Brandbrief an Papst Franziskus: Vatikan antwortet unserem Redakteur Ulrich Breulmann

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Redakteur Ulrich Breulmann schrieb Anfang Februar einen Brief an Papst Franziskus, in dem er ihn bat, „Retten Sie unsere Kirche“. Jetzt erhielt er einen Antwortbrief aus dem Vatikan, allerdings nicht vom Papst selbst.
Redakteur Ulrich Breulmann schrieb Anfang Februar einen Brief an Papst Franziskus, in dem er ihn bat, „Retten Sie unsere Kirche“. Jetzt erhielt er einen Antwortbrief aus dem Vatikan, allerdings nicht vom Papst selbst. © Fotos: dpa / Collage: Björn Ohlrich
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Üblicherweise, das muss vorausgeschickt werden, schreibe ich nachrichtliche Texte nicht im „Ich-Stil“. Da sich dieses Thema allerdings um einen von mir verfassten Brief dreht, mache ich hier eine Ausnahme.

Anfang Februar hatte ich einen Brief an Papst Franziskus gerichtet, angesichts der immer neuern Enthüllungen um sexuellen Missbrauch in der Kirche und den aus meiner Sicht unerträglichen, völlig unzureichenden Umgang der Verantwortlichen damit.

Die Situation als dramatisch dargestellt

Darin hatte ich versucht, ihm die dramatische Situation der Katholischen Kirche in Deutschland vor Augen zu führen und ihn davon zu überzeugen, in der deutschen Kirche selbst zu handeln. Unter anderem hatte ich so argumentiert:

„Die Kirche in ihrer bisherigen Form liegt im Sterben, für viele ist sie bereits tot. Sie hat sich in ihren Strukturen, ihrem Machtgebaren, ihrem Handeln, in ihrer Sprache und ihrem ganzen Auftreten so weit von dem Leben normaler, einfacher Menschen entfernt, dass sie diese gar nicht mehr erreicht. Sie beantwortet hochgestochen, geschwollen und realitätsfern Fragen, die keiner mehr stellt, und hat auf die wirklich entscheidenden Fragen unseres Lebens keine glaubwürdigen Antworten mehr.“

Aufforderung zum Eingreifen in Deutschland

Mit dieser Sicht der Dinge im Hintergrund hatte ich Papst Franziskus eindringlich gebeten, einzugreifen und die Kirche in Deutschland zu retten, denn nach wie vor lebe in vielen Menschen eine religiöse Sehnsucht, allerdings könne die Kirche in ihrer heutigen Form diese Sehnsucht nicht erfüllen.

Ich schrieb: „Um diese Sehnsucht zu stillen, braucht es keine Paläste und Brokat-Gewänder, keine goldenen Kelche und weißen Priesterkragen, braucht es keine Zölibats-Pflicht für Männer, kein Weiheverbot für Frauen und auch keine überkommenen, längst von niemandem mehr verstandenen Kirchen-Gesetze, die die Oberen oft selbst nicht achten. Und vor allem braucht es keine moralisierenden Predigten voller theologischer Floskeln und salbungsvollen Ratschläge.“

Meine Schlussfolgerung im Brief an Papst Franziskus lautete daher so:

„Wir haben nicht den Eindruck, dass die Kirche in Deutschland allein aus diesem tiefen Tal herausfinden wird. Es gibt sicherlich unter den Verantwortlichen Menschen, die es ernst meinen mit radikaler Umkehr, Buße und Erneuerung. Es gibt aber ebenso viele Bremser. Sie kämpfen weiterhin weniger für den Aufbau des Reiches Gottes als für den Erhalt ihrer angehäuften Reichtümer, Sicherheiten, Bequemlichkeiten und Privilegien. Sie verteidigen unbeirrt die heilige Fassade einer stets alles richtig machenden, unfehlbaren Kirche, ohne zu bemerken, dass diese längst in Trümmer gefallen ist.“

Die Antwort kommt aus dem Staatssekretariat

Jetzt hat mich die Antwort aus dem Vatikan erreicht. Geschrieben hat den Brief nicht Papst Franziskus selbst, sondern der italienische Prälat Luigi Roberto Cona. Er ist Assessor in der Ersten Sektion „Allgemeine Angelegenheiten“ des Staatssekretariats des Vatikans. Das Staatssekretariat wiederum ist das wichtigste Amt innerhalb des Vatikans. Es ist für die diplomatischen Beziehungen des Heiligen Stuhls zuständig und bestimmt die Politik des Vatikans.

Der Brief kommt also aus der Feder eines durchaus hochrangigen Vertreters der Kurie. Der Weg aus Rom in meinen Briefkasten im Münsterland war lang. Geschrieben unter dem Datum vom 13. Mai 2022 wurde er ganz offensichtlich – der Vatikan ist bekanntlich ein eigener Staat – mit der Diplomatenpost nach Berlin geschickt. Dort ist der Sitz der Apostolischen Nuntiatur, was nichts anderes ist als die Botschaft des Vatikans in Deutschland. Von dort wurde er dann an mich weitergeschickt.

Hier nun der Wortlaut des Briefes:

„Sehr geehrter Herr Breulmann,

freundlich bestätige ich Ihnen den Eingang Ihres werten Schreibens, in dem Sie Papst Franziskus persönliche Gedanken und Überlegungen zur gegenwärtigen Lage des kirchlichen Lebens insbesondere in Deutschland mitgeteilt haben.

Ich darf Ihnen versichern, dass Ihre Ausführungen aufmerksam zur Kenntnis genommen wurden. In Namen Seiner Heiligkeit danke ich Ihnen für diesen Ausdruck Ihrer Verbundenheit mit dem Nachfolger Petri. Wie insbesondere in seinem Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland sichtbar wird, liegt dem Heiligen Vater die Situation der Kirche in Deutschland sehr am Herzen. Wir alle sind eingeladen, in diesen schwierigen Zeiten einander im Glauben beizustehen und durch unser Engagement und unser christliches Zeugnis zur Stärkung des kirchlichen Lebens beizutragen.

Papst Franziskus bittet Sie um Ihr Gebet für die Kirche und für seinen apostolischen Dienst und schließt auch Sie und Ihre Anliegen mit ein. Von Herzen erbittet er Ihnen und allen, die Ihnen nahestehen, Gottes Schutz und seinen reichen Segen.

Mit besten Wünschen und freundlichen Grüßen

Prälat L. Roberto Cona

Assessor“

Zur Einschätzung des Briefes


Der im Ton freundlich und verbindlich gehaltene, in der üblichen klerikalen Sprache verfasste Brief geht inhaltlich auf keine der in meinem Brief an den Papst angeführten Einschätzungen ein, sondern bleibt im Allgemeinen. Allerdings war auch kaum zu erwarten, dass sich der Papst selbst oder jemand aus seinem Mitarbeiterstab auf eine Diskussion über solche Fragen mit einem „einfachen Laien“ einlassen würde. Diese Themen sind so umstritten und umkämpft innerhalb der Katholischen Kirche und sogleich so grundlegend, dass sie eigentlich Anlass sein müssten für ein neues Konzil.

Berücksichtigt man das, ist dieser eine Satz des Schreibens schon bemerkenswert: „Ich darf Ihnen versichern, dass Ihre Ausführungen aufmerksam zur Kenntnis genommen wurden“, ist da zu lesen. Sollte das tatsächlich der Fall sein, hätte der Brief zumindest einen Teil-Erfolg erzielt.