, wusste sofort Bescheid. Auf Anfrage dieser Redaktion sagt Steder: „Das ist leider heutige Realität.“ Nicht nur in Tageszeitungen, auch in Anzeigenblättern würden die vermeintlichen Antiquitätenhändler angeben, unter anderem Pelze, Porzellan, aber auch Nähmaschinen zu kaufen. Immer wieder auch mit Verweis auf bestehende Antiquitätengeschäfte, zum Beispiel in Dortmund. Aber immer so vage, dass sie keine konkreten Geschäfte benennen. Fast wöchentlich bekomme Steder mittlerweile Rückmeldungen, dass wieder jemand sich als Antiquitätenhändler ausgegeben hat, der sich indirekt auf sein Geschäft beruft.

Die vermeintlichen Händler seien so schlau, nicht das Geschäft direkt zu nennen, sondern sich allgemein auszudrücken, sagt der Dortmunder Antiquitätenhändler.

Grundsätzlich rät Steder, bei entsprechenden Anzeigen, in denen nur Handynummern angegeben werden, skeptisch zu sein. Wenn man Kontakt aufnehme, sollte man nach einer Festnetznummer fragen. „Die Meisten legen dann schon auf“, sagt er. Durch Prepaid-Handykarten seien Handynummern leicht zu bekommen und schwer zum Benutzer zurückverfolgbar.

Experte rät, den tatsächlichen Wert ernsthaft zu hinterfragen

Auch sollte man den tatsächlichen Wert seiner Antiquitäten ernsthaft und losgelöst vom emotionalen Wert hinterfragen. Niemand kaufe eine Nähmaschine für viel Geld, die es teilweise für 30 Euro auf dem Flohmarkt gebe, so der Experte. Bei vielen Erbstücken lasse sich der grobe Wert im ersten Schritt zum Beispiel über Internetforen herausfinden.

Gefallen lässt sich Stefan Steder, der seit 20 Jahren im Antiquitätengeschäft tätig ist und seit zehn Jahren das Ladenlokal in Dortmund leitet, diese Betrugsmasche nicht: So habe er in einigen Fällen Anzeige erstattet. Außerdem empfiehlt er Kunden, die Kontakt zu solchen unseriösen Ankäufern hatten, in jedem Fall die Polizei und die Zeitung zu informieren, in der inseriert wurde.

Polizei warnt noch vor weiterer Gefahr bei solchen Geschäften

Familie Otto hat gegen Herrn Lohmann keine Anzeige erstattet. „Wir sind so gesehen nicht betrogen worden“, ist sich Beate Otto sicher. Viel mehr als die 150 Euro sei der Silberschmuck nicht wert gewesen. Die beiden wollen aber sehr wohl vor unseriösen Händlern warnen. Auf Anfrage dieser Zeitung sagt Rolf Werenbeck-Ueding, Pressesprecher der Kreispolizeibehörde in Coesfeld, dass diese Masche zurzeit nicht akut im Kreis Coesfeld auftrete. In Nordkirchen und Olfen seien keine aktuellen Fälle bekannt. In Coesfeld habe es im vergangenen Jahr einen ähnlichen Fall gegeben, so der Polizeisprecher.

Werenbeck-Ueding weist bei solchen unseriösen Antiquitätengeschäften auf eine zweite Gefahr hin. So könne das Geschäft mit den Erbstücken auch nur als buchstäblicher Türöffner dienen. Dann kämen Händler nicht alleine, sondern zu zweit. Während einer der beiden die vermeintlichen Verhandlungen führt, durchsuche der andere Haus oder Wohnung des Opfers.

Im Fall von Beate und Frank Otto ist solcher Schaden ausgeblieben. Dennoch sind die beiden aufmerksamer geworden.

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