Katharina (18) hat ihr Schulpraktikum nicht in irgendeinem Büro gemacht -sondern beim Olfener Künstler Heino Blum. Dabei hat sie nicht nur Bilder gemalt, sondern auch viel fürs Leben gelernt.

Olfen

, 21.09.2018, 11:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Kaffee kochen oder ein paar Kopien machen. Still im Hintergrund Gespräche mit Kunden verfolgen. Zusehen, wie die Kollegen ihre Arbeit machen. Und ganz viel Langeweile. Viele Jugendliche gehen mit diesen Erfahrungen nach Hause, wenn ihr Schulpraktikum in einem Betrieb vorbei ist. Klar: Das muss nicht immer so laufen. Zum Beispiel dann nicht, wenn man sein Praktikum nicht in irgendeinem Büro macht, sondern bei einem Künstler.

So wie Katharina Dotzki. Sie ist 18 Jahre alt und hat vier Wochen lang dem Olfener Künstler Heino Blum über die Schulter geschaut - und das, obwohl sie eigentlich aus dem kaufmännischen Bereich kommt, am Berufskolleg in Lünen ihr Fachabi macht. Das Wort „eigentlich“ müsste in diesem Fall aber - eigentlich - groß geschrieben werden. Denn Katharinas Herz gehört der Kreativität.

Einflüsse aus Gaming, Gothik und Metal

Ihre Augen leuchten, während sie in der kleinen Galerie von Heino Blum auf der Neustraße auf das Bild blickt, das sie gerade begonnen hat. Es ist noch nicht fertig - und trotzdem enthält es schon ganz viel von dem, was die junge Frau beschäftigt. Was sie ausmacht. „Ich habe vor, hier noch irgendwas mit Schrift einzubetten und hier vielleicht einen 3-D-Effekt zu machen“, sagt die Lünerin und deutet mit der Handfläche über die Leinwand fliegend an, auf welche Stellen im Bild sich ihre Pläne beziehen. Viel schwarze und graue Farbe findet sich auf der Leinwand, viele abstrakte Elemente, aber auch gegenständlich anmutende. Eine Fledermaus zum Beispiel.

Schwarz und grau, etwa weiß, aber nichts Buntes: In dem Bild, an dem Katharina im Atelier von Heino Blum arbeitet, ist eine klare, eher dunkle Linie zu erkennen.

Schwarz und grau, etwa weiß, aber nichts Buntes: In dem Bild, an dem Katharina im Atelier von Heino Blum arbeitet, ist eine klare, eher dunkle Linie zu erkennen. © Marie Rademacher

Katharina schreibt auch, erzählt sie. „Weisheiten“, um genau zu sein, sagt sie mit einem ernsten, aber offenen Blick. Außerdem hat sie einen You-Tube-Kanal, „Gaming“ spielt in ihrem Leben eine große Rolle, auf Instagram veröffentlicht sie Zeichnungen, liebt Musik (Gothik und Metal). Wenn sie von ihren Interessen und Leidenschaften erzählt, wirkt die 18-Jährige wie ein Mensch, in dem sehr viel Kreativität steckt. Das sagt auch Heino Blum, der - nicht nur sinnbildlich - einen Schritt nach hinten gegangen ist, während Katharina über ihr Bild und über sich gesprochen hat. „Es geht ja um dich“, sagt er mit einem Lächelns zu seiner Praktikantin.

„Als Künstler auch menschlich aktiv sein“

Es ist nicht das erste Mal, dass der Olfener Künstler einen Platz für ein Schülerpraktikum anbietet. „Ich arbeite gerne mit Kindern, Jugendlichen oder auch älteren Menschen zusammen. Ich finde es wichtig, dass man als Künstler auch menschlich aktiv ist“, erzählt er. Dabei sehe er es nicht als seine Aufgabe, Katharina bei ihrem Bild zu sagen oder zu zeigen, was sie malen soll. „Nein, da halte ich mich völlig raus“, so Blum. Die große Leinwand sei sowieso nur ein kleiner Teil des Praktikums. Katharina hat zum Beispiel für eine Ausstellung, die gerade in Hamburg läuft, die Bilder ausgesucht. Sie ist zusammen mit Heino Blum ins Picasso-Museum nach Münster gefahren, hat gelernt, wie er kalkuliert und welche administrativen Aufgaben auch in einem Kunst-Atelier anfallen. Sehr viel, sagt Heino Blum, während Katharina bedeutsam nickt, vermittle er aber auch ganz einfach auch über Gespräche.

Viel, so erzählen es Heino Blum und Katharina, läuft bei dem Praktikum über Gespräche.

