Zwischen Existenzangst und Vernunft: Hoteliers mit rabenschwarzem Jahr

Hotelgewerbe

Lockdown, Übernachtungsverbot für touristische Zwecke und eingeschränkte Reisefreiheit: 2020 war für die Hoteliers der Region ein rabenschwarzes Jahr. So mancher hatte fast keine Gäste.

Nordkirchen, Selm

, 27.02.2021, 10:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
Hochstellte Stühle auf den Tischen: Ein Symbolbild für die noch immer geschlossenen Gaststätten und Hotelbetriebe. In Nordkirchen und Selm hofft und zittert man zugleich und schwankt zwischen Vernunft und Existenzangst.

Hochstellte Stühle auf den Tischen: Ein Symbolbild für die noch immer geschlossenen Gaststätten und Hotelbetriebe. In Nordkirchen und Selm hofft und zittert man zugleich und schwankt zwischen Vernunft und Existenzangst. © NGG

Zum 1. Juli 2020 hatte Mirella Bandic die Schlosstuben in Nordkirchen übernommen. „Wir haben renoviert und Geld investiert - und dann mussten wir wegen Corona schließen“, berichtet die Inhaberin. „Ein paar Gäste hatten wir, deshalb kann ich nicht sagen, dass wir zu 100 Prozent frei waren, aber zu 90 oder gar 95 Prozent war das der Fall.“

Auch Albert Lücke vom Plettenberger Hof schätzt, dass die Übernachtungszahlen um bestimmt 80 Prozent zurückgingen. „Es gab ja keine Dienstreisen mehr und ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir einen Touristen beherbergt hätten“, sagt er. Vielleicht mal jemanden, der auf einer Familienfeier gewesen war. „Aber Radfahrer habe ich nicht gesehen“, sagt Lücke. Dabei lebt er mit seinem Hof eigentlich vom Tourismus.

Neben Corona auch noch Anordnung von Baumaßnahmen

In der Nachbarstadt Selm setzt Astrid Vogt eher auf Monteure und Handwerker als Gäste - und die konnte sie theoretisch auch im „Hotel Zum Alten Feld“ beherbergen. „Aber neben Corona haben wir von der Stadt Selm auch noch Baumaßnahmen aufgedrückt bekommen“, erklärt Astrid Vogt, dass der Brandschutz verbessert werden sollte. „Ohne die Brandschutzaktion hätten einige Monteure noch bei uns übernachten können. Aber so sind unsere Gästezahlen im Jahr 2020 daher mächtig geschrumpft“, sagt Astrid Vogt. „Es war vielleicht noch ein Viertel im Vergleich zu normalen Jahren.“ Als Anlaufstelle für den Tourismus sieht sie ihr Haus aber nicht. „Wir sind eine Anlaufstelle für Monteure und vielleicht übernachten noch Gäste nach Feiern - aber die gab es ja gar nicht.

Verbitterung ist deutlich spürbar

In Nordkirchen ist das anders. Mit dem Schloss vor der Haustür und der Zugehörigkeit zu Münsterland-Tourismus setzt man eindeutig auf Kurz-Urlauber. Doch Albert Lücke hat keine Hoffnung darauf, dass sich am Ist-Zustand bis Pfingsten noch etwas ändert. „Ich weiß zwar nicht, was wir schlechter machen als Friseure und die Leute sitzen auch jetzt irgendwo zusammen, warum also nicht bei uns?“, sagt er mit deutlicher Verbitterung in der Stimme. Denn finanziell sei man jetzt schon „drüber“ sagt er mit Blick auf die Grenze, an der man eigentlich die Reißleine ziehen müsste. „Die Fördermittel für November und Dezember sind geflossen. Die Banken spielen Gott sei Dank auch noch mit“, freut er sich, dass eine Bank sogar noch seinen Dispo erhöhte. Aber eine Energierechnung über 3800 Euro wartet auch darauf, bezahlt zu werden. „Wir fahren alles runter, was geht“, schildert Lücke, und hofft darauf, dass auch die Januarhilfen wieder gut ausfallen und das Geld bis März zügig fließt.

Unbezahlte Rechnungen stapeln sich

Auch Mirella Bandic blickt auf einen Stapel unbezahlter Rechnungen und hofft, bald wieder arbeiten zu können, um die angehäuften Schulden zurückzahlen zu können. An Verdienst mag sie gar nicht denken. „Ich muss ja alles bezahlen, die anderen Leute wollen ja auch ihr Geld.“ Stunden könnte man einzig die Steuern, und die Hilfen seien für sie eher marginal. „Wir kämpfen, machen viel Außerhaus-Betrieb, um uns zu retten“, sagt sie. Aufgeben ist für sie keine Option. Noch hat sie genügend Kraft und sagt voller Optimismus: „Wir schaffen das.“

Dass sie aber vor Ostern wieder öffnen kann, glaubt sie ebenso wenig wie Astrid Vogt in Selm. „Wir sind da zweigeteilt zwischen Existenz und Vernunft“, sagt die Selmerin. „Gesundheitlich betrachtet sagt man, dass noch ein Monat zu sein sollte. Wirtschaftlich hoffe ich, dass man uns wenigstens erlaubt, die Außengastronomie wieder zu öffnen. Ein kleiner Schritt, das wäre schon gut“, sagt sie mit Blick auf das Treffen der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin in der nächsten Woche.

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