Alte Staubsauger gibt es in vielen Haushalten. Betrüger machen sich das zu Nutze mit einer fiesen Masche. © Sylvia vom Hofe
Betrugsmasche

Vorsicht vor Vorwerk-Betrügern: Frau (37) wird Zeugin von fieser Masche

Kobold, Tiger und Polsterboy gelten als unverwüstlich. Und wenn die saugenden Haushaltshilfen doch einmal kränkeln, gibt es Ersatzteile. Das wissen auch Kriminelle. Etwas anders aber nicht.

Jana Fink ist immer noch aufgeregt, wenn sie an diesen Mittwoch (29. 9.) zurückdenkt. An ein Gespräch im Treppenhaus, das ihr seitdem keine Ruhe mehr lässt. Ganz zufällig war die 37-Jährige Ohrenzeugin eines Betrugs geworden, der sich in dieser Form vermutlich vielfach ereignet. Oft sogar, ohne dass die Betroffenen überhaupt ahnen, dass sie einem Kriminellen aufgesessen sind.

180 Euro für ein altes gebrauchtes Ersatzteil

Die Nordkirchenerin ist Mitarbeiterin eines Betreuungsdienstes. Sie unterstützt zumeist ältere, teilweise an Demenz leidende Menschen im Haushalt. An diesem Mittwoch war sie auf dem Weg zu einem Kunden, der ebenfalls in Nordkirchen wohnt: ein 85-jähriger Mann, der eigentlich noch ganz fit ist, wie sie sagt. So unsicher und in die Ecke getrieben wie an diesem Vormittag hat sie ihn noch nie erlebt. Und daran ist der Mann vor der Haustür schuld. Jana Fink sieht ihn nicht zum ersten Mal.

Jana Fink aus Nordkirchen ist unfreiwillig Zeugin eines Betrugsversuchs geworden. Sie möchte andere warnen. © privat © privat

„Ich kann mich gut erinnern, dass er etwa drei Monate vorher schon einmal da war“, sagt sie. Damals war sie in den Hausflur getreten, als er sich gerade verabschiedete von dem alten Mann. Dass ihr die Begegnung überhaupt in Erinnerung geblieben ist, hat etwas mit einem Preis zu tun: 180 Euro. So viel hatte der Rentner für ein kleines Ersatzteil für seinen Vorwerk-Staubsauger ausgegeben. „Das schien mit völlig überteuert zu sein“, sagt Fink. Sie ließ sich aber beruhigen mit seinem Hinweis, die Produkte des traditionsreichen Familienunternehmens mit Direktvertrieb seien nun einmal kostspielig. Kobold, Tiger und Co. gelten schließlich als die Porsche unter den Staubsaugern. Dass er keine Quittung bekommen hat und das Ersatzteil eindeutige Gebrauchsspuren hat, wollte der Senior nicht vertiefen. Damals blieb bei Jana Fink ein schales Gefühl und der Reflex, bei dieser zweiten Begegnung aufmerksamer zu sein – jetzt.

Die Scham, Opfer eines Betrügers geworden zu sein

„Dann bekomme ich jetzt noch 170 Euro“, sagt der Unbekannte an der Haustür. „Ich habe gar kein Geld im Haus“, antwortet der alte Mann. „Das glaube ich nicht“, entgegnet sein Gegenüber. „Schau mal nach.“ Im Wohnzimmer, im Schafzimmer, in der Küche. Der angebliche Vertreter kennt sich aus. „Schon einige Male“ sei er bei ihm gewesen, damit das saugende Qualitätsprodukt immer gut in Schuss bleibe, bestätigt der 85-Jährige. Wieviel Geld er ihm dabei schon gegeben hat, weiß er nicht. Und will es auch nicht so genau wissen. Die Scham, zu leichtgläubig gewesen zu sein, obwohl man es eigentlich besser weiß, eint viele Opfer von Trickbetrügern.

An diesem Mittwoch geht der Vorwerk-Betrüger allerdings ohne Geld. „Du kannst mir beim nächsten Mal die 170 Euro geben, leg es dir schon mal zurecht“, sagt er noch zum Abschied und lässt gönnerisch das neue Ersatzteile – eine einfache Düse mit tiefen Kratzern und Furchen – zurück. Die ursprüngliche Düse hat er schon eingepackt.

Vorwerk: „Klinkenputzen war gestern“

Gebrauchtwaren verkauft Vorwerk aber gar nicht. Für ältere Geräte würden bis zehn Jahre nach Ende der Serienproduktion Ersatzteile und Reparaturen angeboten, schreibt Marus Laux, PR-Manager von Vorwerk, auf Anfrage. „Tatsächlich stehen Vorwerk Berater und Beraterinnen aber nicht mehr unangekündigt vor der Tür, sondern vereinbaren mit Kundinnen und Kunden oder Interessentinnen und Interessenten vorher einen Beratungstermin“, betont er. „Klinkenputzen war gestern“, heißt es auch auf der Homepage des Unternehmens: etwas, das Betrüger, die sich als Vertreter ausgeben, offensichtlich noch nicht mitbekommen haben. Etwas anderes auch nicht: „Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin im Vorwerk-Vertrieb hat einen sogenannten Berater-Ausweis, anhand dessen er oder sie sich ausweisen kann.“, so Laux.

Und genau das sollen die Kundinnen und Kunden nutzen, empfiehlt Nadine Juds, Sprecherin der Kreispolizei Coesfeld. Wer vor der Haustür steht, egal, ob für Staubsauger, Wein oder anderes anzubieten, solle erst einmal den Ausweis zeigen.

Das rät die Polizei: Ausweis zeigen lassen und Termin vereinbaren

Alle, die dazu nicht bereit seien, müssten gleich als unseriös gelten. Die Polizei-Sprecherin rät, die Kontaktdaten vom Ausweis zu notieren. Die dort hinterlassenen Informationen ließen sich überprüfen. „Und bei Interesse an den Produkten kann man später ein Termin vereinbaren, an dem im Idealfall auch Nachbarn oder Angehörige dabei sind“.

Jana Fink gibt ihren älteren Kundinnen und Kunden immer denselben Rat: „Nie jemanden Fremdes unangemeldet in die Wohnung lassen.“ Dass sie genau das nicht verhindert hat, als sie unerwartet Ohrenzeugin des Betrugsversuchs wurde, ärgert sie im Nachhinein. Zusammen mit der Tochter des 85-Jährigen hat sie sich entschieden, die Sache zur Anzeige zu bringen und andere zu warnen.

Neu ist die Masche nicht. Seit Jahren tauchen bundesweit immer wieder Nachrichten über vermeintliche Vorwerk-Vertreter auf, die zumeist älteren Menschen teuren Schrott verkaufen und sich dabei noch Zugang verschaffen zu den Wohnungen. Laut der Polizei im Kreis Coesfeld ist der Nordkirchener Vorfall der erste seiner Art seit längerer Zeit. Aber das muss nichts heißen, denn die Dunkelziffer ist groß.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
Zur Autorenseite
Sylvia vom Hofe