Viel, so erzählen es Heino Blum und Katharina, läuft bei dem Praktikum über Gespräche. © Marie Rademacher

Gespräche, die sich natürlich auch darum drehen, wie Heino Blum selbst zur Malerei gekommen ist. Und, wie er es geschafft hat, sich ein berufliches Leben als Künstler aufzubauen. Das sind eigentlich zwei Geschichten.

Kunst und Malerei war immer wichtig für den Olfener: Schon in der Schule hat er Comics gemalt - zum Beispiel von Napoleon, den er im Geschichtsbuch kennengelernt hatte. Trotz dieser Leidenschaft machte er dann eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann, arbeitete später als LKW-Fahrer und lernte ganz Europa kennen. „Ich war dann aber plötzlich alleinerziehender Vater“, erzählt er im Rückblick. Das ließ sich mit einem Berufsleben, bei dem man ständig auf Achse ist, nicht wirklich vereinbaren.

„Ein sehr erfülltes Leben“

Heino Blum ergriff die Chance und beschloss, sein Leben fortan als freischaffender Künstler zu fristen. Etwas, das er seither nie bereut hat, sagt er. „Als Künstler hat man aber keinen Acht-Stunden-Job. Man hat einen 24-Stunden-Job“, erklärt Heino Blum. „Man kann als Künstler ein sehr erfülltes Leben haben, wenn man sich darauf einlässt.“

Der Künstler Heino Blum hat öfter Praktikanten und abreitet gerne auf unterschiedliche Art mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Er selbst ist alleinerziehender Vater.

Der Künstler Heino Blum hat öfter Praktikanten und abreitet gerne auf unterschiedliche Art mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Er selbst ist alleinerziehender Vater. © Marie Rademacher

Das bezieht Heino Blum auf das Finanzielle. „Ich kann von meinem Beruf als Künstler gut leben“, sagt er - und mit zwei Mundwinkeln, die sich unweigerlich zu einem amüsierten Lächeln kräuseln, fügt er hinzu: „Nur manchmal habe ich halt kein Geld.“

Auf die Frage, wie hoch das Einkommen von Künstlern in Deutschland ungefähr ist, ist eine eindeutige Antwort schwierig. „Der Künstlerarbeitsmarkt ist geprägt durch ständigen Wandel, durch eine hohe Mobilität der Künstler, durch eine Vielfalt von Berufsbildern, durch eine starke Heterogenität – bedingt durch kleinteilige Strukturen – und durch überdurchschnittlich viele atypische Arbeitsverhältnisse“, schreibt Michael Söndermann vom Büro für Kulturwirtschaftsforschung in Köln. Das Büro beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der wirtschaftlichen Situation von Künstlern und Menschen, die in Kulturberufen arbeiten, erhebt dazu viele Daten und analysiert sie.

Den Zahlen zufolge, die dieses Büro etwa für Deutschland im Jahr 2014 erarbeitet hat, gibt es eine sehr große Gruppe sowohl bei selbstständigen als auch bei abhängigen Künstlern, sehr viele, die den Job offenbar nicht aus wirtschaftlich rationalen Gründen machen. „Unter den Künstler- und Kulturberufen sind die geringfügig Selbständigen (Einkommen unter 17.500 Euro im Jahr) jedoch oft die kulturellen Akteure, die vorwiegend experimentell und innovativ arbeiten“, schreibt Michael Söndermann. „Auch für die abhängig Beschäftigten in geringfügiger Teilzeit- und Vollbeschäftigung gilt, es ist häufig weniger die wirtschaftliche Situation, sondern die Identifikation mit dem Künstler- oder Kulturberuf, die sie an ihren Arbeitsplätzen hält.“

Identifikation: Das ist auch etwas, das im Praktikum von Katharina eine große Rolle spielt. Mit Blick auf ihre berufliche Zukunft hat sie sich vor allem einen Satz von Heino Blum hinter die Ohren geschrieben, sagt sie. Und zwar: „Du musst etwas finden, wofür du brennst.“

Ob das für sie die darstellende Kunst ist, weiß Katharina noch nicht so ganz genau. „Ich glaube eher, dass ich in den Medienbereich gehe“. Nach kurzer Pause fügt sie mit einem Blick auf die Leinwand, die stellvertretend für ihre kreative Ader stehen, hinzu: „Hauptsache, das hier kann ich ausleben.“

Die Definition des Begriffs „Künstler“
  • Was genau einen Menschen ausmacht, der als Beruf „Künstler“ angibt, steht im Künstlersozialversicherungsgesetz geschrieben. Danach ist ein Künstler, wer Musik, darstellende oder bildende Kunst „schafft, ausübt oder lehrt“.
  • Wichtig bei dieser Definition ist außerdem, dass die Kunst kein Hobby und keine Liebhaberei ist, sondern erwebsmäßig, also mit der Absicht, dadurch ein Arbeitseinkommen zu erzielen, ausgeübt wird.
Lesen Sie jetzt