Weniger Azubis 2020: Kreis Coesfeld schneidet verhältnismäßig gut ab

rnAusbildung im Kreis Coesfeld

Das Handwerk ringt um jeden Azubi. Corona erschwert die Suche weiter. Zehn Prozent weniger Stellen wurden bundesweit besetzt - Im Kreis Coesfeld sieht es besser aus. Das hat einen Grund.

Nordkirchen, Olfen

, 14.11.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für viele Branchen war 2020 ein hartes Jahr. Während das Handwerk in einigen Bereichen noch gut zu tun hatte, fehlte in diesem Jahr ganz besonders der Nachwuchs. Bundesweit waren es 10 Prozent weniger besetzte Lehrstellen, im Kammerbereich Dortmund sogar 13 Prozent. Im Kreis Coesfeld hingegen sind die Auswirkungen der Pandemie nicht so stark zu spüren: Nur 4,8 Prozent der Stellen blieben unbesetzt - das sind etwa so viele wie 2018. Warum, erklärt Ulrich Müller, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Coesfeld:

„4,8 Prozent sind eine ganz normale Schwankung. Wir haben im Kreis wenig Industrie, dafür viele kleine familiengeführte Betriebe. Auf dem Land kennt man sich, kennt die Betriebe in der Gegend und weiß, wo man sich bewerben kann.“ Außerdem sorgen sich die kleinen familiengeführten Betriebe um ihre Mitarbeiter, schicken nicht so schnell in Kurzarbeit und geben dadurch ein Gefühl der Sicherheit, sagt Müller.

„Die Nachbarschaft ist die größte Rekrutierungsmesse“

Daher sei es im Kreis Coesfeld einfacher, an Azubis zu kommen. Auf dem Land suche man den Kontakt in der Nachbarschaft: „Das ist die größte Rekrutierungsmesse“, meint Müller. Deshalb seien die Zahlen in Olfen und Nordkirchen auch in diesem Jahr trotz ausgefallener Bildungsmessen und Schulbesuche stabil.

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Keine Bildungsmessen, keine Schnuppertage: Den jungen Menschen wurde die Entscheidung für einen Beruf in diesem Jahr nicht leicht gemacht. „Gerade rund um die Osterferien, wenn normalerweise viele berufsorientierende Praktika durchgeführt werden, gab es den Lockdown. Einige Schüler haben sich statt einer Ausbildung für das Berufskolleg entschieden, weil sie durch die Corona-Lage verunsichert waren“, sagt Müller.

Praktika sind essentiell

Wie wichtig Praktika und Mundpropaganda sind, bestätigt Ferdinand Limberg, Kreishandwerksmeister und Inhaber eines Landtechnik- und Schlossereiunternehmens in Nordkirchen: „Praktika sind die beste Werbung. 90 Prozent unserer Azubis haben vorher ein Praktikum bei uns gemacht. Auch während des Lockdowns haben wir Praktika angeboten, haben dann zum Teil Schichtdienst in der Halle gemacht, damit nicht zu viele Menschen vor Ort waren.“ Limberg hat bereits jetzt einen Azubi für das kommende Jahr sicher.

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Das entscheide sich immer so früh, denn die Praktikanten bewerben sich meist direkt im Anschluss an das Praktikum. „Ich habe eigentlich immer vier, fünf Praktikanten pro Jahr, aus denen ich auswählen kann“, sagt Limberg. Daran habe die Corona-Situation nichts geändert. Die Ausbildung sei umfassend und die jungen Leute aus der Umgebung kennen den Betrieb. Bisher habe es noch keine weiblichen Azubis gegeben: „Die Mädels schauen mal beim Girls Day rein, aber beworben hat sich noch keine. Das ist echt schade, denn die Mädels können das genauso gut wie die Jungs“, betont Limberg.

Fleisch vom Metzger beliebt, lernen möchte den Job kaum jemand

Grundsätzlich, sagt Müller, sinke das Interesse am Handwerk beständig. „Das Handwerk nimmt in letzter Zeit häufig Studienabbrecher auf. Alle wollen studieren, aber viele bedenken nicht, dass sie nach einer soliden Ausbildung mit dem Meistertitel immer noch studieren können. Der Vorteil dabei: Man verdient sofort Geld und im Handwerk wird immer gesucht - es wird nicht schwer sein, nach der Ausbildung eine Stelle zu bekommen“, gibt Limberg zu bedenken.

Die diesjährige Schwankung der Azubi-Zahlen falle laut Müller nicht so schwer ins Gewicht. Langfristig aber gingen Firmen aus Altersgründen vom Markt und werden nicht vom Nachwuchs übernommen. In der Folge wird es teurer und die Wartezeiten sind länger. Und das, obwohl die Arbeit wertgeschätzt wird: Während des Lockdowns stieg die Nachfrage nach hochwertigem Fleisch vom Metzger, sagt Müller. Den Job lernen möchte aber seit einigen Jahren kaum jemand mehr.

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