An der Grundschule Olfen sind Elterntaxis Alltag. Eine Studie sagt: Eltern, die ihre Kinder vor die Schule bringen, gefährden nicht nur andere - sie können auch den eigenen Kindern schaden.

Olfen

, 03.10.2018, 18:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Schnell! Schnell! Vorfahren. Kurz stoppen. Kind raus lassen. Weiter fahren. Jede Minute zählt im engen Zeitplan. Im anstrengenden Spagat zwischen Familie, Beruf und all den anderen Aufgaben. Keine Zeit für den sanften Einstieg in den Schultag zu Fuß oder mit dem Rad. Keine Zeit für die Frage des Reporters, ob selbst bei schönem Wetter das Kind mit dem Auto gebracht werden muss. Schnell. Schnell.

Bei drei Ortsterminen haben wir die teilweise chaotischen Verhältnisse vor dem Haupteingang der Grundschule beobachten können. Einen noch viel besseren Blick darauf hat Schulleiterin Petra Deuker von ihrem Büro aus Tag für Tag. Etwas dazu sagen möchte sie auf unsere Anfrage nicht. Auch nicht, ob sie Änderungsvorschläge hat, um die Situation zu entzerren. Rede und Antwort steht jedoch der Bezirksbeamte Gerd Olschewski. Mit den Kindern kommt er bestens klar, viele Kinder klatschen ihn ab. Zu den Eltern ist das Verhältnis nicht immer so entspannt.

Polizist: „Viele Eltern reagieren gereizt“

„Wenn wir sie darum bitten, die Verkehrsregeln doch bitte einzuhalten, reagieren viele gereizt“, so der Bezirksbeamte. Er muss sich dann Aussagen anhören wie: „Ich halte auch nur eine Minute hier.“ „Wo soll ich sonst anhalten?“ Oder: „Kümmern sie sich um andere Dinge.“ Das sei schon manchmal sehr erschreckend. Olschewski schreitet ein, um den Kindern zu helfen. Und er verfügt aus seiner Zeit als Verkehrssicherheitsberater über einen großen Erfahrungsschatz. „Kinder haben oft Angst vor größeren Fahrzeugen“, sagt Olschewski und appelliert an die motorisierten Verkehrsteilnehmer, die Situationen verstärkt aus der Sicht von recht jungen Kindern zu sehen. Ein leider immer wieder verhallter Appell.

Elterntaxis an der Grundschule Olfen bringen Kinder in Gefahr

Eng und unübersichtlich ist es in Höhe des Zebrastreifens. Deshalb kontrollieren hier häufig die Bezirksbeamten, ob die Eltern die Verkehrsregeln beachten und damit den Kindern den Vortritt lassen. © Thomas Aschwer

„Es gibt einige, die außerhalb der Parkbuchten parken, um ihre Kinder aussteigen zu lassen: Mitten auf den Straßen, auf der Busspur, direkt vor der Feuerwehrzufahrt.“ Auch mit der Einbahnstraßenregelung an der Grundschule würden es einige „Taxi-Fahrer“ – also Eltern oder Großeltern – nicht so genau nehmen. Olschewski hat nicht nur einmal mit ansehen müssen, dass sie einfach geradeaus gefahren sind statt der Beschilderung zu folgen und damit den vorgeschriebenen Weg über den Südwall und die Schulstraße zu nehmen.

Dramatische Zahlen in NRW

Kritisch sei die Situation auf beim Zebrastreifen unmittelbar vor dem Schulgelände. „Es gibt Eltern, die ihren Kindern nachwinken, deshalb Richtung Schule schauen und über den Zebrastreifen fahren, den andere Kinder gerade überqueren wollten.“ So überrascht es schon fast, dass die Polizei im vergangenen Jahr kreisweit „nur“ 13 Schulwegunfälle aufnehmen musste. „Dabei war nicht ein Unfall in Olfen“, sagt Polizei-Pressesprecher Rolf Werenbeck-Ueding. Er hat auch aktuellere Zahlen. Bis Ende August 2018 gab es offiziell acht Schulwegunfälle im Kreis. Einer passierte in Olfen.

Landesweit sind die Zahlen richtig dramatisch. Denn Schulwege sind, gerade in der dunklen Jahreszeit, alles andere als ungefährlich. An jedem Schultag verunglücken in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 26 Grundschüler auf dem Schulweg – insgesamt 5049 im vergangenen Jahr. 13 Schülerinnen und Schüler verunglückten tödlich. Die Olfener Bezirksbeamten wollen deshalb weiter mit Argumenten überzeugen. „Wir sprechen die Leute an und sagen ihnen, warum dort nicht geparkt werden darf. Sagen ihnen, dass es genügend freie Parkplätze gibt – beispielsweise auf dem Parkplatz am K+K-Markt. Dann könnten die Kinder die letzten 50 Meter laufen. Das wäre ideal, wird aber nicht angenommen.“

Elterntaxis an der Grundschule Olfen bringen Kinder in Gefahr

Nach dem Fußweg trennen sich auf dem Schulhof die Wege von Vater und Tochter Lücke. © Thomas Aschwer

