Brandbrief an den Papst in Rom: „Retten Sie endlich unsere Kirche, Papst Franziskus!“

Redakteur
Ulrich Breulmann, Katholik und Journalist, hat einen Brief an Papst Franziskus geschrieben und ihn aufgefordert, sich für die Rettung der Kirche in Deutschland einzusetzen.
Ulrich Breulmann, Katholik und Journalist, hat einen Brief an Papst Franziskus geschrieben und ihn aufgefordert, sich für die Rettung der Kirche in Deutschland einzusetzen. © Fotos: Breulmann und dpa/Collage: Leonie Sauerland
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In seinem Entsetzen über das Ausmaß des sexuellen Kindesmissbrauchs in der Katholischen Kirche und den Umgang der Kirche damit, sieht unser Redakteur nur noch einen Ausweg. Er hat daher einen Brief an Papst Franziskus geschrieben, den wir an dieser Stelle veröffentlichen:

„An

Seine Heiligkeit, Papst Franziskus

Palazzo Apostolico

00120 Città del Vaticano

Rom

Eure Heiligkeit, Papst Franziskus,

so lautet wohl die korrekte Anrede, mit der ich Sie jetzt ansprechen müsste. Ich will nicht respektlos erscheinen, allerdings spiegelt diese Anrede schon eines der grundlegenden Probleme wider, die der Grund meines Schreibens sind. Dazu später mehr.

Daher fällt es mir schwer, Sie als „Heiligkeit“ anzusprechen. Am liebsten würde ich Sie, wie es zwischen Christen üblich sein sollte, als „Bruder Franziskus“ anreden, doch das scheint mir dann doch zu gewagt. Deshalb grüße ich Sie herzlich als lieber Papst Franziskus.

Als gläubiger Katholik, der katholisch sozialisiert wurde und sich seit frühester Jugend über Jahrzehnte hinweg in der Kirche ehrenamtlich engagiert hat, quält mich die Frage, ob ich wirklich noch guten Gewissens Teil dieser Katholischen Kirche bleiben kann, oder ob ich mir nicht eine neue religiöse Heimat suchen muss.

Da ich nicht erst in den vergangenen Wochen erlebe, dass es ganz vielen Menschen um mich herum, ja in ganz Deutschland ebenso ergeht wie mir, schreibe ich Ihnen diesen Brief. Ich schreibe ihn nicht nur als „ich“, sondern als „wir“. Verstehen Sie ihn bitte als Hilferuf: Lieber Papst Franziskus, retten Sie unsere Kirche!

Die immer neuen Enthüllungen der vergangenen Jahre über sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester, Ordensleute und andere seelsorgliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben uns zutiefst erschüttert. Mindestens ebenso wie die abscheulichen, widerwärtigen Taten selbst macht uns dabei der Umgang der Verantwortlichen in unserer Kirche mit ihnen fassungslos.

Mit Verdrängung, Verheimlichung und Vertuschung wurden (und werden?) die Täter geschützt. Die Opfer spielen keine Rolle. Sie trauten sich oft erst nach Jahrzehnten, die an ihnen begangenen Verbrechen anzuprangern und öffentlich zu machen. Noch vor Jahrzehnten hätte ihnen in einem streng katholischen Milieu doch niemand solche Anschuldigungen geglaubt.

„…damit nur kein Makel den Ruf der Kirche beschmutzt“

Und was das Schlimmste ist: Verantwortliche in der Kirche, Generalvikare, Bischöfe und Kardinäle, ja selbst ein späterer Papst, haben die Missbrauchstäter in den eigenen Reihen weiter agieren lassen. Sie haben sie versetzt in andere Gemeinden, wo sie erneut Kinder und Jugendliche missbrauchten, damit nur kein Makel den Ruf der Kirche beschmutzt. Sie haben sich damit mitschuldig gemacht am Leid so vieler junger Menschen.

