Umsteigen und die Umwelt schonen will Stefan Bölte. Und mit ihm mehrere Städte und Gemeinden im Kreis Coesfeld. Das ist aber schwerer als geplant.

Olfen, Nordkirchen

, 26.01.2019, 16:58 Uhr / Lesedauer: 4 min

Bereits Ende Juni 2018 – also vor mehr als sechs Monaten - hat Stefan Bölte (49), Geschäftsführer für die Gesellschaft des Kreises Coesfeld zur Förderung regenerativer Energien mbH (GFC) zehn VW Golf mit elektrischem Antrieb bestellt. Schriftlich habe VW eine Auslieferung für die erste Woche 2019 zugesagt, sagt Bölte. Für spätestens die zweite Kalenderwoche im neuen Jahr war deshalb die Übergabe an die Kommunen zugesagt. Doch dazu ist es nicht gekommen.

Verzögerte Auslieferung ist „sehr ärgerlich“

Kurzfristig teilt VW mit, dass sich die Auslieferung verzögert. Auf Ende Februar. „Das ist für alle Beteiligten sehr ärgerlich“, sagt Bölte. Aber man könne es nur so hinnehmen. Immerhin sei das Projekt auf den Weg gebracht. Ein Projekt mit Vorbild-Charakter. Von Nordkirchen bis Olfen, von Billerbeck bis Rosendahl, sieben Städte und Gemeinden im Kreis sowie die Kreisverwaltung haben sich erstmals in dieser Form zusammengetan, um die Elektromobilität im Kreis Coesfeld zu fördern. Trotz vielfältiger Initiativen ein Randthema in der Region.

Ende Dezember 2018 waren 200.491 Kraftfahrzeuge im gesamten Kreis Coesfeld angemeldet - nochmals 4462 mehr als vor einem Jahr. Gestiegen ist auch die Zahl der Autos - von 138.346 auf 141.215. Gerade einmal 238 mit elektrischem Antrieb. Trotz aller Diskussionen um Fahrverbote für Dieselfahrzeuge. Auffällig ist allerdings, dass sich nach Jahren recht geringen Anstiegs die Zahl der E-Autos in 2018 deutlich erhöht hat. Ende 2017 gab es nur 146 Elektrofahrzeuge. Den Schülern stinkt es morgens und mittags, wenn sie an Hauptverkehrsachsen wie der Schlossstraße in Nordkirchen entlang gehen oder radeln. Sie werden wohl noch Jahre die Nase rümpfen, denn ein großer Umstieg ist nicht in Sicht.

Wie Sarah Rensner, Klimaschutzmanagerin beim Kreis Coesfeld, berichtet, war im Dezember 2015 im Kreis Coesfeld das Projekt „eCOEmobil – Elektromobilität für den Kreis Coesfeld“ angelaufen. Als bundesweit erster Landkreis wurde eine flächendeckende Ladeinfrastruktur für Elektroautos mit einheitlichem Abrechnungssystem aufgebaut. Für die Nutzung der Stationen mussten die Autobesitzer eine Ladekarte des Unternehmens NewMotion bestellen. „Sie kann an mittlerweile mehr als 50.000 Säulen in Europa eingesetzt werden“, sagt Sarah Rensner. Neben diesem kreisweiten Programm gibt es auch örtliche Initiativen.

Dülmener können E-Autos sogar kostenlos aufladen

In Dülmen sind mit einer Förderung des Bundesverkehrsministeriums vier Ladesäulen aufgebaut worden. Dülmener Bürger, die über einen von der Stadt kostenlos ausgegebenen Chip verfügen, kann sein Fahrzeug sogar zum Nulltarif aufladen. Wie sehr Dülmen das Thema Elektromobilität vorantreiben will, zeigt auch ein anderer Aspekt. Wie Stefan Bölte berichtet, hatte bereits vor dem Start des gemeinsamen Golfprojektes die Stadt Dülmen ihr Interesse bekundet, nach Abschluss des Mietvertrages in drei Jahren die beiden Golf zu kaufen. Auch andere Kommunen würden ähnlich denken.

Gute Gründe gab es für die Gemeinde Nordkirchen für die Teilnahme an dem Gemeinschaftsprojekt. Überzeugt haben die Gemeindeverwaltung „der relativ günstige Kilometerpreis“ - der Listenpreis beginnt bei knapp 36.000 Euro - „sowie die Reichweite“ (rund 300 Kilometer). „Damit können wir auch weiter entfernte Termine wie etwa in Düsseldorf wahrnehmen“, sagt Bürgermeister Dietmar Bergmann. Mittlerweile gibt es rund 20 öffentliche Möglichkeiten, sein Elektroauto im Kreis Coesfeld aufzuladen - beispielsweise in Olfen auf dem Parkplatz am Rathaus (Kirchplatz) oder in Lüdinghausen auf dem Parkplatz an der Burg Vischering (Berenbrock 1).

