So erleben Notfallseelsorger die Trauerfälle anderer

Interview

Sie überbringen Todesnachrichten und sind für die Hinterbliebenen da - ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Notfallseelsorger stehen mit Angehörigen von Unfallopfern die ersten Stunden nach schweren Schicksalsschlägen durch. Wie erleben und schaffen sie das? Wir haben mit zwei Helfern für den Kreis Coesfeld gesprochen.

OLFEN/ LÜDINGHAUSEN

, 24.09.2016, 06:01 Uhr / Lesedauer: 7 min

Uta Billermann aus Olfen und Agnes Kuse aus Lüdinghausen sind in den schlimmsten Situationen des Lebens für Menschen im Kreis Coesfeld da. Wenn Jugendliche tödlich verunglücken, klingeln sie mit der Polizei an der Tür der Eltern. Sie helfen an Unfallstellen oder nach Suiziden. Sie sind Notfallseelsorgerinnen. Im Ehrenamt. Wie kann man so einen Job machen? Das fragte sie Redakteur Tobias Weckenbrock.

Hier können Sie das ganze Interview anhören. 

Notfallseelsorgerin - was ist das für ein Job? Kuse: Wir werden über die Leitstelle in Coesfeld gerufen, um bei plötzlich eintretenden Krisensituationen Menschen beizustehen und in der schwierigen Situation zu helfen, in der von jetzt auf gleich nichts mehr so ist wie es mal war. 

Wohin werden Sie konkret gerufen? Kuse: Im gesamten Kreis Coesfeld sind wir tätig. Einsatzbereiche sind schwere Verkehrsunfälle, bei häuslichen Todesfällen, erfolgloser Reanimation, plötzlichem Kindstod, Suizid, bei Opfern von Gewalt. Und wir überbringen Todesnachrichten in Zusammenarbeit mit den örtlichen Polizeibehörden. 

Was machen Sie dann, wenn Sie am Unfallort ankommen? Kuse: Wir melden uns beim Einsatzleiter an, werden von dort dann eingewiesen. Wir betreuen Unfallfahrer und -zeugen, aber auch Ersthelfer und fahren auch raus, um im schlimmsten Falle Todesnachrichten zu überbringen. 

Wie läuft das dann ab? Sie klingeln... Kuse: Ja, wir stehen in unserer Notfallseelsorger-Weste mit dem Polizisten in Uniform an der Tür. Ich habe es bei den leider häufigen Überbringungen noch nicht erlebt, dass man sich dort nicht noch einmal gemeinsam sammelt und eine Minute lang in sich geht und darüber nachdenkt: Wenn ich jetzt den Klingelknopf drücke, dann bricht für die, die hinter der Tür stehen, die Welt zusammen. 

Das rufen Sie sich ins Bewusstsein? Kuse: Ja, absolut. Das ist auch ganz wichtig, um sich innerlich auf die Situation einzustellen, die dann auf einen zukommt. Der Polizeibeamte übernimmt den ersten Part. Er überbringt die Todesnachricht. Dann übernehmen wir die Erstbetreuung.

Was sieht man dann in den Gesichtern? Wie ist das für Sie, da dabei zu sein? Billermann: Das ist eine Sondersituation. Aber wir haben eine Ausbildung, die geht ein halbes bis zu einem Jahr. Wir kennen die Palette der Reaktionen, die auf uns zukommen können: vom Schock, von Schreien, ganz still sein, sich hinsetzen, von Aktionismus wie "Ich muss telefonieren." oder "Ich muss die Versicherungsunterlagen herausholen." oder "Ich will da jetzt hin!". Das geht oft nicht, wenn die Todesursache nicht feststeht. Dann wird der Leichnam beschlagnahmt und man muss als Notfallseelsorger eine Brücke schlagen zu Polizei und Bestatter. Vielleicht, um sich doch noch am Tag selbst verabschieden zu können. Kuse: In meiner Ausbildung vor zehn Jahren habe ich gelernt: Das schlimmste, was du ertragen musst, ist das Schweigen. Und das ist es! Die Situation des Geschockt Seins vom Ereignis, dann hat man keine Reaktion. Da werden Sekunden zu Minuten. Ich kann damit umgehen, dass geschrien, geweint oder um sich geschlagen wird. Aber wenn durch den Schock eine Stille eintritt, die länger als eine Minute anhält, dann kann ich das schwer ertragen. Billermann: Ich kann das gut ertragen. Ich mache im Hospiz Sterbebegleitung, und da ist das Aushalten von langem Schweigen notwendig. Einfach dasitzen und warten, weil Sterbende einen anderen Anspruch haben als Trauernde. Ich kann das sehr lange aushalten. 

