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Der gute alte Weizenkorn wird zum hippen Modegetränk

rnCrafted Korn

Handwerklich hochwertiger Korn könnte das nächste große Ding nach Gin werden. Wie viel Handarbeit im Weizenschnaps steckt, lässt sich in Raesfeld beobachten.

Erle

, 11.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Nach Whiskey und Gin ist nun also der Korn dran. Diese urdeutsche Spirituose, deren Geschichte bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht, ist auf dem besten Weg, das nächste große Ding in der Craft-Szene zu werden. Cool war Korn eigentlich nie. Ihn gibt’s zum Herrengedeck in der Eckkneipe, auf Schützenfesten oder mit Ahoi-Brause gemischt (Kobra). Jetzt feiert der verrufene Weizenschnaps ein Comeback - und für ein handwerklich hergestelltes, hochwertiges Destillat geben Genießer gerne auch etwas mehr aus.

Wie viel Handarbeit im Korn steckt, lässt sich in der Brennerei Böckenhoff in Raesfeld-Erle beobachten. Brennmeister Dirk Böckenhoff setzt bei der Produktion ausschließlich auf Produkte aus der Region. Den Weizen baut er selbst an, den Roggen bezieht er aus der Nachbarschaft.

Für die Herstellung gelten strenge Regeln, vergleichbar mit dem Reinheitsgebot beim Bier. Es dürfen nur Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Buchweizen verwendet werden. Gewonnen wird Korn aus vergorener Maische, die durch das Erhitzen von Wasser und gemahlenem Getreide entsteht. Nachdem die Maische abgekühlt ist, wird sie mit Hefe versetzt. In großen Bottichen vergärt die Maische und die Hefe wandelt Zucker in Alkohol. Danach wird der Alkoholdampf von der Maische getrennt.

Ist der Alkohol wieder in einen flüssigen Zustand überführt, wird er durch eine Feinbrandblase gepumpt, in der er zu sieden beginnt. Unter Zugabe von Wasser wird der Rohalkohol auf Trinkstärke verdünnt. 32 Volumenprozent Alkohol muss Korn beim Abfüllen haben, beim Doppelkorn sind es 38. Über Geschmack und Qualität entscheiden Nase und Gaumen des Brennmeisters.

Diese Eigenschaften zeichnen einen guten Korn aus

Ein guter Korn, sagt Edelbrand-Sommelier Böckenhoff, sollte die typischen Geschmackseigenschaften mitbringen: „Vollmundigkeit, Getreide- und Malz-Aroma und leicht süßliche Noten.“ Der Abgang sollte möglichst mild sein, „ohne scharfe Nuancen am Gaumen und auf dem Weg in den Magen“.

Der gute alte Weizenkorn wird zum hippen Modegetränk

Guter Korn hat Getreide- und Malzaromen und eine leicht süßliche Note. © Robert Wojtasik

Eigenschaften, die Kunden zunehmend zu schätzen wissen. „Es gibt de facto Anzeichen dafür, dass es sich zum Trend entwickeln könnte“, sagt Spirituosen-Experte André Beron von der Gesellschaft für Konsumforschung. „Craft-Brennereien schießen ja gerade aus dem Boden.“ Zwar glaubt Beron nicht, dass der Hype um Korn ein ähnliches Ausmaß annimmt wie beim Gin, aber regional begrenzt sei das durchaus vorstellbar.

Von dieser Entwicklung profitiert auch die Brennerei von Alexandra und Dirk Böckenhoff. „Von Ende der 60er-Jahre bis ungefähr ins Jahr 2000 ist der Absatz beim Korn eigentlich immer gesunken, inzwischen hat er sich stabilisiert und steigt sogar wieder - und das nicht nur, wenn Schützenfest ist“, sagt der Brennmeister. Seinen Korn verkauft Böckenhoff direkt in seiner Brennerei, er beliefert auch Supermärkte, Getränkehändler und immer mehr Gastronomen. „Unser Edelkorn wird auch gern als Basis zum Aufmischen von Likören genommen oder für Cocktails.“

Bislang auf der Billigschiene vermarktet

Das passt so gar nicht zum angestaubten Image der Spirituose. Peter Pilz vom Verband Deutscher Kornbrenner macht dafür vor allem die Großhersteller verantwortlich: „Die fahren eine andere Philosophie und haben bislang im Wesentlichen auf Masse geachtet und Korn auf der Billigschiene vermarktet.“ Dem stünden die kleinen, regionalen Brennereien gegenüber. „Vom Volumen her machen die aber vielleicht drei bis fünf Prozent des Marktes aus. Sie bemühen sich, für ihren Mehraufwand brauchen sie aber auch einen entsprechenden Preis.“

Um Kunden das Handwerk und die Geschichte des Korn näher zu bringen, bieten viele kleine Brennereien Führungen an. Dahinter steckt eine Strategie: „Leute, die sehen, wie Korn gemacht wird und wie viel Aufwand das ist, sind danach begeistert und meist auch gerne bereit, etwas mehr zu bezahlen“, sagt Peter Pilz.

Der gute alte Weizenkorn wird zum hippen Modegetränk

Die Brennerei Böckenhoff bietet schon seit Jahren Führungen an, die gerade beim jungen Publikum beliebt sind. Viele Besucher sind nach einer Besichtigung gerne bereit, etwas mehr Geld für eine Falsche Korn auszugeben. © Robert Wojtasik

Auch Großhersteller setzen mittlerweile auf den Premium-Ansatz und das „Erlebnis Brennerei“. Die Berentzen-Gruppe hat sich vor einem Jahr am heimischen Standort in Haselünne im Emsland ein neues Schmuckstück gegönnt: die Berentzen Hof Destillerie, in der unter Aufsicht eines Meisterdestillateurs ein neuer Edel-Korn produziert wird. „Das Unternehmen Berentzen steht seit seiner Gründung vor knapp 260 Jahren für deutsche Premium-Kornqualität“, sagte Vorstandssprecher Frank Schübel zur Eröffnung. „Wir besinnen uns nun auf unsere Wurzeln und wollen mit den in unserer Hof Destillerie kreierten neuen Produkten einen Trend in Sachen Qualität und Innovation setzen.“

Brennmeister Dirk Böckenhoff verfolgt die Aktivitäten der Konkurrenz genau. Er will seine Produkte stetig weiterentwickeln und die regionale Nische besetzen. „Es macht für uns wenig Sinn, jetzt zum Beispiel zu versuchen in Köln Fuß zu fassen.“ Die direkte Konkurrenz seien daher auch eher andere familiengeführte Traditionsunternehmen wie die Feinbrennerei Sasse in Schöppingen. „Klar, das ist für uns ein Mitbewerber“, sagt Böckenhoff. „Sie tun aber auch einiges für den Korn – und davon profitieren wir am Ende ja auch.“