In ihren Ansprachen befassten sich Professor Andreas Roloff (v.l.), DDG-Präsident Eike Jablonski, Pfarrer Fabian Tilling, der stellvertretende Landrat Otger Harks und Bürgermeister Martin Tesing mit der Erler Eiche. © Helmut Scheffler
Festakt in Erle

Die Femeiche ist jetzt offiziell Nationalerbe und darf in Würde altern

Adelsprädikat für die Erler Femeiche: Seit Samstag ist sie einer von zwölf Nationalerbe-Bäumen in Deutschland. Der erste überhaupt in NRW. Wissenschaftler gerieten ins Schwärmen.

Diesen Moment wollten sich etwa 150 Erler Bürger und Baumfreunde aus der Region am frühen Samstagnachmittag trotz des Nieselregens nicht entgehen lassen: Sie wurden Zeitzeugen eines Ereignisses, das bislang einmalig in Nordrhein-Westfalen ist. Als erster Baum im Land wurde die Erler Stieleiche (Quercus robur) vom Kuratorium Nationalerbe-Bäume in der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft (DDG; Verein für Baumkunde) wegen ihrer Einmaligkeit und Besonderheit zum zwölften Nationalerbe-Baum in Deutschland ernannt.

Zu dem Festakt, der von den „Erler Jägern“ musikalisch untermalt wurde, konnte der Raesfelder Bürgermeister Martin Tesing auch Eike Jablonski, den Präsidenten der DDG, und Professor Andreas Roloff, den Leiter des Kuratoriums Nationalerbe-Bäume in der DDG, begrüßen.

Kreis Borken hat den Wert schon vor Jahren erkannt

„Was für ein schöner Tag für den Kreis Borken“, würdigte der stellvertretende Landrat Otger Harks die nationale Bedeutung der Femeiche, die wertvoll prägend für das Orts- und Landschaftsbild der Region sei und deshalb auch schon vor vielen Jahren zu einem Naturdenkmal des Kreises Borken ernannt worden sei. „Es liegt nun an uns“, fügte Harks hinzu, „diese Eiche zu pflegen.“

Als neuer leitender Pfarrer der drei katholischen Kirchengemeinden Raesfeld, Erle und Rhedebrügge erinnerte Fabian Tilling daran, dass die Eiche auf einem Gelände der Erler Kirchengemeinde steht. Sie sei eng mit den Erler Pfarrern verbunden. „Meine Erler Vorgänger bis hin zu Pfarrer Franz-Josef Barlage wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft.“

Dieser Baum kann Respekt vor dem Leben lehren

„Solch ein Baum prägt seine Umgebung“, fuhr Tilling in seinem Vortrag fort. „Er beeindruckt durch sein Alter und zieht den Betrachter auch und gerade in seiner Gebrochenheit in seinen Bann. Seinen Stamm zu betrachten ist wie der Blick auf die zerfurchten Hände eines alten Menschen, der schon so viel erlebt hat und erzählen kann. Ich wünsche mir, dass dieser Baum uns Respekt vor dem Leben lehrt.“

Blick von Westen auf die Femeiche. © Helmut Scheffler © Helmut Scheffler

Eike Jablonski stellte die im Jahr 1892 gegründete DDG vor, bevor Andreas Roloff, der seit 1994 Inhaber des Lehrstuhls für Forstbotanik an der Technischen Universität in Dresden ist, über die Baumbiologie der etwa 800 bis 1000 Jahre alten Erler Eiche berichtete. Der heute nur noch elf Meter hohe Baum weist in 1,30 Meter Höhe einen Stammumfang von 12,45 Metern aus.

Pflege und Sicherung von Nationalerbe-Bäumen ist gesichert

„Was für eine Skulptur von Lebewesen, was für ein uraltes Geschöpf, welch aufregende Gestalt“, schwärmte der Professor von der Erler Eiche, die für ihn einer der wertvollsten Bäume unseres Landes ist, da er so viel von seiner fast 1000-jährigen Geschichte preisgibt wie kaum ein anderer.

Mit der Ausrufung der Erler Eiche zum Nationalerbe-Baum ist die Finanzierung zukünftig notwendiger Pflege-, Sicherungs- und Schutzmaßnahmen verbunden, gemeinsam mit der Kirche als Eigentümer, der Gemeinde und dem Landkreis. „So soll diese Stiel-Eiche noch weitere Jahrhunderte der Nachwelt erhalten bleiben und in Würde altern“, hofft Professor Roloff.

Er erklärte, dass der Baum seit mindestens 250 Jahren seine Krone zurückgezogen habe, um die Transportwege für das Wasser von den Wurzeln zu den Zweigen und für den Zucker von den Blättern zu den Wurzeln zu verkürzen. Um 1750 war es nur Kindern unter großer Anstrengung möglich, durch einen Spalt hineinzugelangen. Es brachen dann in der Folgezeit nach und nach größere Teile der Krone bei Stürmen ab. Danach hat man den Stamm ausgehöhlt und einen begehbaren Eingang ermöglicht.

Test von 1816: Wie viele Soldaten passen in die Baumhöhle?

Bei einem Mittagessen des Kronprinzen von Preußen an der Eiche mit 56 Personen habe man 1816 getestet, wie viele feldmäßig gekleidete Soldaten in der ausgehöhlten Eiche Platz finden würden – es seien 36 gewesen. Roloff: „Im Jahr 1900 ist publiziert, dass der Hohlraum im Stamminneren fast drei Meter breit war, mit einem noch relativ intakten etwa 15 bis 20 Zentimeter dicken Stammmantel drumherum, sich also ein richtiger Innenraum ergab.“ Bereits vor über 100 Jahren erhielt die Eiche zwei Eisenringe um ihren Stamm und drei Stützbalken zu ihrem Schutz vor Auseinanderbrechen und Umstürzen, und sie wurde eingezäunt. Inzwischen geben zehn Stützen Halt.

Der Raesfelder Bürgermeister Martin Tesing (l.) und Professor Andreas Roloff (r.) enthüllten die Tafel zur Ernennung der Erler Eiche zum Nationalerbe-Baum. © Helmut Scheffler © Helmut Scheffler

Gemeinsam mit Bürgermeister Tesing enthüllte der Wissenschaftler eine Tafel zum „Nationalerbe-Baum“. Gefördert von der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung erinnert sie an den Festakt und endet mit der Feststellung: „Diesem Baum wird durch die Ernennung und Ausrufung ein Altern in Würde ermöglicht. Der gehört damit zu den 100 bedeutendsten Bäumen Deutschlands“. Die Stiftung aus Waiblingen hat verbindlich zugesagt, alle anfallenden Kosten für zunächst fünf Jahre zu übernehmen.

Am Ende des Festaktes wurde gemeinsam „Dat Erlsker Lied“ des Erler Lehrers Dagemüller gesungen. Der Bürgermeister überreichte den DGG-Vertretern jeweils einen Ableger der Eiche. Der siebenjährige Jan Heider erzählte von der jährlich stattfindenden Sammlung von Eicheln, die von der Garten-AG des Heimatvereins unter Leitung von Ingrid Horstmann ausgesät werden und als junge Pflanzen auch an die Vereinsjubilare verschenkt werden.

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Freier Mitarbeiter
Im Verlauf von mehr als vier Jahrzehnten habe ich das Zusammenwachsen von acht ehemals selbstständigen Gemeinden miterlebt, die 1975 zur Großgemeinde Schermbeck zusammengefügt wurden. Damals wie heute bemühe ich mich zu zeigen, wie vielfältig das Leben in meinem Heimatort Schermbeck ist.
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Helmut Scheffler

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