Aber Sie zwingen sich dazu, das auszuhalten, oder? Kuse: Klar! Ja nicht zu nah ran an die Person, Abstand halten, genau beobachten. Denn oft hat man mehrere Personen vor sich. Dann kann man nach einiger Zeit abrufen, was man gelernt hat. Aus der Ausbildung oder aus Erfahrung. Dann kann man sich herantasten - vorsichtig, sensibel, nicht aufdringlich.Billermann: Wir kommen meistens in ein System. Ein geschlossenes Familiensystem zum Beispiel. Wir wissen nicht, wer da wen trösten kann. Da bietet es sich immer an, den Rucksack und die Utensilien zu nutzen. Wir haben Süßigkeiten dabei, für Bauernhöfe Hundekekse, Zigaretten. Es ist schwierig herauszufinden, wie man helfen kann. Manchmal braucht man auch gar nicht einzugreifen, dann ist die Familie in sich so sicher, dass sie sich untereinander stützen. Aber dann können wir steuern und Hinweise geben: Wann kann man den Bestatter und welchen anrufen? Wie läuft das technisch genau ab? Wir haben dafür einen Laufzettel entwickelt, den wir den Trauernden geben können: Was muss ich zuerst tun? Was kommt in den nächsten zwei, drei Tagen? 

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Das ist das Handwerkszeug von Notfallseelsorgern

