Ehepaar verarbeitete Totgeburt: „Es war ein steiler und dunkler Weg“

Sternenkind

Vor anderthalb Jahren wurden Heike und Bastian Welsing aus Raesfeld Eltern. Aber der kleine Fridtjof kam tot auf die Welt. In ihrer Trauer war das Ehepaar aber nicht allein.

Raesfeld

von Michaela Kiepe

, 18.04.2021, 16:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Für Bastian und Heike Welsing gehört ihr Sternenkind Fridtjof zu ihrem Leben und nicht nur, wenn sie eine Kerze für ihn entzünden.

Für Bastian und Heike Welsing gehört ihr Sternenkind Fridtjof zu ihrem Leben und nicht nur, wenn sie eine Kerze für ihn entzünden. © Michaela Kiepe

Heike und Bastian Welsing sagen: „Das war für uns die gelebte Menschlichkeit, mit der uns das Personal in der Christophorus-Klinik in Coesfeld sowie unsere Familie und Freunde begegnet sind“, sagt Heike Welsing. Dem Paar ist es ein Anliegen, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Als ihr persönlicher Beitrag für die diesjährige ökumenische Woche „Leben im Sterben“, die am 17. April beginnt.

„Bereits in der 21. Schwangerschaftswoche stellten die Ärzte eine Unterversorgung fest. Deshalb wurden wir etwas später im Coesfelder Krankenhaus aufgenommen“, berichtet Heike Welsing. Es folgten Untersuchungen und stramme Bettruhe. „Wir waren noch hoffnungsvoll, dass es unser Baby schaffen würde“, sagt die 35-Jährige. Doch in der 26. Schwangerschaftswoche hörte das Herz von Fridtjof auf zu schlagen. „Wir waren todtraurig, aber wir wurden im Vorfeld auch gut auf diese Möglichkeit vorbereitet“, lobt Bastian Welsing das offene Miteinander mit ihrem Arzt Dr. Klaus-Dieter Jaspers und den Krankenschwestern.

„Sie ist ein Engel auf Erden“

Vom ersten Tag im Krankenhaus hat Schwester Paula Wessel das Paar begleitet. „Sie hat uns in jeder Hoffnung und Angst abgeholt. Sie ist ein Engel auf Erden“, sagt Heike Welsing. „Wir dürften alles zulassen, hat sie zu mir gesagt. Das hat mir sehr geholfen“, sagt die Bürokauffrau und ihr Ehemann fügt hinzu: „Ich habe mich komplett in meiner Arbeit versunken und die Trauer für Heike weggedrückt.“ Als Mann habe er die Trauer anders erlebt, „aber man geht genauso dadurch“.

„Manchmal waren wir auch sauer auf Fridtjof“

Die Zeit nach der Geburt sei auch als Paar sehr herausfordernd gewesen. „Man trauert um das Kind, um den Verlust und unsere Vorstellung eines Lebens mit ihm. Manchmal waren wir auch sauer auf Fridtjof, dass er einfach gegangen ist.“

„Es war eine Gefühlsbreite, die von unendlicher Liebe bis hin zu dem Gefühl, dass einem das Herz herausgerissen wird, reicht. Das war unfassbar anstrengend“, gibt Heike Welsing zu, die bei Spaziergängen im Wald Kraft gesucht und gefunden hat. Da habe es auch gutgetan, andere Gesprächsthemen zu haben wie beispielsweise der damals bevorstehende Umzug in das umgebaute Eigenheim.

Geholfen habe es ihr auch, Tagebuch zu schreiben, sich auf gute Erlebnisse zu konzentrieren. „Heute bin ich mal fröhlich, aber auch mal traurig. Das sind dann Fridtjof-Tage, da ist er gerade sehr nah. Es ist schwierig, Gefühle zu benennen“, sagt sie. Geholfen haben ihr und ihrem Mann Treffen mit Schwester Paula sowie anderen Eltern in Coesfeld, die ebenfalls ihr Kind verloren haben.

„Wir fühlten uns so ausgegrenzt“

Viele Menschen hätten nicht gewusst, wie sie mit ihnen umgehen sollten, sie hätten sich nicht getraut zu fragen, hätten das Thema vermieden und aus vermeintlicher Rücksichtnahme geschwiegen. „Wir fühlten uns so ausgegrenzt. Aber wir haben offen reagiert und ihnen gesagt, dass wir gut über unsere Trauer und das Erlebte sprechen können“, berichtet das Ehepaar. Sie hätten sich über jede Trauerkarte unfassbar gefreut. „Niemand sollte sich scheuen, die Trauernden anzusprechen“, sagt Heike Welsing.

Wenn sie gefragt würden, ob sie Kinder hätten, laute ihre Antwort: „Ja, er ist im Himmel. Wir haben ein Sternenkind.“ Ihre größte Angst sei es gewesen, dass Fridtjof vergessen wird. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er immer dazugehört. Aber diese Angst ist unbegründet. Er hat unser Leben verändert, gewandelt, und ist immer bei uns. Er schwingt im Alltag mit“, berichtet Heike Welsing. Sie freue es, wenn jemand seinen Namen ausspreche.

„Was ich nicht geglaubt hatte, ist aber Wirklichkeit geworden. Nach einem Jahr verändert es sich. Es wird wesentlich besser, immer wieder Stück für Stück“, erklärt sie. „Es war ein steiler und dunkler Weg, aber es geht weiter.“

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