Und auch jetzt noch haben wir das Gefühl, dass die Kirche nur das zugibt, was man ihr zweifelsfrei nachweisen kann. Und wenn selbst ein emeritierter Papst, der mit seiner spitzfindigen Unterscheidung zwischen Missbrauch und „nur Exhibitionismus“ die Taten der Verbrecher im Priestergewand verharmlost und das Leid der Opfer so bagatellisiert, erwiesenermaßen schamlos lügt, wie soll man da jemals wieder Vertrauen in diese Kirche fassen?

Ich habe den Eindruck, dass viele Verantwortliche noch immer davon ausgehen, dass auch dieser Sturm vorüberziehen wird. Die Kirche werde auch diese Krise überwinden wie so viele in den Jahrhunderten zuvor und dann werde alles wieder sein wie bisher. Ich muss Sie enttäuschen: Das wird mitnichten so sein.

Die Kirche in ihrer bisherigen Form liegt im Sterben, für viele ist sie bereits tot. Sie hat sich in ihren Strukturen, ihrem Machtgebaren, ihrem Handeln, in ihrer Sprache und ihrem ganzen Auftreten so weit von dem Leben normaler, einfacher Menschen entfernt, dass sie diese gar nicht mehr erreicht. Sie beantwortet hochgestochen, geschwollen und realitätsfern Fragen, die keiner mehr stellt, und hat auf die wirklich entscheidenden Fragen unseres Lebens keine glaubwürdigen Antworten mehr.

Der Brief an Papst Franziskus ist auf dem Weg nach Rom. © Breulmann

Um auf den Anfang meines Briefes zurückzukommen: Wenn die Würdenträger in der Kirche mit „Eure Heiligkeit“ angesprochen werden wollen, verrät das sehr anschaulich, was in unserer Kirche schief gelaufen ist und noch immer schief läuft. Heilig ist, wer dem Gewöhnlichen und Alltäglichen so enthoben ist, dass sich zwischen ihm und den ganz normalen Menschen eine unüberbrückbare Kluft auftut. Wer „heilig“ ist, steht über den Dingen, ist jenseits aller Kritik.

Schmeicheleien für die eigene Eitelkeit

Und dieses „Heiligkeits-Gebaren“ beginnt ja nicht erst bei Ihnen, lieber Papst Franziskus, selbst der einzelne Priester lässt dich gerne als „Hochwürden“, ein Bischof gerne als „Exzellenz“ titulieren. Das schmeichelt der Eitelkeit und dokumentiert dem „gewöhnlichen Fußvolk“ zugleich, dass man Teil einer Elite ist, die sich für etwas Besseres hält und sich eigentlich selbst genügt.

Wie aber passt all das mit der ebenso einfachen wie eindeutigen Ansage Jesu zusammen: „Wer der erste unter euch sein will, der sei der Diener aller“?

Wie passen die Paläste und prunkvollen Gewänder zum Ratschlag Jesu an den nach dem Gottesreich suchenden jungen Mann: „Verkaufe alles, was du hast, und gibt es den Armen. Dann komm und folge mir nach!“ Wie wäre es, wenn Sie, lieber Papst Franziskus, unsere Kirche zurück auf diesen Weg führen würden?

Vielen Menschen, die jetzt voller Verbitterung ihren Austritt aus der katholischen Kirche erklären, tun das mit großer Enttäuschung. Sie haben ja nicht den Glauben an die christliche Botschaft, wohl aber den Glauben an seine irdischen Botschafter verloren.

Viele von ihnen empfinden die Abwendung von der Kirche als überaus schmerzlichen Verlust, denn die Kirche hat auch ihrem Leben Halt, Struktur und Richtung gegeben: mit dem Kirchenbesuch am Sonntag wurde die Woche gegliedert, mit den Hochfesten wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten das Jahr und mit Taufe, Erstkommunion, Trauung und Begräbnis das ganze Leben. Das religiöse Verlangen nach Sinn und Tiefe lebt weiter in uns. Es kann allerdings von der Kirche in ihrer heutigen Form nicht mehr befriedigt werden.