Stimmt. Nicht nur auf dem großen Parkplatz steht kaum ein Auto. Auch die meisten Parkplätze auf der Kirchstraße sind frei. Hier könnten Eltern gut parken, um dann – ohne zu drehen – über die Oststraße weiter zufahren. Oder Eltern und Kinder verzichten beim Schulweg ganz auf das Auto. Wie die beiden Erstklässler Mira Lücke und Mia Roerkohl. Sie haben ihr Ziel erreicht. Mia drückt noch kurz ihre Mutter Wibke und Mira Lücke Vater Marvin, dann trennen sich am Schulhof die Wege von Eltern und Kindern. Hinter ihnen liegt ein nicht immer entspannter Fußweg von rund 1200 Metern.

Eltern stimmen sich jeden Morgen ab

Um Punkt 7.10 Uhr haben sich wie an fast jedem Schultag die Grundschulkinder mit mindestens einem Elternteil im Bereich Hengstelbrook/Erlenstraße getroffen, um sich zu Fuß auf den Weg zur Grundschule zu machen. Dabei überlassen die vier Familien nichts dem Zufall. „Wir haben eine WhatsApp-Gruppe“, sagt Marvin Lücke. Damit werde morgens kurz geklärt, welche Kinder bei der von Fachleuten auch „Walking Bus“ genannten Schulweg-Gemeinschaft mitmachen und welcher Elternteil sie begleitet. Die Sorge, dass den Kindern auf dem Weg etwas passieren könnte, ist bei allen groß.

Die dreifache Mutter Wibke Roerkohl hat deshalb immer nach dem gerade für ihre Familie besten und damit sichersten Schulweg gesucht. „Unser erstes Kind ist fast immer mit einem anderen Kind zur Fuß zur Schule gegangen. Als sich diese Situation beim zweiten Kind nicht ergab, kam auch bei ihr das Elterntaxi häufiger zum Einsatz. Bei Tochter Mira sind die Rahmenbedingungen aus ihrer Sicht perfekt. „Vier bis fünf Kindern sind ideal, um sie als ein Erwachsener zur Grundschule zu begleiten.“ So wie gerade in ihrer Nachbarschaft. „Die Mädchen und Jungen kannten sich bereits aus dem Kindergarten oder die Eltern haben sich beim Info-Abend der Grundschule kennengelernt“, ergänzt Marvin Lücke beim Start im Bereich Hengstelbrook/Erlenstraße.

Im Zwiedunkel wird schnell deutlich, welche Herausforderungen die Kinder auf ihrem Weg zur Grundschule meistern müssen und wo sie sich ganz entspannt etwas erzählen können. Obwohl die Birkenallee an diesem zwar etwas kühlen aber noch sehr schönen Morgen recht stark befahren ist, muss kein Elternteil die Schüler auf mögliche Gefahren hinweisen. Es gibt einen gut ausgebauten Fuß-/Radweg. Ein entspannter Start in den Schultag. Das bleibt aber nicht lange so. In Höhe der Lindenstraße erleichtert ein Zebrastreifen den Seitenwechsel über die Straße „Zur Geest“. Die weiter stadteinwärts gehenden Kinder müssen irgendwie sehen, wie sie über die Lindenstraße kommen.

Vater wünscht sich zusätzlichen Zebrastreifen

Marvin Lücke sieht deshalb Handlungsbedarf. Er macht sich für einen Zebrastreifen auf der Lindenstraße stark. Ob der vielleicht mal kommt, kann der Bezirksbeamte Gerd Olschewski nicht sagen. Aber der gebürtige hat zumindest einen Verhaltenstipp. „Die Kinder sollten etwa 15 Meter in die Lindenstraße gehen und dann die Straße überqueren. So fällt es den Kindern wesentlich einfacher.“ Keine neue Erkenntnis für Wibke Roerkuhl, die die Kinder der Gruppe zu einem ähnlichen Verhalten im Stadtkern anhält.

Elterntaxis an der Grundschule Olfen bringen Kinder in Gefahr

Mira Lücke geht ein Stück in die Marktstraße, um sie dann sicherer überqueren zu können. Aus Sicht von Eltern ist dieser Bereich für Kinder unübersichtlich. © Thomas Aschwer

Die Kinder gehen ein Stück in die Marktstraße, überqueren sie und halten sich dann dicht am Rathaus entlang Richtung Schule. Dass hier die Kirchstraße niveaugleich und damit ohne Bürgersteige ausgebaut ist, macht es für die Kinder nicht leichter. Zwar ist hier auf einem längeren Stück maximal Tempo 10 erlaubt. In der morgendlichen Hektik scheint das schon mal zweitrangig. Als wir die Gruppe auf dem Schulweg begleiten, fährt das ein oder andere Auto zügig an der Gruppe aus dem Hengstelbrook vorbei. Und wenn den Kindern in Höhe Abzweig Oststraße auch noch die Busse entgegenkommen, müssen Mia, Mira und die anderen Kinder besonders konzentriert sein.

