90 Kilo abgenommen: Wie ein Koma für Michael Kleerbaum zum Weckruf wurde

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225 Kilo wog Michael Kleerbaum, als er im Januar 2017 ins Koma fiel. Seitdem hat er 90 Kilo abgenommen. „Das Koma war eine der guten Sachen in meinem Leben, sonst wäre ich mittlerweile tot.“

Raesfeld

, 13.09.2019, 12:05 Uhr / Lesedauer: 5 min

Schwimmen, Radfahren, Tischtennisspielen im Verein Eintracht Erle - in seiner Jugend war Michael Kleerbaum (45) so aktiv wie seine Mitschüler. Nach der Schule wurde Kleerbaum Bauzeichner. „Meine Interessen haben sich dann zu Adipositas-freundlichen Dingen verändert. Lesen, Filmegucken. Ich bin ein ganz großer Computer-Freak“, sagt Kleerbaum, der auch die Seite Dorf Erle betreibt. „Wenn man dann nicht aufpasst, wird es immer mehr.“

Der Erler sei „ein Belohnungs- und ein Stress-Esser“, sagt Kleerbaum. „Eine sehr perfide Kombination.“ Abends, nach viel Stress im Büro, sei er zu McDonald‘s gefahren, „vor dem Abendessen“. Dann zum Abendessen nach Hause. „Dann habe ich am Computer gebastelt, etwa eine Grafikkarte eingebaut. Wenn das geklappt hat, bin ich zur Pizzeria gefahren. Da ist es dann aber nicht bei einer Pizza geblieben.“

Cola, Orangensaft und Energy-Drinks

Noch schlimmer seien aber die zuckerhaltigen Getränke gewesen. Drei bis vier Liter Cola, zwei bis drei Liter Orangensaft, dazu Energy-Drinks: pro Tag! Bei Adipositas-Kranken sei es so: „Es macht im Kopf halt nicht klick. Du weißt ganz genau vom Kopf her: Mach es nicht! Aber du machst es trotzdem. Selbst wenn du satt bist, isst du weiter.“

Er sei irgendwann nicht mehr draußen rumgelaufen. Und wenn, dann mit gesenktem Blick. Er habe die Anfeindungen mitbekommen. „Hasse den gesehen? Mein Gott, ist der fett!“ Bewusst seien solche Sätze so laut ausgesprochen worden, dass man es mitbekomme.

Er habe sich geschämt, sagt Kleerbaum, sodass er nicht mehr ins Schwimmbad gegangen sei, nicht mehr ins Sportstudio. „Die meisten Geräte da sind nur bis 150 Kilo ausgelegt.“ Dabei hatte Kleerbaum mehrere Diäten gemacht. „Sie hecheln jedem Strohhalm hinterher. Aber man nimmt zwei Kilo ab und fünf wieder zu.“ Jojo-Effekt! Die Folge des Frusts: „Man akzeptiert es irgendwann.“

Auto wurde zu eng

Ende 2016 konnte Kleerbaum keine zehn Meter mehr am Stück laufen. Von seiner Wohnung ins Auto, vom Auto ins Büro und am Ende des Tags umgekehrt. Mit komplett nach zurückgestelltem Autositz passte Kleerbaum kaum noch hinters Lenkrad. „Ich musste mit einem Edding die Knöpfe bedienen. Ich habe mir auch die Kupplung vom Wagen ruiniert, weil ich die nicht mehr durchtreten konnte.“

„Ich hatte permanent Rückenschmerzen.“ Durch einen Supermarkt zu laufen? Völlig unmöglich: „Mein Rücken hätte mich umgebracht.“ Kleerbaum trug zu diesem Zeitpunkt T-Shirt-Größe 15XL. Anders geschrieben: XXXXXXXXXXXXXXXL!

Lunge konnte sich nicht mehr ausdehnen

Im Oberkörper war zu diesem Zeitpunkt so viel Fett, dass die Lunge sich nicht mehr ausdehnen konnte. „Der Blutsauerstoffgehalt wurde weniger und weniger“, sagt Kleerbaum. Nachts konnte Kleerbaum nicht mehr liegen und musste sich im Bett aufsetzen, um Luft zu bekommen. Völlige Übermüdung kam also hinzu.