„Um die religiöse Sehnsucht zu stillen, braucht es keine Paläste und Brokat-Gewänder“

Um diese Sehnsucht zu stillen, braucht es keine Paläste und Brokat-Gewänder, keine goldenen Kelche und weiße Priesterkragen, braucht es keine Zölibats-Pflicht für Männer, kein Weiheverbot für Frauen und auch keine überkommenen, längst von niemandem mehr verstandenen Kirchen-Gesetze, die die Oberen oft selbst nicht achten. Und vor allem braucht es keine moralisierenden Predigten voller theologischer Floskeln und salbungsvollen Ratschläge. Möglicherweise meint es der ein oder die andere sogar gut, aber empfunden wird solches Reden und Handeln derzeit von sehr vielen Menschen wie mir nur noch als hohl und heuchlerisch. Das ist nur noch abstoßend und treibt weiter Menschen aus der Gemeinschaft der Glaubenden.

Lieber Papst Franziskus, wir haben nicht den Eindruck, dass die Kirche in Deutschland allein aus diesem tiefen Tal herausfinden wird. Es gibt sicherlich unter den Verantwortlichen Menschen, die es ernst meinen mit radikaler Umkehr, Buße und Erneuerung. Es gibt aber ebenso viele Bremser. Sie kämpfen weiterhin weniger für den Aufbau des Reiches Gottes als für den Erhalt ihrer angehäuften Reichtümer, Sicherheiten, Bequemlichkeiten und Privilegien. Sie verteidigen unbeirrt die heilige Fassade einer stets alles richtig machenden, unfehlbaren Kirche, ohne zu bemerken, dass diese längst in Trümmer gefallen ist.

Daher bitten wie Sie, lieber Papst Franziskus, um Ihre Hilfe. Greifen Sie ein, rufen Sie die deutschen Bischöfe zu sich und entscheiden Sie, mit wem ein Neuanfang möglich ist und für wen es besser wäre, wenn er künftig nicht mehr an verantwortungsvoller Stelle für die Kirche arbeitet.

„Die einfache und klare Kernbotschaft des Gründers“

Und bereiten Sie in der Weltkirche bitte den Weg, dass die Kirche wirklich einmal alles Überkommene in Frage stellt. Wenn es für die Kirche einen Weg in die Zukunft geben soll, dann darf sie sich nur noch kompromisslos an der ebenso einfachen und klaren Kernbotschaft ihres Gründers ausrichten. Sie muss sich in allem Tun und Handeln nur eine Frage stellen: Was hat dieser jüdische Wanderprediger Jesus von Nazareth gesagt, wie hat er gehandelt und was würde er wollen, dass die Menschen, die sich auf ihn berufen, heute tun?

Ich bin sicher, wenn die Kirche in der Rückbesinnung auf den Anfang einen solchen radikalen Neuanfang wagen würde, könnte sie weiter eine religiöse Heimat für viele Millionen Menschen sein, auch bei uns in Deutschland.

Lieber Papst Franziskus, mit Ihrem Namen, den Sie nach Ihrer Wahl zum Papst für sich gewählt haben, drücken Sie Ihre tiefe Verbundenheit zum Leben und Wirken des Heiligen Franziskus aus, der zu Beginn des 13. Jahrhunderts einen radikalen Neuanfang gewagt hat. Deshalb trage ich die Hoffnung in mir, dass auch Sie einen solchen radikalen Neuanfang auf den Weg bringen können.

Retten Sie unsere Kirche!

Ich wage kaum zu hoffen, dass Sie mir auf meinen Brief antworten. Gleichwohl grüße ich Sie in ehrlicher Verbundenheit und in großem Vertrauen auf Ihren Mut zur Veränderung herzlichst.

Ihr

Ulrich Breulmann, der noch immer Mitglied der Katholischen Kirche ist – noch.

*Da ich mit meinem Brief auch vielen anderen eine Stimme gebe, habe ich meinen Brief an Sie in unserem Verlag, für den ich seit Jahrzehnten als Journalist arbeite, veröffentlicht.“

Kontakt: ulrich.breulmann@lensingmedia.de