Kein Kükenschreddern: Männliche Küken dürfen auf Hof Mehring länger leben

rnBio-Hof

Das Frühstücksei stammt von der Legehenne - doch was passiert eigentlich mit den Brüdern der Hennen? Auf dem Bioland-Hof Mehring in Olfen dürfen sie leben - zumindest 14 Wochen.

15.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Seit sechs Jahren führen Hühner auf dem Biohof Mehring in Olfen ein vergleichsweise glückliches Leben. Sie können frei zwischen Stall und Wiese laufen und sich ihr Futter picken, wo immer sie es finden. Seit gut zwölf Wochen hat die Zahl der „Männer“ jedoch deutlich zugenommen: Familie Mehring füttert erstmals auch die sogenannten Bruderhähne mit durch - bis zur Schlachtreife.

Denn auch wenn der Biohof der Familie Mehring in Olfen wie aus dem Bilderbuch wirkt und hier auf möglichst artgerechte Haltung geachtet wird: Der Hof ist und bleibt ein Wirtschaftsbetrieb, der Nahrungsmittel erzeugt. Vom Frühstücksei über das Grillhähnchen bis zum Suppenhuhn. Und die Schweine im benachbarten Stall werden auch keines natürlichen Todes sterben. Dennoch stellten sich die Hofbetreiber einer wichtigen ethischen Frage: dem Küken-Töten.

Legehenne oder Grillhähnchen

Hühner, so erklärt Heike Mehring, werden auf zwei Arten genutzt und daher für die eine oder andere Variante speziell gezüchtet: Einmal als Legehennen für die Eierproduktion, einmal als Fleischlieferant. Während das klassische Grillhähnchen mal männlichen, mal weiblichen Geschlechts ist, und auch das Hähnchenbrustfilet mal vom Huhn stammen kann, kommen Eier naturbedingt nur vom weiblichen Part der Tiere.

Die männlichen Küken, oft Bruderhähne genannt, werden meist getötet. „Sie sind nicht wirtschaftlich. Sie benötigen zuviel Futter und haben zu wenig Fleisch“, sagt Heike Mehring. „Das ist der Luxus, in dem wir in Europa leben“, sagt sie mit kritischem Unterton. „Wir können es uns leisten, unwirtschaftliche Tiere zu töten.“

Es war daher nicht die heftige Diskussion um das Kükentöten vor einigen Wochen, die die Mehrings dazu bewog, selbst einen anderen Weg zu gehen. Es war die ethische Frage. Ein Versuch im kleinen, auch Hähne aufzuziehen und deren Fleisch zu vermarkten, hatte funktioniert. Nun wird er im Großen umgesetzt. „Unterm Strich ist dabei auch die Konsequenz des Verbrauchers gefragt“, sagt Heike Mehring: Wer Frühstückseier wolle, müsse auch die Verantwortung für die Bruderhähne übernehmen.

„Die langfristig beste Lösung wäre ein Durchleuchten der Eier am 1. oder 2. Tag, um die Eier nach Geschlecht sortieren und ausbrüten zu können“, sagt Mehring. Die Eier mit „Hähnchen“ würden dann komplett auf dem Frühstückstisch landen, die Eier mit „Hennen“ zur Zucht genutzt. „Das ist technisch aber noch nicht möglich. Man erkennt das Geschlecht derzeit erst ab dem 7. oder 8. Tag - und dann ist schon Leben im Ei und man steht wieder vor der ethischen Frage“, erklärt Mehring.

Zwei-Nutzungs-Hahn ist eine von mehreren Lösungen

Die Biohöfe hätten daher im Moment die beste Übergangslösung: Sie ziehen die Bruderhähne mit auf. Familie Mehring setzt dabei auf eine neue Rasse: Die „Coffee Cream“ sind eine Kreuzung von Legehennen mit „Les Bleues“. Damit ist man auf einem guten Weg, eine Lösung für das Problem zu finden. Eine Möglichkeit ist nämlich der „Zwei-Nutzungs-Hahn“: Hühner geben dann nicht ganz so viele Eier, dafür haben ihre Brüder mehr Fleisch als die normalen Hähne.

Auch die älteren Hühner eignen sich dadurch gut als Suppenhühner. Auf dem Biohof Mehring leben derzeit 225 Hühner und 200 Hähne der Rasse „Coffee Cream“. „Man sagt ja, dass der Schlupf etwa 50:50 ist“, erklärt Heike Mehring. Die 200 männlichen Tiere durften damit zumindest länger leben.

Weil die Bio-Höfe auch gleich Direktvermarkter sind, kann Heike Mehring die Kunden direkt über die Neuerungen - und die Gründe dafür - informieren. „Die Tiere waren 14 Wochen hier, wenn es zum Schlachter geht“, sagt Mehring. Die Rasse wächst nämlich deutlich langsamer als andere Artgenossen - doch das Wachstum passt dann auch zur Statik des Tieres.

„Die können laufen und sind voll befiedert“, sagt Mehring. „Das wirkt sich auch auf das Fleisch aus“, sagt die Fachfrau. Weil die Tiere aber auch dreimal so lange wachsen wie andere, ist das Fleisch am Ende viermal so teuer. Hier kommt dann wieder der Verbraucher ins Spiel: Er muss bereits sein, das zu akzeptieren - damit es auch weiterhin Eier in dieser Menge gibt.

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