Der Truppenübungsplatz Borkenberge. Hier soll nach dem Rückzug der Britischen Armee ein Naturrefugium entstehen. Doch jetzt schlägt der Nabu Alarm. © Elisabeth Schrief
Einzigartige Naturlandschaft

Rettung für Borkenberge: Wisente, Wildpferde und Polizeikontrollen

Der Nabu im Kreis Coesfeld schlägt Alarm. Er beklagt die jahrelange Untätigkeit auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Borkenberge und sieht die „einzigartige Heidelandschaft“ in Gefahr.

Der tragische Unfall eines jungen Mannes vor wenigen Wochen hat auf dramatische Weise die Naturschutzflächen und die Nutzungskonflikte in den Borkenbergen in den Blick der Öffentlichkeit transportiert. „Das illegale Befahren mit Crossmotorrädern und Quads, aber auch Spaziergänger mit freilaufenden Hunden bereiten uns große Sorgen“, sagt die Nordkirchenerin Dorothea Knepper-Wollny, die sich im Kreisvorstand des Nabu engagiert.

Der Vorstand hat deshalb einen offenen Brief an Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr geschrieben – verbunden mit einem möglichst schnell umzusetzenden Maßnahmenkatalog:

  • Umsetzung eines Großbeweidungskonzeptes mit Wisenten, Heckrindern und Wildpferden
  • Durchführung regelmäßiger Polizeikontrollen in Abstimmung der Kreise Coesfeld/Recklinghausen
  • Einrichtung von Rangerstellen durch die beteiligten Kreise bzw. Kommunen
  • Zurücknahme der Verbuschung der Offenlandbiotope
  • Verschluss der Entwässerungsgräben
  • Umwandlung bzw. Extensivierung der Ackerflächen (Verbot von Bioziden und Düngung)

Neuland betritt der Nabu-Kreisvorstand mit den Forderungen nicht. Gut ein Jahr nach dem Abzug der britischen Soldaten in 2015 hatte die gemeinnützige Tochter der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die DBU Naturerbe GmbH, neben anderen Naturflächen in Deutschland große Teile des ehemaligen Truppenübungsplatzes übernommen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Planungen für „Westfalens Wilder Westen“ angelaufen. Ein Kernelement des Projektes war die Beweidung großer Flächen mit robusten Tier-Arten wie Taurusrindern, Konikpferden oder Wisenten, um drei Kernziele zu erreichen: Die respekteinflößenden Tiere sollten die Fahrerinnen und Fahrer von Crossmaschinen abschrecken. Ein Effekt, der seit vielen Jahren in den Olfener Steverauen erfolgreich zu beobachten ist. Damit würden im zweiten Schritt seltene Bodenbrüter wie Kraniche, Ziegenmelker und Heidelerche nicht mehr vergrämt. Ganz wichtig ist aber aus Sicht von Nabu-Kreisvorstandsmitglied Markus Suthoff der Erhalt der Heidelandschaft.

Panzer haben über Jahrzehnte einen Bewuchs der wertvollen Landschaft verhindert

Über Jahrzehnte hätten Panzer einen Bewuchs der wertvollen Landschaft verhindert. Jetzt würde der Samenanflug aus angrenzenden Wäldern für einen natürlichen Aufwuchs sorgen. Bereits ein Viertel der Heideflächen sei durch Überwachsen mit Gehölzen verschwunden. „Haben Kiefern und Birken hier erst einmal Fuß gefasst, ist es fast unmöglich, sie wieder zu entfernen“, sagt Christoph Steinhoff, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde. „Die Zeit drängt bevor durch die Verbuschung der Freiflächen dieses Naturerbe ganz zerstört wird“, heißt es in dem offenen Brief des Kreisvorstandes an den Landrat.

Der Nabu belässt es in seinem offenen Brief aber nicht nur bei der (negativen) Bestandsaufnahme. Er möchte auch wissen, warum nach Abzug des Militärs im Jahr 2015 noch kein einziger Acker extensiviert und kein Entwässerungsgraben verschlossen worden ist? „Wer ist verantwortlich für die unveränderte Entwässerung der Feuchtgebiete und die Fortführung der intensiven Ackerwirtschaft? Die Untere Naturschutzbehörde, die Bezirksregierung, der Bundesforst oder die DBU Naturerbe GmbH?“

Die DBU-Tochter Naturerbe GmbH hat eine Schranke zur nördlichen Ringstraße in den Borkenbergen vor Jahren geöffnet. Seitdem ist nicht mehr viel passiert – zumindest aus Sicht interessierter Besucher. © Michael Beer (A) © Michael Beer (A)

Der Kreis Coesfeld räumt in einer schriftlichen Stellungnahme ein, dass es sich um einen „langen Prozess handelt, der jetzt in eine wichtige Phase tritt.“ Gemeinsam haben der Landrat, Christoph Steinhoff und drei Vertretende des NABU über die Umsetzung weiterer Maßnahmen beraten, die verhindern sollen, dass sich das besagte Gebiet ökologisch weiter verschlechtert. „Es sind nicht nur die finanziellen Auswirkungen, die unsere Bemühungen antreiben“, sagt der Landrat. „Es ist unsere Sorge um weitere seltene Arten. Für sie muss sichergestellt werden, dass die Heideflächen erhalten bleiben.“

Bundesrepublik Deutschland drohe hohe Geldstrafen

Der Truppenübungsplatz Borkenberge liegt in den Kreisen Coesfeld und Recklinghausen. Er gehört mit seinen Heiden, Sandtrockenrasen und Mooren zu den wertvollsten Naturlandschaften Nordrhein-Westfalens. Bedingt durch die seit 1873 andauernde Nutzung als Schieß- bzw. militärischer Übungsplatz konnte sich hier ein großflächiger Ausschnitt einer halboffenen Heide- und Moorlandschaft erhalten, wie sie für die vorindustrielle Kulturlandschaft des Münsterlandes einst charakteristisch war. In der etwa 1800 ha großen hügeligen Sandlandschaft der Borkenberge finden zahlreiche gefährdete Arten einen wichtigen Rückzugsraum.

Insgesamt 21 Fachautoren aus unterschiedlichen Disziplinen haben innerhalb des Truppenübungsplatzes mehr als 2700 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten dokumentieret. Hiervon finden sich über 400 Arten auf den Roten Listen Nordrhein-Westfalens bzw. Deutschlands wieder.

Der Nabu Kreisverband Coesfeld ist nach eigener Aussage „gerne bereit, an der Weiterentwicklung des Gebietes mitzuarbeiten. Wir wünschen uns für alle eine tragbare Lösung, die dieser Region die Chance gibt, der Natur einen angemessenen Schutz zu gewähren.“ Dass ein Pflegekonzept dringend umgesetzt werden muss, gibt auch die FFH-Richtlinie der EU vor. Diese verlangt, dass sich Lebensraumtypen von europäischem Naturschutzinteresse, wie die in den Borkenbergen noch großflächig vorkommenden trockenen europäischen Heidegesellschaften, nicht verschlechtern dürfen – hier drohen der Bundesrepublik ansonsten hohe Geldstrafen.

Über den Autor
Redaktion Selm
Journalist aus Leidenschaft, Familienmensch aus Überzeugung, Fan der Region. Als Schüler 1976 den ersten Text für die Ruhr Nachrichten geschrieben. Später als Redakteur Pendler zwischen Münsterland und Ruhrgebiet. Ohne das Ziel der Arbeit zu verändern: Die Menschen durch den Tag begleiten - aktuell und hintergründig, informativ und überraschend. Online und in der Zeitung.
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Thomas Aschwer