Allein auf aufmerksame Autofahrer und Kinder will die Stadt nicht länger warten. Sie hat einen externen Gutachter eingeschaltet, um die Verkehrssituationen im Stadtkern zu analysieren. Am Ende gibt es einen großen Plan. Experten sprechen von Mobilitätskonzept. Zu den vielen Detailpunkten gehören auch Hol- und Bringzonen. Aus Sicht von Bürgermeister Wilhelm Sendermann machen derartige Zonen nur dann Sinn, wenn sie fest in den Schulalltag integriert und damit Teil des pädagogischen Konzeptes sind. Sendermann kann sich beispielsweise kleine Belohnungen für die Kinder vorstellen, die besonders häufig die letzten 100 oder 200 Meter zur Schule gegangen sind. Auch mögliche Standorte für die Hol- und Bringzonen hat er im Kopf, an der Oststraße in Höhe der Haltestelle und an der Sängerlinde. „Am Ende kann also nur die Schule entscheiden, ob solche Zonen kommen sollen“, sagt Bürgermeister Sendermann.

ADAC beklagt negative Folgen der Elterntaxis

Viele Olfener scheinen das Thema Elterntaxi ganz entspannt zu sehen. Auf unseren Aufruf bei Facebook gab es kaum Kritik, dafür aber viel Verständnis für die Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen. „Jeder sollte es so machen, wie er es für richtig hält“, war ein ganz typischer Kommentar.

Eine gerade erst vorgelegte neue wissenschaftliche Studie im Auftrag des ADAC kommt allerdings zu einem ganz anderen Schluss. Danach ist es gefährlicher, sein Kind in die Schule zu fahren, als es selbst gehen zu lassen. In vielen Fällen würden Eltern durch regelwidriges Anhalten oder riskante Wendemanöver die Sicherheit anderer Schulkinder und Verkehrsteilnehmer teils massiv gefährden.

Die „Elterntaxi“-Studie beklagt zudem als weiteren negativen Nebeneffekt, dass durch regelmäßige Hol- und Bringdienste die selbstständige Mobilität von Schulkindern immer mehr verloren geht. Der ADAC appelliert daher an alle Eltern, ihre Kinder auf einem sicheren Schulweg so oft wie möglich zu Fuß zur Schule gehen zu lassen. Die Tendenz ist jedoch eine ganz andere. Während in den 70er Jahren noch mehr als 90 Prozent der Grundschüler in Deutschland sich alleine auf den Schulweg gemacht hat, war es nach einer Forsa-Umfrage zufolge im Jahr 2012 nur noch jeder zweite.

Elterntaxis an der Grundschule Olfen bringen Kinder in Gefahr

Mit diesem Bus kommen die Vinnumer Grundschüler nach Olfen. Die kleinen Mädchen und Jungen müssen kämpfen, aus dem Bus zu kommen. Die älteren Schüler drängen bereits in den Bus. Sie fahren dann zu den weiterführenden Schulen nach Lüdinghausen. © Thomas Aschwer

Wie es aktuell in ihrer Stadt aussieht, haben gerade die Verantwortlichen in der Nachbarstadt Lünen ermitteln lassen. Hier hat erstmals ein Wissenschaftler untersucht, wie die Mädchen und Jungen zur Schule kommen. Laut einer Umfrage der Technischen Universität Dortmund wird fast ein Drittel der Grundschüler mit dem Auto zur Schule gefahren. 38 Prozent gehen zu Fuß, knapp 12 Prozent benutzen Fahrrad und Roller, 10 Prozent den Bus. 8,4 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Kind mal mit dem Auto gebracht wird, manchmal das Fahrrad nimmt und manchmal zu Fuß geht. Die Stadt Lünen will jetzt in Kooperation mit der Stadtschulpflegschaft die Ergebnisse analysieren und mögliche Konsequenzen formulieren.

Stadt möchte die Buslinien trennen

In Olfen will Wibke Roerkohl hingegen weiter dafür werben, die Kinder mehr zur Schule gehen zu lassen. „Sie erzählen sich was auf dem Weg.“ Zudem haben der Fußweg und die damit verbundene frische Luft den Vorteil, dass die Kinder wach werden. Diese Chance haben die Mädchen und Jungen aus Vinnum angesichts des weiten Weges nicht. Sie müssen vielmehr darum kämpfen, an die frische Luft zu kommen. Sobald sich die Türen ihres Busses an der Grundschule öffnen, drängen die älteren Schüler, die anschließend nach Lüdinghausen fahren, in den. Deshalb hätten sich bereits einige Eltern bei der Schule beschwert, sagen die Bezirksbeamten beim Ortstermin. Die Kritik ist bei der Stadt angekommen. Bürgermeister Wilhelm Sendermann will eine Entflechtung der Grundschulbuslinie von Vinnum mit der Linie zu den weiterführenden Schulen nach Lüdinghausen prüfen lassen. Damit wäre zumindest ein Teil des „täglichen Wahnsinns“ Geschichte.

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