Notfallseelsorger sind in den schlimmsten Situationen des Lebens für Menschen da. Wenn Jugendliche tödlich verunglücken, klingeln sie mit der Polizei an der Tür der Eltern. Sie helfen an Unfallstellen oder nach Suiziden. Im Ehrenamt. So auch Uta Billermann aus Olfen und Agnes Kuse aus Lüdinghausen. Wie man so einen Beruf durchstehen kann, erzählten Sie uns im Gespräch. Hier gibt es Bilder von den Seelsorgerinnen und ihren bestimmten Hilfsmitteln.
23.09.2016
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Uta Billermann (l.) aus Olfen und Agnes Kuse aus Lüdinghausen: Die beiden begeben sich in ihrer Freizeit oft in Situationen größter Trauer. Sie helfen Menschen, die gerade erfahren haben, dass ein Familienmitglied gestorben ist.© Foto: Tobias Weckenbrock
Kuscheltiere, Süßigkeiten, Zigaretten und Gebetssteine haben die Notfallseelsorgerinnen immer in ihrer Tasche, um die Menschen trösten zu können. © Foto: Tobias Weckenbrock
Agnes Kuse aus Lüdinghausen ist seit zehn Jahren als Notfallseelsorgerin im Kreis Coesfeld aktiv - so wie heute etwa 20 Männer und Frauen mit ihr. Sie erklärte im Interview mit unserer Redaktion, was diese Arbeit ausmacht - und wie man selbst Notfallseelsorger werden kann.© Foto: Tobias Weckenbrock
© Foto: Tobias Weckenbrock
Uta Billermann aus Olfen arbeitet seit knapp zwei Jahren ehrenamtlich als Notfallseelsorgerin. Uns hat sie erzählt, was diese Aufgabe für sie so reizvoll macht - und wie sie selbst sich als Überbringerin von Todesnachrichten fühlt.© Foto: Tobias Weckenbrock
Uta Billermann aus Olfen arbeitet seit knapp zwei Jahren ehrenamtlich als Notfallseelsorgerin. Uns hat sie erzählt, was diese Aufgabe für sie so reizvoll macht - und wie sie selbst sich als Überbringerin von Todesnachrichten fühlt.© Foto: Tobias Weckenbrock
Agnes Kuse aus Lüdinghausen ist seit zehn Jahren als Notfallseelsorgerin im Kreis Coesfeld aktiv - so wie heute etwa 20 Männer und Frauen mit ihr. Sie erklärte im Interview mit unserer Redaktion, was diese Arbeit ausmacht - und wie man selbst Notfallseelsorger werden kann.© Foto: Tobias Weckenbrock
Agnes Kuse aus Lüdinghausen ist seit zehn Jahren als Notfallseelsorgerin im Kreis Coesfeld aktiv - so wie heute etwa 20 Männer und Frauen mit ihr. Sie erklärte im Interview mit unserer Redaktion, was diese Arbeit ausmacht - und wie man selbst Notfallseelsorger werden kann.© Foto: Tobias Weckenbrock
Uta Billermann (l.) aus Olfen und Agnes Kuse aus Lüdinghausen: Die beiden begeben sich in ihrer Freizeit oft in Situationen größter Trauer. Sie helfen Menschen, die gerade erfahren haben, dass ein Familienmitglied gestorben ist.© Foto: Tobias Weckenbrock
Uta Billermann (l.) aus Olfen und Agnes Kuse aus Lüdinghausen: Die beiden begeben sich in ihrer Freizeit oft in Situationen größter Trauer. Sie helfen Menschen, die gerade erfahren haben, dass ein Familienmitglied gestorben ist.© Foto: Tobias Weckenbrock
Es gibt ein paar Hilfsmittel in einer Tasche, die immer bereit steht: Mit der Tasche geht es dann im Ernstfall los zu einem Unfall oder in die Wohnung einer Person, deren Angehöriger gerade gestorben ist. Auch für die Arbeit mit Kindern müssen die Notfallseelsorgerinnen ausgestattet sein.© Foto: Tobias Weckenbrock
Uta Billermann (l.) aus Olfen und Agnes Kuse aus Lüdinghausen: Die beiden begeben sich in ihrer Freizeit oft in Situationen größter Trauer. Sie helfen Menschen, die gerade erfahren haben, dass ein Familienmitglied gestorben ist.© Foto: Tobias Weckenbrock
Es gibt ein paar Hilfsmittel in einer Tasche, die immer bereit steht: Mit der Tasche geht es dann im Ernstfall los zu einem Unfall oder in die Wohnung einer Person, deren Angehöriger gerade gestorben ist. Auch für die Arbeit mit Kindern müssen die Notfallseelsorgerinnen ausgestattet sein.© Foto: Tobias Weckenbrock
Uta Billermann (l.) aus Olfen und Agnes Kuse aus Lüdinghausen: Die beiden begeben sich in ihrer Freizeit oft in Situationen größter Trauer. Sie helfen Menschen, die gerade erfahren haben, dass ein Familienmitglied gestorben ist.© Foto: Tobias Weckenbrock
Uta Billermann (l.) aus Olfen und Agnes Kuse aus Lüdinghausen: Die beiden begeben sich in ihrer Freizeit oft in Situationen größter Trauer. Sie helfen Menschen, die gerade erfahren haben, dass ein Familienmitglied gestorben ist.© Foto: Tobias Weckenbrock
Es gibt ein paar Hilfsmittel in einer Tasche, die immer bereit steht: Mit der Tasche geht es dann im Ernstfall los zu einem Unfall oder in die Wohnung einer Person, deren Angehöriger gerade gestorben ist. Auch für die Arbeit mit Kindern müssen die Notfallseelsorgerinnen ausgestattet sein.© Foto: Tobias Weckenbrock
Es gibt ein paar Hilfsmittel in einer Tasche, die immer bereit steht: Mit der Tasche geht es dann im Ernstfall los zu einem Unfall oder in die Wohnung einer Person, deren Angehöriger gerade gestorben ist. Auch für die Arbeit mit Kindern müssen die Notfallseelsorgerinnen ausgestattet sein.© Foto: Tobias Weckenbrock
Es gibt ein paar Hilfsmittel in einer Tasche, die immer bereit steht: Mit der Tasche geht es dann im Ernstfall los zu einem Unfall oder in die Wohnung einer Person, deren Angehöriger gerade gestorben ist. Auch für die Arbeit mit Kindern müssen die Notfallseelsorgerinnen ausgestattet sein.© Foto: Tobias Weckenbrock
Es gibt ein paar Hilfsmittel in einer Tasche, die immer bereit steht: Mit der Tasche geht es dann im Ernstfall los zu einem Unfall oder in die Wohnung einer Person, deren Angehöriger gerade gestorben ist. Auch für die Arbeit mit Kindern müssen die Notfallseelsorgerinnen ausgestattet sein.© Foto: Tobias Weckenbrock
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Sie hatten das Szenario aufgezeigt, dass jemand um sich schlägt. Wird man manchmal angegangen? Fühlen Sie sich unsicher? Muss man Personen festhalten? Billermann: Ich hatte einen Fall, da ist jemand ausgerastet, hat sein komplettes Mobiliar zerschlagen. Dann hat ihn der Polizist festgehalten, ihn wieder losgelassen, als er sich beruhigt hatte - aber dann hat die Person weiter gemacht, bis alles kaputt war. Dann war Ruhe. Ich lasse solche Leute beim nächsten Mal sich austoben, wenn sie sich nicht selbst verletzten, und halte Abstand. Abwarten - das habe ich aus diesem einzelnen Vorfall gelernt. Das muss jeder Notfallseelsorger selbst wissen. 

