Einsamer Sex und sauberes Wasser sichern Urzeittierchen das Überleben in der Olfener Lippe

Lippe

Ihre Spuren reichen 2,6 Millionen Jahre zurück. Während Riesenhai, Mammut und Säbelzahntiger ausgestorben sind, hat sie überlebt: eine Olfenerin mit besonderen Talenten und Sexpraktiken.

Olfen

, 22.07.2019 / Lesedauer: 3 min
Einsamer Sex und sauberes Wasser sichern Urzeittierchen das Überleben in der Olfener Lippe

Sie hat kein Haus auf dem Rücken, sondern eine Mütze auf dem Kopf: die Mützenschnecke. © Lippeverband

Entdecken Biologen Mützenschnecken im Gewässer, ist das Grund zur Freude, wie die Mitarbeiter des Lippeverbandes versichern. Das hat nichts damit zu tun, dass die Wasserlebewesen klein sind -vier bis acht Millimeter - und daher nicht so leicht zu entdecken sind. Es liegt daran, dass es sich um Urzeittiere handelt mit einer Vorliebe für besonderes Wasser.

Einsamer Sex und sauberes Wasser sichern Urzeittierchen das Überleben in der Olfener Lippe

Sylvia Mählmann (vorne) mit Kollegin Sandra Buchholz bei der Probenahme an der Lippe. © Rupert Oberhäuser

Mützenschnecken haben weder Lungen noch Kiemen, sondern atmen anders - über ihre Haut. Das ist ein Talent, aber auch eine Bürde. Denn sie brauchen dafür ein ganz besonderes Umfeld, wie Mitarbeiter des Lippeverbandes wissen.

„Mützenschnecken brauchen extrem sauerstoffreiches Wasser und sind somit ein Anzeiger für gute Wasserqualität.“, heißt es in einem Bericht des Lippeverbandes, der jeden Monat einen „Bewohner des Monats“ kürt: dieses Mal die Mützenschnecke. Wegen ihrer außergewöhnlichen, spitzen Kopfbedeckung trägt sie ihren Namen. In Olfen kommt die Mützenschnecke in der Lippe vor.

Die Urzeittiere haben nur einen kleinen Bewegungsradius

Obwohl fossile Funde belegen, dass es Mützenschnecken schon vor 2,6 Millionen Jahren gab, ist diese Schneckenart mit dem lateinischen Namen „Ancylus fluviatilis“ äußerst sensibel. Und schlecht zu Fuß. Das hat Folgen.

In einigen Bundesländern steht sie auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. „Die Mützenschnecke ist nicht sehr mobil, ihr Radius beschränkt sich in der Regel auf einen Meter. Daher braucht es bis zur Besiedlung von renaturierten Gewässerabschnitten immer ein wenig Zeit“, weiß Sylvia Mählmann, Biologisch-technische Assistentin des Lippeverbandes. Entweder driften die Schnecken ein Stück mit der Strömung oder reisen als „blinde Passagiere“ am Bein eines Vogels oder eines großen Wasserkäfers weiter.

Mit dem Strom: Kopfbedeckung nützt und schützt

Es ist gar nicht so leicht, die Schnecke im Wasser zu entdecken, wie der Lippeverband mitteilt. Sie habe kein rundes Häuschen, wie Gartenschnecken es mit sich herumtragen. Ihr gewindeloses Haus ähnelte eher einer leicht nach hinten gebogenen, spitzen Mütze. Das Gehäuse sei dabei dünnwandig und bei älteren Tieren oft mit einer Algenschicht bewachsen. „Mit ihrer mützenförmigen Schale ist diese Schnecke perfekt an das Leben in fließenden Gewässern angepasst“, meint die Biologin.

Das Tier sauge sich mit einer breiten Fußscheibe an Steinen fest und grase Algen und Flechten ab, beschreibt Sylvia Mählmann. Bei der Verdauung hat sich die Natur wieder etwas Besonderes ausgedacht: Zur Nahrungsverwertung benutzen sie Sandkörner im Muskelmagen.

Vielfältiger Schneckensex dient der Arterhaltung

Beziehungsstress muss nicht sein. Wenn sich Mützenschnecken fortpflanzen wollen, brauchen sie nicht lange zu suchen. Stimmt die Wassertemperatur im Frühjahr, kann das Tier als Zwitter seine Rolle beliebig tauschen, da es zwei Geschlechtsorgane hat. Sogenannte Kopulations-Ketten von vier bis fünf Tieren sind bekannt. Oft ist sich die Mützenschnecke aber auch selbst genug.

Häufig finde die Selbstbefruchtung statt, sagt Sylvia Mählmann. Das bringe einen enormen Überlebensvorteil. So könne aus einem einzelnen Tier eine komplett neue Population entstehen.

Der Laich der Mützenschnecke besteht aus kleinen durchsichtigen Gallertscheiben, die sie fest an den Untergrund kittet. Insgesamt kann eine erwachsene Schnecke bis zu 100 Eier legen. Nach drei bis vier Wochen schlüpfen die kleinen, weniger als ein Millimeter großen Schnecken und haben dann eine Lebenserwartung von rund einem Jahr.

Die Lippe
  • Die Lippe ist ein 220 Kilometer langer Nebenfluss des Rheins.
  • Sie entspringt in Bad Lippspringe und mündet in Wesel in den Rhein.
  • Auf der rund 147 Kilometer langen Strecke zwischen Lippborg und Wesel fließt die Lippe durch das Gebiet des Lippeverbandes. In diesem Bereich hat das Land NRW die Unterhaltung und den Ausbau des Flusses an den Lippeverband übertragen.
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