Vinnum: Viel Lob für den neuen Dorfladen - aber heftige Kritik an der Verkehrsbelastung

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Ein eigener Kindergarten, ein Dorfladen, eine Gaststäte, eine gemeinsame Automaten-Filiale von Volksbank und Sparkasse: Was braucht der Mensch mehr, um in seiner Ortschaft zufrieden zu sein?

Vinnum, Olfen

, 05.04.2019, 04:19 Uhr / Lesedauer: 4 min

Stolze 8 Punkte geben die Vinnumer durchschnittlich ihrer Ortschaft bei der Bewertung der Lebensqualität in unserer nicht repräsentativen Umfrage. Dr. Carsten Brass (46) gehört zu den Menschen, die das zu schätzen wissen. Der verheiratete Familienvater (zwei Kinder) ist in Vinnum aufgewachsen, hat später auch in großen Städten wie Bochum und Aachen gelebt. Vor 6,5 Jahren ist er zurückgekommen. „Ich lebe gerne auf dem Land“, sagt Brass. Dass Vinnum auf ebenfalls 8 Punkte beim Thema Nahversorgung kommt, ist auch mit sein Verdienst. Carsten Brass gehört zu den Menschen, die sich beim Dorfladenkonzept eingebracht haben. Das Grundkonzept „Vollversorger“ hatte ihn von Anfang an überzeugt. Deshalb hat er sich wie viele andere im Ort mit eingebracht. Für Carsten Brass ist der Dorfladen zugleich ein Stück „Aufwachen aus dem Dornröschenschlaf. Es geht voran.“

Vinnum: Viel Lob für den neuen Dorfladen - aber heftige Kritik an der Verkehrsbelastung

In keinem guten Zustand befindet sich der Spielplatz an der katholischen Kirche. Die Stadt hat die Sanierung gerade erst verschoben. © Thomas Aschwer

„Wenn die Bürger von Vinnum eine wohnungsnahe Versorgung wünschen, dann müssen sie da auch einkaufen - und dabei kann es nicht nur die vielleicht vergessene Tüte Milch sein“, sagt Ralf Weidmann, Abteilungsleiter für Handel, Dienstleistungen und Stadtentwicklung bei der IHK. Er sieht für kleine Orte wie Vinnum „keine großen Entwicklungsspielräume nach oben. Momentan steht jede Bank- und Postfiliale, jede Tankstelle auf dem Prüfstand der Betreiber - und zwar in deutlich größeren Orten als Vinnum mit seinen rund 1000 Einwohnern. Als Industrie- und Handelskammer betrachten wir die Wirtschaftsfaktoren (Rahmenbedigungen) der jeweiligen Standorte. Kleine Orte besitzen oft einfach nicht genug Kaufkraft, um für einen Vollsortimenter oder für einen Discounter attraktiv zu sein. Um einen attraktiven Wirtschaftsstandort zu gestalten, ist es wichtig, dass genügend Gewerbeflächen vorgehalten werden. Das muss auch in kleinen Orten möglich sein, da sonst die Entwicklung der Wirtschaft und die Sicherung von Arbeitsplätzen bedroht wird .“

Bei der recht überschaubaren Zahl der Rückmeldungen fallen die wenigen sehr geringen konkreten Anmerkungen im Vergleich zu anderen Ortschaften der Region auf. Vielleicht spricht aber auch ein Teilnehmer der Umfrage für das Meinungsbild vor Ort: „Wir leben auf hohem Niveau und was zu meckern gibt es immer.“ Er rät auch dazu, „nicht auf andere zu warten, sondern selber mutig zu sein und Akzente zu setzen.“ Thomas Lohmann, einer der Haupt-Initiatoren des Dorfladens, hat festgestellt, dass die Kunden mehrfach in der Woche kommen, um stets frische Waren zu Hause zu haben. „Wir haben beim Umsatz die Planzahlen erreicht“, sagte rund 100 Tage nach der Eröffnung Geschäftsführer Lars Hittscher. Bei der recht überschaubaren Zahl der Rückmeldungen fallen die wenigen sehr geringen konkreten Anmerkungen im Vergleich zu anderen Ortschaften der Region auf. Vielleicht spricht aber auch ein Teilnehmer der Umfrage für das Meinungsbild vor Ort: „Wir leben auf hohem Niveau und was zu meckern gibt es immer.“

Das wurde positiv bewertet:

Grünflächen: Dass Vinnum hier die Höchstpunktzahl 10 bekommen hat, überrascht nicht wirklich. Eine wichtiger Faktor bei der Bewertung war sicherlich die Nähe zum Dortmund-Ems-Kanal. Es gibt wunderbare Wege für Fußgänger und Radfahrer, um direkt bis ans Wasser zu kommen.

Radfahren: Die durchschnittlich 9 Punkte hängen ganz eng mit den vielen Grünflächen zusammen. Aber nicht nur das. Von Vinnum kommt man sicher und bequem nach Olfen. Und eine weitere Verbesserung ist in Sicht. Wenn die Brücke über die Lippe in einigen Jahren erneuert wird, soll sich auch die Situation für die Radfahrer an der Waltroper Straße verbessern.

Vinnum: Viel Lob für den neuen Dorfladen - aber heftige Kritik an der Verkehrsbelastung

Die Stadt investiert in die Infrastruktur. Bald kann die Feuerwehr in das neue Gerätehaus umziehen. © Thomas Aschwer

Sauberkeit: Auch bei diesem Punkt haben die Vinnumer 9 von 10 Punkte vergeben. Kein Wunder. Vinnum macht einen gepflegten Eindruck. „Gammelecken“ wie vor allem in sehr großen Städten an der Tagesordnung gibt es hier nicht.