31. Januar 2017: Kleerbaum wollte sich selbst ins Krankenhaus, ein Adipositas-Exzellenzzentrum in Recklinghausen, einweisen lassen. Doch er fiel aus dem Bett, konnte nicht mehr alleine aufstehen. Mit einem normalen Rettungswagen konnte Kleerbaum nicht ins Krankenhaus gebracht werden, nur mit einem Schwerlast-RTW.

„Dann ging es um die Frage: Wie kriegen wir den aus dem Obergeschoss raus? Man hat die Erler Feuerwehr angerufen. Die haben mich mit einer Rettungstrage mit einem ganzen Trupp runtergetragen - das ganze Dorf hat’s mitgekriegt.“

Koma auf dem Weg ins Krankenhaus

Was ging da in ihm vor? „Das war mir ziemlich egal, ich war schon so benebelt, dass ich das fast gar nicht mitbekommen habe.“ Dankbar ist Kleerbaum noch heute dem Rettungssanitäter im RTW. „Er hat darauf bestanden, dass er einen Notarzt bei der Fahrt dabei hat, weil er nicht mehr garantieren konnte, dass ich lebend ankomme. Das war mein Glück: Denn die Ankunft in Recklinghausen habe ich schon nicht mehr mitbekommen.“

Kleerbaum war ins Koma gefallen und wachte erst drei Tage später auf. Als er aufwachte, blickte er in das lächelnde Gesicht seines Bruders: „Na, bist du wieder da?“ Ein Arzt habe ihm gesagt: „Herr Kleerbaum, wenn Sie so weitermachen, sind Sie in vier Monaten tot.“

Drei Wochen lag Kleerbaum auf der Intensivstation, wurde künstlich beatmet. Drei Wochen Krankenhaus-Aufenthalt in Marl schlossen sich an. Danach konnte Michael Kleerbaum gar nicht mehr laufen.

„Was machst du hier eigentlich mit deinem Leben?“

„Ich habe nachts an die Decke geguckt und gegrübelt. Was machst du hier eigentlich mit deinem Leben? Was machst du mit deinen 43 Jahren, wenn du nicht mehr laufen kannst?“ Das sei das allererste Mal gewesen, als es „klick“ gemacht habe. Ein Physiotherapeuten-Team bracht ihn später in der Reha wieder auf die Beine.

90 Kilo abgenommen: Wie ein Koma für Michael Kleerbaum zum Weckruf wurde

Kaum Bilder von sich besitzt Michael Kleerbaum aus den Jahren, in denen er noch 225 Kilo wog. Diese beiden zeigen den Unterschied von zwei Jahren. © privat

Eine Magenverkleinerung habe er abgelehnt. „Das wäre Plan B. Warum soll ich mir ein gesundes Organ zerschneiden lassen?“ Seine großen Wassereinlagerungen wurden im Krankenhaus reduziert. Das Krankenhausessen habe er nicht gemocht. „In Marl habe ich mich drei Wochen nur von einem Brötchen und einer Wurst am Tag ernährt.“ Ab einem gewissen Punkt sei die Zuckersucht weg gewesen. Kleerbaum ist aber klar: „Wenn ich jetzt wieder ein Stück Schokolade essen würde, wäre sie sofort wieder da.“ Davor habe er Angst, gibt Kleerbaum zu.

Ziel: 100 Kilo

Im April 2017 wog Kleerbaum noch 157 Kilo, mittlerweile sind es 135 Kilo. Kleerbaums Ziel: 100 Kilo zu erreichen und zu halten.“ Am 12. Dezember wird Kleerbaum operiert. Haut und Fettschürze werden entfernt. Die Krankenkasse bezahle nur die Bauch-OP, nicht die Entfernung der Haut an den Oberschenkeln.

Vor allem seine Adipositas-Selbsthilfegruppe in Borken und die Adipositas Reha-Sportgruppe Rhede („eine tolle Truppe“) hätten ihm geholfen, sagt Kleerbaum, der anderen Betroffenen Mut machen will. Dort informieren regelmäßig Experten über die Krankheit, so habe er auch seine Ernährungsmedizinerin Laura Dahlhaus kennengelernt, sagt Kleerbaum. Mit ihr arbeitete Kleerbaum seinen Fünfjahresplan aus, um das 100-Kilo-Ziel zu erreichen. Mittags ist Kleerbaum jetzt Salat, abends ab 18 Uhr gar nichts mehr.