Sie haben die Ausbildung erwähnt: ein halbes bis ein Jahr, von Kreis zu Kreis verschieden. Wie bereitet man sich denn auf diese Szenarien vor? So richtig kann man das doch gar nicht, oder? Kuse: Das ist richtig. Billermann: Jede Situation ist anders, der Ort, die Menschen, die Szenerie. Aber es gibt Handlungsanweisungen, die wir gelernt haben. In Rollenspielen, durch viele Erzählungen von erfahrenen Notfallseelsorgern. Kuse: Wir haben regelmäßig Teamsitzungen und besprechen unsere Einsätze. Wir haben Fortbildungen und um für uns zu sorgen, haben wir Anspruch auf professionelle Supervision. Das Gespräch unter uns Notfallseelsorgern ist die beste Strategie, die Probleme zu lösen, die man hat. Aber da hat auch jeder seine eigene Strategie entwickelt, was er tut, wenn er aus einem Einsatz kommt. Die reichen von anderthalb über neun, ich habe auch mal einen von 16 Stunden gehabt. 

Was war das mit den 16 Stunden? Kuse: Da war ich auf dem Loveparade-Jahrestag in Duisburg an der Unglücksstelle. Ich habe Traumatisierte betreut. Wir haben sie begleitet durch den Tunnel bis zur Stelle, wo die Jugendlichen ums Leben gekommen sind. Wir haben an dieser Stelle sehr lange Gespräche geführt. 

Oft kommt sicher die Frage nach dem Warum. Wie gehen Sie mit dieser Frage um? Kuse: Die können wir nicht beantworten. Speziell auf Duisburg bezogen, stand sie aber auch nicht im Vordergrund. Es waren die nicht verblassten Bilder, die die Jugendlichen verfolgten. 

Wie der allererste Einsatz der Notfallseelsorgerinnen war, was sie antreibt und wie man selbst Notfallseelsorger wird, lesen Sie auf der nächsten Seite. 

 

Die Hinterbliebenen müssen ja oft auch viel organisieren. Ist das gut zur Verarbeitung?  Kuse: Das kann man so nicht sagen.Billermann: Die Trauer kommt sowieso.Kuse: Bei häuslichen Todesfällen kommt der Bestatter, kümmert sich dann, wir werden aber mit einbezogen in die Zusammenarbeit zwischen Bestatter und Hinterbliebenen. Wir können den Verstorbenen auch aussegnen, dazu sind wir ausgebildet. Wir bleiben häufig noch, wenn der Verstorbene abtransportiert ist, um zu gucken: Wie geht es jetzt weiter?

Sie können doch aber den Tod der ganzen Menschen nicht nicht an sich heranlassen. Den Job als Job wahrnehmen, wie Ärzte, Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungssanitäter. Sie machen das im Ehrenamt. Kann man das so klar trennen? Billermann: Ich erhole mich nach einem Einsatz, indem ich auf der Rückfahrt fürchterlich laut Musik höre.

Ist der Fall dann abgehakt, oder anders: Wie lange nehmen Sie so etwas mit? Kuse: Nein, so schnell ist der Tod, sind die Bilder nicht abgehakt. Wenn ich jetzt durchs Münsterland fahre und sehe Wegkreuze, dann denke ich: Das war da, dies war da.Billermann: Am Anfang fiel es mir schwer, an einigen Stellen in Olfen vorbeizufahren, wo ich selbst geholfen habe. Mit der Zeit geht es aber. 

Muss man lebensfroh sein? Kuse: Man muss mit sich selbst im Gleichgewicht sein...Billermann: ... und darf nicht noch selbst trauern wegen eigener Todesfälle. Oft melden sich Interessenten, die noch nicht mit ihrer eigenen Trauer fertig sind, und versuchen, eigene Trauerarbeit darüber zu leisten. Das geht auf keinen Fall. 

Sind Sie denn dadurch fester in Ihrem eigenen Umgang mit Todesfällen? Billermann: Ich trauere bewusster, weil ich um die Phasen der Trauer weiß. Ich weiß, was ich machen muss und kann. Mir fällt trauern sicher leichter.Kuse: Ich bin zweimal gefragt worden: Kannst du überhaupt trauern? Ja, aber anders. Man geht bewusster mit dem Tod um, hat durch die Erfahrungen und durch das, was man mit- und ertragen musste, so viel mitbekommen, dass man gestärkt aus diesen Situationen herausgeht. 