Das wurde negativ bewertet:

Verkehrsanbindung: 2,5 von 10 möglichen Punkten können nicht lügen. Und sie machen deutlich, wo die Bürger den größten Handlungsbedarf sehen. Wenn es nicht die Bürgerbus geben würde, hätte die Vinnumer fast gar keine Chance, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in andere Orte zu kommen. „Das Angebot ist überschaubar“, sagt dazu Carsten Brass. Aus seiner Sicht wäre es eine „tolle Sache, wenn Vinnum in die Schnellbuslinie Datteln, Olfen, Lüdinghausen, Münster eingebunden wurde. Brass erinnert sich, dass das Thema Verkehrsanbindung schon zu seiner Jugendzeit ein großes Thema war. „Ich bin deshalb viel Rad gefahren.“

Familienfreundlichkeit: Vinnum teilt das Schicksal vieler kleinerer Orte. Gerade einmal fünf von 10 Punkten erreicht der kleine Ort mit seinen knapp 1000 Einwohnern beim Aspekt Familienfreundlichkeit und wird damit deutlicher schlechter bewertet als Olfen (8 Punkte). Was Vinnumer Familien ganz konkret vermissen, bringt eine Teilnehmerin unseres Stadtteilchecks mit folgender Aussage auf den Punkt: „Vinnum benötigt bei den vielen jungen Familien dringend einen tollen Spielplatz! Der aktuelle Platz an der Kirche ist gut, aber er ist wenig einladend und nicht schön gestaltet.“ Dabei gebe es in Olfen so gute Ideen und Ansätze, so die Frau. Recht hat sie, meint auch die Stadtverwaltung, die eigentlich in diesem Jahr den Spielplatz umbauen und aufwerten wollte. Weil sie jedoch ein Gesamtpaket für Vinnum schnüren will, hat die Politik die Maßnahme erst einmal auf das Jahr 2020 verschoben.

Verkehrsbelastung: So schlecht die Verkehrsanbindung, so groß die Verkehrsbelastung gerade auf der Hauptstraße. Dazu schreibt ein männlicher Teilnehmer des Stadtteilchecks: „Die Verkehrsbelastung entlang der Hauptstraße hat in den vergangenen 10 bis 15 Jahren signifikant zugenommen.

Vinnum: Viel Lob für den neuen Dorfladen - aber heftige Kritik an der Verkehrsbelastung

© Grafik Hasken

So positiv die Momentaufnahme aus Sicht der Bürger auch scheint, die Zukunft Vinnums scheint eher weniger rosig zu sein. Die Verfasser des Dorfinnenentwicklungskonzeptes erwarten beispielsweise einen Bevölkerungsrückgang von bis zu 11,5 Prozent bis zum Jahr 2040. Das würde bedeuten, dass gerade noch 868 Menschen in Vinnum leben. Die Zahlen werfen die Frage auf, auf welche Infrastruktur die Vinnumer dann zurückgreifen können, denn in den vergangenen Jahren haben sie einige Veränderungen und Abstriche hinnehmen müssen. Seit Ende 2006 sind die katholischen Kirchengemeinden St. Marien Vinnum und St. Vitus Olfen fusioniert, seit Juli 2017 betreiben Sparkasse und Volksbank nur noch einen gemeinsamen SB-Standort an der Hauptstraße. Bereits heute haben es nicht nur Kinder und Jugendliche teilweise schwer, von Vinnum nach Olfen oder zurück zu kommen. Insbesondere abends und am Wochenende, denn der Olfener Bürgerbus fährt nur montags bis freitags von 8 bis 18:00 Uhr. Und wer nicht motorisiert ist, muss viel Zeit mitbringen, um von Vinnum aus in andere Orte zu kommen.

Aber die Stadt investiert in die Zukunft Vinnums. Kurz vor der Fertigstellung steht das neue Feuerwehrgerätehaus, in dem künftig beide Fahrzeuge Platz finden und das auch Raum für getrennte sanitäre Anlagen bietet. Zusätzlich unterstützt die Stadt die Vinnumer Vereine in der Form, dass sie künftig das alte Gerätehaus für ihr Material nutzen können. Eine besondere Attraktivität wird Vinnum auf jeden Fall auf Jahrzehnte behalten – die herrliche Natur mit vielen schönen Plätzen gerade auch am Dortmund-Ems-Kanal.

Zur Historie Vinnums

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Schloss Sandfort ziert diese Postkarte - vermutlich aus dem Jahr 1950. © Privat

  • Der kleine Ort (knapp 1000 Einwohner) gehört von jeher zum sogenannten „Kirchspiel Olfen“. Am 1. Januar 1975 wurde im Zuge der Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen die Gemeinde Kirchspiel Olfen in die Stadt eingemeindet.
  • Die Olfener Gemarkung war bereits in vor- und frühgeschichtlicher Zeit Siedlungsraum: 2008 wurden bei Bauarbeiten zur Errichtung eines Naturbads ein Gräberfeld der Bronze- und Eisenzeit entdeckt.
  • Das bekannteste Gebäude Vinnums ist das Schloss Sandfort, die Geschichte reicht bis in das späte 13. Jahrhundert zurück. Das Haus ist seitdem durch Erbschaft oder Heirat im Besitz ein und derselben Familie geblieben.
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