„Ich könnte den McDonald’s jetzt nicht mehr leerfuttern“

Er sei froh gewesen, als er wieder arbeiten konnte. Bestand da nicht die Gefahr, wieder in den alten Trott zurückzufallen? Er nehme nur noch wenig Geld mit, sagt Kleerbaum. „Jetzt habe ich 5 Euro bei. Ich könnte den McDonald‘s jetzt nicht leerfuttern.“ Außerdem hat Kleerbaum alle alten Kleidungsstücke weggeworfen. „Ich habe mir damit den komfortablen Rückzug kaputt gemacht.“

90 Kilo abgenommen: Wie ein Koma für Michael Kleerbaum zum Weckruf wurde

Die Karte zeigt die Etappen, die Michael Kleerbaum am Kanal gelaufen ist. © Klerrbaum

Seine neue Mobilität genießt Kleerbaum: „Nach 10, 15 Jahren konnte ich wieder in die Badewanne und alleine wieder raus.“ Er geht spazieren und wandern. Ein Besuch am Wesel-Datteln-Kanal brachte ihn auf die Idee, in 23 Etappen den Kanal hoch- und runter zu laufen. Mit Umwegen waren das insgesamt 175 Kilometer. Die Natur, die Einsamkeit, die Technik (Schiffe und Schleusen) hätten ihn angesprochen. Am Ende versenkte Kleerbaum in Datteln eine Zeitkapsel im Kanal, mit 2750 Fotos auf einem Speichermedium und seiner Geschichte auf zwei Seiten darin.

90 Kilo abgenommen: Wie ein Koma für Michael Kleerbaum zum Weckruf wurde

Über 2000 Bilder hat Michael Kleerbaum bei seinen Wanderungen am Kanal geschossen. © Michael Kleerbaum

„Selbsthilfegruppe suchen - das war bei mir der Schlüssel“

Was rät Kleerbaum Adipositas-Betroffenen? „Als erstes eine Selbsthilfegruppe suchen. Das war bei mir der Schlüssel!“ Die Informationen, die man dort bekomme, seien „Gold wert“. Und man erweitere seinen Bekanntenkreis. „Das ist ein enormer Anschub, an sich zu arbeiten.“

Und was können Angehörige und Bekannte tun? „Das ist schwierig!“, sagt Kleerbaum: „Ich habe immer 5000 Flyer im Kofferraum. Wenn ich Adipöse sehe, verteile ich Flyer von meiner Selbsthilfegruppe und vom Sport. Und sage: Komm vorbei, trau dich! Es ist unverbindlich, nicht kommerziell, es kostet nichts.“

Hilfe wird reflexartig abgelehnt

Was ist, wenn die Betroffenen die Hilfe ablehnen. Kleerbaum sagt: „Dran bleiben!“ Die Hilfe werde reflexartig abgelehnt. Die meisten wüssten nicht, dass sie chronisch krank sind. „Der meistgedachte Satz ist bei Adipositas-Kranken: Morgen höre ich auf. Aber sie wissen ganz genau, sie schaffen das nicht.“ Man müsse die Betroffenen „bearbeiten“, sagt Kleerbaum, das sei der einzige Weg.

Hier gibt es Hilfe für Adipositas-Erkrankte:
Adipositas-Selbsthilfegruppe Borken: kontakt@shg-adipositas-borken.de adipositas-shg-borken@web.de www.shg-adipositas-borken.de Adipositas Reha-Sport Rhede: Infos und Anmeldung Tel. (02872) 9485936 kurse@tv-rhede.de

Hätte er sich so jemanden gewünscht? „Ich hatte ein paar, die das gemacht haben. Die Krux ist, das ist einem egal, man meidet die Leute irgendwann. Und das ist das Problem. Man ist in einem schwarzen Loch und glaubt, nicht mehr rauszukommen.“ Und was, wenn die Betroffenen sich immer weiter zurückziehen? „Dann muss man hinterherlaufen. Es gibt Auswege!“

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