Zum „Immateriellen Kulturerbe" ist die Friedhofskultur in Deutschland ausgezeichnet worden. © Berthold Fehmer
Friedhof

Der Friedhof als „eindrucksvoller Spiegel unserer Gesellschaft“

Immaterielles Kulturerbe: Hinter diesem neuen Schild im Eingangsbereich des Friedhofs verbirgt sich eine Philosophie: „Friedhofskultur ist ein eindrucksvoller Spiegel unserer Gesellschaft.“

Pfarrsekretärin Beate Sonntag von der St.-Martin-Gemeinde verfolgt wie Heinz Nienhaus vom Kirchenvorstand und Bestatter Ralf Kock seit Jahren, wie sich die Friedhofskultur in Raesfeld wandelt. Immer mehr Urnengräber, immer weniger Sargbestattungen. Etwa 35 Prozent Urnen- und 65 Prozent Sargbestattungen gebe es derzeit, schätzt Kock. In größeren Städten sei der Trend gestoppt, so Nienhaus, in Raesfeld aber noch unverändert.

Wie ein Seismograph mache Friedhofskultur gesellschaftliche Veränderungen sichtbar, sagte Sonntag. Die Abkehr von klassischen Partner- und Familienstrukturen bilde sich in den neu entstehenden Gemeinschaftsgrabanlagen ab, die Mobilitätsanforderung der Wirtschaft in der Nachfrage nach pflegefreien Grabformen und die Sehnsucht nach einem Leben im Einklang mit der Natur im Wunsch nach naturnahen Bestattungen, etwa unter Bäumen.

Kulturerbe

Rechtzeitig vor dem Tag des Friedhofs am 20. September wurde am Raesfelder Friedhof am Freitag ein Schild angebracht, das auf die Ernennung der deutschen Friedhofskultur zum „immateriellen Kulturerbe“ hinweist. Im mehr als 100 Städten in Deutschland geschah dies zeitgleich.

Friedhöfe seien „nicht nur ein Ort der Toten, sondern vor allem auch ein Ort der Lebenden“, sagte Sonntag. Nicht nur Trauer und Erinnerung, sondern auch Grabgestaltung und -Pflege sowie Auszeiten vom Alltag biete der Friedhof Raum. Friedhöfe seien Parkanlagen, „in denen sich so viele Denkmäler und Skulpturen finden wie sonst nirgends“. Zudem seien sie Begegnungsstätten, ein „lebendiges Geschichtsbuch“ und eine „Mahnung zum Frieden“.

Kurze Wege für Senioren

Hans-Dieter Strothmann, stellvertretender Bürgermeister, verdeutlichte, wie wichtig der Friedhof mitten im Raesfelder Ortskern für viele Senioren sei, um Gleichgesinnte im Gespräch zu treffen. Kurze Wege sind auch ein Argument für Heinz Nienhaus vom Kirchenvorstand der St.-Martin-Gemeinde, keine Pläne in Richtung Bestattungsformen im Wald zu schmieden.

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Im „Ruhegarten“ werden die Gräber zum Teil von der Kirchengemeinde gepflegt. © Berthold Fehmer © Berthold Fehmer

Die Sorge vor einem ungepflegten Grab führt viele Raesfelder aber zum Wunsch einer Bestattung im sogenannten „Ruhegarten“, ein Bereich des Friedhofs, in dem Urnengräber zum Teil von der Kirchengemeinde gepflegt werden. Interessenten dafür wollten ihren Kindern nicht zur Last fallen, sagte Nienhaus. Derzeit wird eine Erweiterung des Ruhegartens vorbereitet.

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Eine Erweiterung des „Ruhegartens“ wird derzeit vorbereitet. © Berthold Fehmer © Berthold Fehmer

Man sei auch dabei, die Friedhöfe in Raesfeld, Erle und Rhedebrügge digital zu erfassen, so Nienhaus. „Es wird ein Kataster erstellt.“ Damit werden die drei Friedhöfe, die gebührenfinanziert jeweils mit einem eigenen Haushalt von der Kirchengemeinde betrieben werden, in einer neuen Kostenkalkulation überprüft. „Es könnte sein, dass vielleicht die Kosten steigen“, so Nienhaus vorsichtig.

Über den Autor
Redaktion Dorsten
Berthold Fehmer (Jahrgang 1974) stammt aus Kirchhellen (damals noch ohne Bottrop) und wohnt in Dorsten. Seit 2009 ist der dreifache Familienvater Redakteur in der Lokalredaktion Dorsten und dort vor allem mit Themen beschäftigt, die Schermbeck, Raesfeld und Erle bewegen.
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Berthold Fehmer

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