Ist das der Grund, warum Sie dieses Ehrenamt machen? Oder warum? Billermann: Mir geht es gut in Deutschland, ich habe vier Kinder - ich möchte das weitergeben.Kuse: Ich habe mein Leben lang mit Menschen gearbeitet. Für mich war klar, dass ich daran anknüpfen möchte, wenn meine Laufbahn an der Schule endet. 

Wie ist der Einstieg, der erste Einsatz - wenn also aus Theorie aus den Lehrgängen Praxis wird? Kuse: Ich kam aus dem Urlaub mit meinem Mann zurück, stellte die Koffer in die Diele - da ging das Telefon. Ein Kollege war dran, der sagte: "Ich habe zwar Dienstbereitschaft, aber du bist näher dran." Ich antwortete, ich könne nicht, weil ich gerade erst aus dem Urlaub komme. Er sagte: "Du kannst. Du musst es wollen." Dann habe ich alles stehen und liegen gelassen und bin los. Ich hatte keine Überlegungszeit. Als ich das Blaulicht sah, ratterte es in meinem Kopf: Was muss ich jetzt alles tun? Aber es war, wenn ich die zehn Jahre zurückspule, einer der leichteren Einsätze.Billermann: Die Fahrt löst dabei nach meiner Erfahrung die Nervosität schon auf.Kuse: Ich hatte so kleine Handkärtchen, was ich tun muss bei diversen Fällen. Wenn ich die in der Hand hatte, dann wusste ich Bescheid.Billermann: Ich war vorher in Dortmund mit einem Kollegen unterwegs. Im Kreis Coesfeld war mein erster Einsatz ein Suizid im Pflegeheim, da hatte sich jemand aus dem Fenster gestürzt. Das war tagsüber. Ich hatte in den ersten zehn Bereitschaften das Handy praktisch immer in der Hand, habe mich kaum getraut zu duschen - man ist ja fürchterlich nervös. Aber das ist gar nicht so schwierig: Ich hatte zuletzt etwa 15 Bereitschaften, in denen ich nicht angerufen wurde. 

Bekommen Sie Geld für diese Arbeit? Kuse: Nein, nur Kilometergeld-Pauschalen. Wenn man will… 

Wie wird man Notfallseelsorger? Billermann: Man ruft uns an. Seit zwei Wochen gibt es auch eine Facebook-Seite, wir haben eine Homepage. Wenn man sich meldet, telefonieren wir erst. Dann kommt ein persönliches Gespräch, bei dem die zwei Koordinatoren, eine Pfarrerin und ein Pfarrer, schauen, ob man geeignet ist. Die loten im Gespräch aus, ob das was sein könnte für die Person. Die Ausbildung beginnt dann im November.Kuse: Schirmherr ist der Landrat, die Kirche organisiert das. Aber wir betreuen auch Atheisten und Muslime - alle. Dafür sind wir angetreten.  Billermann: Man lernt das dann in Wochenend-Seminaren mit etwa 20, 30 Personen aus den Kreisen Warendorf, Steinfurt, Borken, Coesfeld und Münster.Kuse: Man fährt dann auch mal 24 Stunden auf dem Rettungswagen mit, 24 Stunden bei der Polizei. Und dann sollte man erst mit "älteren Hasen" mitfahren - aber nur, wenn es genug Leute gibt. Bei uns im Kreis sind wir aber weniger Notfallseelsorger geworden, darum ist das auch schon mal nicht möglich. Wir suchen nun jüngere Leute, die fest im Leben stehen, Lebenserfahrung mitbringen.Billermann: Sie brauchen aber keine Trauererfahrung. Man muss mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. 

Warum sollte man dieses Ehrenamt ergreifen? Kuse: Es bietet die Möglichkeit, für sich selbst wertvolle Erfahrungen zu sammeln, die andere Lebensbereiche so nicht hergeben. Man kann sein eigenes Leben reflektieren: Es geht dir gut und du kannst von deiner positiven Lebenserfahrung etwas an andere weitergeben. Du kannst helfen und kommst nie aus einem Einsatz zurück, ohne das Gefühl zu haben: Deine Zeit war sinnvoll eingesetzt. Dich begleitet auf dem Nachhauseweg große Dankbarkeit.Billermann: Ohne Ehrenamt geht es fast gar nicht mehr. Man sollte für sich gucken: Was kann ich? Bei der Notfallseelsorge, Feuerwehr oder anderen Aufgaben in der Rettungskette muss manchmal viel geschafft werden. Wenn man sich das zutraut, sollte man es auf jeden Fall versuchen. Es gibt einem ganz viel.

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