Wie ein Diener des Schlossherren das erste Fahrrad nach Nordkirchen brachte

rnNordkirchen historisch

1897 wollte Graf Nikolaus von Esterhazy, Nordkirchener Schlossherr, die Wünsche seiner Diener erfüllen. Franz von der Halben wollte ein Fahrrad - wofür man ihn für dumm erklärte - zunächst.

von Hildegard Schlutius

Nordkirchen

, 06.05.2019, 16:44 Uhr / Lesedauer: 3 min

Da wunderten sich die Leute im Dorf Nordkirchen nicht wenig über ihren Mitbürger Franz von der Halben. Was für eine Idee!

Im Mai des Jahres 1897 war Graf Nikolaus von Esterhazy, Herr auf Schloss Nordkirchen, unverheiratet und kinderlos auf seiner Besitzung in Ungarn verstorben. Kurz vor seinem Tode hatte er alle seine Diener, darunter auch Franz von der Halben um sich versammelt, hatte sich für ihre treue Fürsorge bedankt und ihnen gesagt, dass jeder einen Wunsch äußern dürfe, den er großzügig erfüllen würde.

100 Morgen Land, eine Gastwirtschaft, oder ... ein Fahrrad?

Da sagte der Oberhofmeister sehr unbekümmert, dass er gerne 100 Morgen Land zur Eigenwirtschaft hätte, ein anderer wollte eine Gastwirtschaft haben, Franz von der Halben aber wünschte sich eine Meerschaumpfeife und ein Fahrrad. „Wat büs Du doch vör’n Döskopp“, sagten die Leute zu ihm, als er nach Nordkirchen zurückkehrte. „Da hätte doch mehr drin gesessen!“ Franz aber war gar kein Döskopp.

Er war in der Welt herum gekommen und hatte dabei dieses neue Beförderungsmittel kennen gelernt. Damit wollte er in und um Nordkirchen kleine Fahrten machen und abends dann ganz gemütlich eine Meerschaumpfeife rauchen. Zum Leben hatte er ja genug.

Den ersten Fahrradtyp gibt es noch heute

Zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Fahrrad in manchen Städten sehr in Mode gekommen. Schon um 1817 hatte der Freiherr von Drais das Laufrad erfunden, ein Rad wie heute zwei und dreijährige Kinder es benutzen, nur eben in groß. Dann waren es die „Hochräder“, wahre Ungetüme mit riesigen Vorderrädern, die zwischen 1850 und 1890 eine Fortbewegung möglich machten.

In Münster bot die Firma Knubel „Hochräder sämtlicher Systeme“ von Adler, Opel und sogar englische Modelle an und dazu die nötige Fahrunterweisung.

Ein Quantensprung aber war die Erfindung des „Niederrades“, das dem heutigen Fahrrad schon ein wenig ähnlich war. Nun wurde es richtig sportlich. Straßenrennen wurden veranstaltet, in Dortmund kämpfte man jetzt um den Titel des Westfalenmeisters, und bei der 1. Olympiade der Neuzeit vom 6. – 15 April 1896 in Athen nahm Bernhard Knubel aus Münster an einem Fahrradrennen mit 250 Sportlern aus aller Welt teil.

„Wat büs Du doch vör’n Döskopp.“
So oder so ähnlich reagierten einige Nordkirchener auf den Wunsch von Franz Von der Halben an Graf Nikolaus von Esterhazy nach einem Fahrrad.

Zunächst gab es für ihn die große Schwierigkeit, schon mal bis Wien zu kommen. Im Beifahrerhäuschen eines Güterzuges konnte er auf eigene Kosten samt Fahrrad diese erste Etappe machen. Von dort fuhr eine Gruppe bis Athen, wo man schließlich einen Tag vor dem Wettkampf eintraf.

Als er mit einer großen Teilnehmerbronzemedaille nach Münster zurückkehrte, erwartete ihn keiner zum Empfang am Bahnhof anlässlich dieses doch besonderen Ereignisses. Nein, da blieb ihm nichts anderes, als einfach auf das Fahrrad zu steigen und mit der Plakette in der Tasche nach Hause zu fahren.

In Nordkirchen freute sich vor allem eine Gruppe über Fahrräder

Damals gab es noch kein Radio und erst recht keinen Fernseher, das über solche besonderen sportlichen Ereignisse hätte berichten können. Das Fahrrad aber setzte sich mehr und mehr durch.

Auch in Nordkirchen gewann es bald Freunde, etwa unter den Bergleuten, die statt zu Fuß nun mit dem Rad nach Selm oder Lünen zur Zeche fuhren, und die Frauen konnten, wenn sie denn ein Fahrrad hatten, nach dem Melken auf der Dorfwiese die Milchkanne darauf absetzen, anstatt die schwere Last nach Hause zu schleppen. Der Pastor aber ermahnte die jungen Frauen von der Kanzel, auf diese neuartigen Fortbewegungsmitteln zu verzichten. Vermutlich dachte er, dass bei flotter Fahrt die Röcke allzu sehr flattern könnten.

Nach dem Krieg fuhren die Fahrräder auf Spiralen oder Hanfseilen

Nach dem Ersten Weltkrieg waren Fahrräder Mangelware und wenn man vielleicht noch eines hatte, so fehlte bestimmt die Gummibereifung. Man behalf sich damit, viele kleine Spiralen auf die Felgen zu montieren oder auch Hanfseile, die man anschließend für die Spannung in Wasser quellen ließ. Ein armseliger Behelf.

Ähnlich war die Notsituation mit den Rädern nach dem Zweiten Weltkrieg. Wer konnte sich denn auch eines leisten? Noch im Jahr 1951 konnte man in einem Gedicht in der Zeitung lesen: … „und wer das Geld nicht gar so rar hat, macht eine Maientour per Fahrrad“. Das änderte sich in den folgenden Jahren rasch. Mit wachsendem Wohlstand nahm das Fahrradfahren einen gewaltigen Aufschwung.

Ende der 50er-Jahre drängten motorisierte Fahrzeuge auf den Markt

Ende der 50er-Jahre jedoch wurde es durch Motorroller und Autos beinahe verdrängt. Etliche Firmen wie z. B. auch Miele stellten die Produktion der „Stahlrösser“ ein.

Und heute erlebt das Veloziped bei dem inzwischen verbreiteten Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein einen neuen riesigen Boom. 72 Millionen Räder waren 2017, dem 200. Geburtsjahr des Rades, unterwegs. Rennräder, Lastenräder, Mountainbikes, übliche Fahrräder, mit und ohne elektrischen Antrieb werden in großer Vielzahl von Modellen angeboten, nützlich um zum Arbeitsplatz zu kommen und gesund für freie Stunden.

Und nicht nur gesund! Was gibt es denn eigentlich Schöneres als eine Fahrradtour bei Frühlingswetter über die Pättkes im Münsterland?

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