Martin Tesing: „Ich rechne mit einer ganz schwierigen Zeit“

rnKommunalwahl 2020

Vom ersten Tag könne er als Bürgermeister loslegen, verspricht Martin Tesing. Kein Wunder, da er schon als Erster Beigeordneter im Rathaus arbeitet. „Everbody‘s Darling“ sei er aber nicht.

Raesfeld

, 20.08.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der 57-Jährige, der für die CDU antritt, wohnt in Borken-Weseke, ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Seit fast elf Jahren arbeitet er in der Raesfelder Verwaltung, ist dort Erster Beigeordneter und Kämmerer.

Hätte ich Ihnen vor einem Jahr gesagt, wir würden uns heute hier an der Erler Femeiche über ihre Bürgermeisterkandidatur unterhalten, hätten Sie gesagt ...

Das glauben nur Sie!

Video
Drei Fragen an Bürgermeisterkandidat Martin Tesing

Warum haben Sie Ihren Hut in den Ring geworfen?

Weil wir eine ganze Menge Projekte, etwa die Dorfentwicklung, angefangen haben. Ich bin der Meinung, dass wir die vernünftig durchziehen müssen. Durch den angekündigten Weggang von Andreas Grotendorst ist ein Vakuum entstanden. Ich sehe mich in der Pflicht und ich will auch die vielen schönen Ideen umsetzen. Das ist mir wichtig.

Von politischen Gegnern wird angeführt, Sie seien ja kein Raesfelder. Trifft Sie so etwas - nach mehr als zehn Jahren Arbeit für die Gemeinde?

Nein. Ich bin knapp elf Jahre hier, habe alle wesentlichen Entwicklungen miterlebt, viele Leute kennengelernt. Ich kenne die wesentlichen „Player“ im Ort, weiß, wie die Leute hier ticken. Es ist für mich auch wichtig, dass man als Bürgermeister neutral ist. Diese Neutralität kann man sich bewahren, wenn man nicht mit jedem verwandt, verschwägert oder verbandelt ist. Und nicht „Everybody‘s Darling“ ist. Ich werde nach Raesfeld ziehen, wenn ich gewählt werde - und Sie werden mich auch am Wochenende in Raesfeld sehen.

Martin Tesing (l.) übernahm Anfang 2010 als Erster Beigeordneter den alten Job von Bürgermeister Andreas Grotendorst. 2020 könnte sich diese Geschichte wiederholen.

Martin Tesing (l.) übernahm Anfang 2010 als Erster Beigeordneter den alten Job von Bürgermeister Andreas Grotendorst. 2020 könnte sich diese Geschichte wiederholen. © Berthold Fehmer (A)

Mit Verwaltungsmitarbeitern im Bürgermeisteramt (Rößing, Grotendorst) hat Raesfeld viel Erfahrung. Was unterscheidet Sie von den beiden?

Man kann uns drei nicht wirklich vergleichen. Andreas Grotendorst ist jemand, der hier aufgewachsen ist und jeden kennt - ich habe mehr die Außenansicht. Wir sind völlig verschiedene Typen. Ich bin eher ein ruhigerer Typ, ziemlich sachlich, weniger emotional.

Als Kämmerer haben Sie immer auf Haushaltsdisziplin geachtet. Corona bringt jetzt viele Unsicherheiten ins System. Wie sollte die Gemeinde damit umgehen?

Das ist ein Problem, dass massiv auf uns zukommt. Die ersten Zahlen zeigen das - und es wird derzeit noch verdrängt. Ich bin der Meinung, dass man sehr vorsichtig damit umgehen soll - ich rechne aktuell auch mit einer zweiten Welle. Ich sehe finanziell schwierige Zeiten auf uns zukommen. Bei Gewerbesteuer und Einkommenssteuer fehlen uns jetzt schon 1,4 Millionen Euro. Bund, Land, Kreis und Gemeinde hängen zusammen - die vielen Förderprogramme, die jetzt rausgehauen werden, führen dazu, dass die Verbundmasse kleiner wird. Ich rechne mit einer ganz schwierigen Zeit.

Jetzt lesen

Durch das Dorfentwicklungskonzept kommen hohe Ausgaben auf Raesfeld zu. Keine Angst, dass die Gemeinde sich verhebt?

Da nicht unbedingt, weil mindestens die Hälfte von Bund und Land mitgetragen werden. Wir sind bei jeder Einzelmaßnahme gefragt - man kann immer noch die Notbremse ziehen. Wenn es sich nicht finanzieren lässt, muss man das auch tun. Für die nächsten zwei Jahre haben wir die Mittel-Zusagen, in Raesfeld etwa für Epping, Karpfenteich, Schulplatz. Die ersten Schritte können wir auf jeden Fall machen.

Wie viel Klimaschutz kann und muss sich die Gemeinde leisten?

Wir müssen Klimaschutz machen! Dieses Jahr sollen drei Photovoltaikanlagen installiert werden, weitere sollen folgen. Seminare, die wir anbieten zu Photovoltaik auf Dächern, sind stark nachgefragt. Wir wollen bei Kompensationsmaßnahmen die Landwirtschaft mehr mitnehmen. Das Thema Verkehr müssen wir im Blick halten - legen wir mehr Priorität auf das Rad? Letztlich steht alles unter dem Thema Klimaschutz. Klimaschutz heißt für mich in erster Linie Konsumverzicht. Die durch Corona gesunkene Zahl von Flugzeugbewegungen hat ja schon positive Auswirkungen gehabt. Auf diesem Niveau müssten wir weiter gehen. Aber da hängen Industrie und Arbeitsplätze dran.

Was die Bautätigkeit (Wohnen und Gewerbe) in Raesfeld betrifft, schauen andere Gemeinden wie Schermbeck neidisch herüber. Wie viel Erweiterung verträgt das Dorf?

Die Flächen, die die Regionalplanung zur Verfügung stellt, haben wir jetzt ausgeschöpft. Wir wachsen und wir könnten in zwei, drei Jahren um 1000 Leute wachsen. Dann müsste aber auch die Infrastruktur mitwachsen: Schulen, Kindergärten, Kläranlage usw.. Raesfeld verträgt ein moderates Wachstum - wenn wir im Jahr 100 Leute dazu bekommen, ist das schon eine ganze Menge.

Raesfeld sollte laut Prognose eigentlich schrumpfen - tut es aber nicht. Doch die Bürger werden im Schnitt immer älter. Wie muss sich die Gemeinde darauf einstellen?

Diese Zahlen haben wir im Blick. Wir stehen in Verbindung mit Investoren, haben auch die Flächen und wollen bedarfsgerecht eine Erweiterung vornehmen. Für weitere Altenpflegeeinrichtungen sind wir gerüstet. Der höchste Bedarf ist im Moment an Tagespflegeplätzen. Da steht die Umsetzung vor der Tür.

Was wollen Sie für junge Familien tun?

Da ist das große Thema Kindergärten. Wir haben gerade die letzten Bedarfszahlen beim Kreis angemeldet. Es wird wohl so sein, dass wir einen Kindergarten oder mehrere Gruppen benötigen. Wie viel genau, wissen wir noch nicht. Auch da haben wir aber Flächen, um zeitnah etwas machen zu können. Es gibt auch immer mehr Nachfragen nach Samstags- oder Sonntags-Betreuung. Da stehen wir aber noch am Anfang. Die Spielplätze müssen wir bedarfsgerecht anpassen - etwa beim geplanten Erler Baugebiet. Wir müssen immer wieder nachjustieren.

Lesen Sie jetzt