Mit Nordkirchen verschwindet gerade ein weiterer weißer Fleck. Hier entsteht auf dem Parkplatz des Rathauses eine neue Stromtankstelle. „Es können immer zwei Autos parallel betankt werden“, sagt Anne Büscher, Pressesprecherin der Gemeinde. Wer sein E-Auto aufladen will, benötigt auch hier die Ladekarte von NewMotion, die übrigens mittlerweile in 22 Ländern eingesetzt werden kann. Für die Stationen im Kreis Coesfeld werben die Projektpartner damit, dass „sämtliche eCoe-mobil-Ladesäulen mit zertifiziertem Ökostrom aus Wind- und Wasserkraft, Sonnenenergie oder Biomasse beliefert werden.“

Wer elektrisch unterwegs sein will, muss ganz viel Geduld haben

Der VW-Konzern produziert in Dresden den E-Golf. Obwohl die Produktion erhöht worden ist, müssen Interessenten einen langen Atem haben und mindestens sechs Monate auf die Auslieferung warten. © DPA

Doch erst einmal müssen die Interessenten an ein Auto kommen. Christoph Oemisch, Sprecher Sales & Marketing der Volkswagen Aktiengesellschaft, sagt auf Anfrage, dass das Unternehmen „keine Auskunft zu Lieferterminen individueller Kundenbestellungen geben kann.“ Allerdings räumt der Sprecher ein, dass interessierte Kunden aktuell sehr lange auf eine Auslieferung warten müssen. „Die Lieferzeit beim e-Golf liegt aktuell aufgrund der großen Nachfrage bei 6 bis 7 Monaten. Wir haben bereits mehrfach mit Kapazitätserhöhungen gegengesteuert.“

2018 habe die Marke rund 50.000 reine E-Autos und Plug-In-Hybride an Kunden ausgeliefert, „13 Prozent mehr als im Vorjahr“. Besonders gefragt war der e-Golf. Er erzielte ein Absatzplus von 45 Prozent und gehörte, so Oemisch, „damit zu den führenden E-Autos in Deutschland und Europa.“ Keine Aussage machen will das Unternehmen zur Frage, mit welchen Stückzahlen VW in diesem Jahr beim e-Golf plant. Allerdings ist VW nicht die Ausnahme bei der Auslieferung von E-Autos. Teilweise sollen die Kunden ein Jahr warten. Ein Vorlauf, den viele Autofahrer nicht akzeptieren können oder wollen.

Wer elektrisch unterwegs sein will, muss ganz viel Geduld haben

In Olfen hat die Post die Zustellung fast komplett auf E-Autos umgestellt. Sie verfügt im Gewerbegebiet auch über eine große Ladestation, sodass alle Fahrzeuge gleichzeitig aufgeladen werden können. © Foto Thomas Aschwer

Besser hatte es die Post. Als sie mit ihren Vorstellungen für ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug nicht mit Autofirmen einig wurde, hat sie im Dezember 2014 ein Unternehmen gekauft, das seine Ursprünge an der RWTH Aachen hat. 2016 kündigte Post-Vorstandsmitglied Jürgen Gerdes an, langfristig die gesamte Post-Flotte von etwa 70.000 Fahrzeugen durch Elektroautos ersetzen zu wollen. In Olfen ist dieses Ziel jetzt mit dem neuen Zustell-Stützpunkt erreicht. Möglich macht dies auch die besondere Infrastruktur im Gewerbegebiet. So können alle Fahrzeuge parallel aufgeladen werden.

Eine Situation, die sich deutlich von der Situation im öffentlichen Raum unterscheidet. Hier bleibt trotz aller Initiativen die Zahl Ladesäulen „überschaubar“. Aber immerhin ist das Netz so dicht, dass E-Autofahrer ohne Angst unterwegs sein können. Auch Stefan Bölte wird ohne die neuen Autos von VW (teil-)elektrisch unterwegs sein können. Die 2011 gegründete GFC setzt bei ihren Dienstwagen ein klares Zeichen. Sie verfügt über ein elektrisch angetrieben VW up und einen BMW mit Hybrid-Antrieb.

Fachhochschule für Finanzen hat bereits viel Erfahrung

Schon deutlich länger Erfahrungen mit einem elektrisch angetriebenen Fahrzeug hat die Fachhochschule für Finanzen (FHF) gesammelt. Ende 2013 erweiterte die Fachhochschule ihren Fuhrpark um ein E-Nutzfahrzeug. Mittlerweile hat das Fahrzeug bereits mehr als 15.000 Kilometer auf dem Tacho. Thomas Piekenbrock und Uwe Fischer können beim Ortstermin nur Gutes über den E-Wagen berichten. Folgerichtig hat Mitte Oktober 2018 die FHF ein zweites E-Fahrzeug bestellt. Es ist ein sogenannter Pritschenwagen auf Basis des von Post gebauten Fahrzeugs. Mit diesem Fahrzeug fahren die Mitarbeiter fast lautlos über das Schlossgelände und sammeln beispielsweise den Müll ein.

In der Tat. Als Thomas Piekenbrock und Uwe Fischer mit ihren Fahrzeugen vor die Oranienburg fahren, sind sie kaum zu hören.

Verwaltungsleiter Klaus-Wilhelm Gratzfeld sagt, dass im Zuge dieser Anschaffung eigens eine neue Ladestation auf dem Schlossgelände errichtet wurde. Diese könne auch von Dozenten oder Gästen der Fachhochschule genutzt werden. Gratzfeld sieht die Anschaffung als bewusstes Zeichen, die Energiewende auch an der Fachhochschule für Finanzen voranzutreiben. Auch bei künftigen Käufen werde sich die FHF intensiv damit beschäftigen, ob die Entscheidung für ein E-Auto die bessere Wahl sei. Privatkunden werden wohl so lange den Umstieg scheuen, bis die Preise von Neufahrzeugen sinken und die Lieferzeiten kürzer werden.

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