Die Partnersuche mit den Single Apps kann zu einem echten Erlebnis werden. © picture alliance / Sebastian Gollnow/dpa
Single-Apps

Frau, blond, 31 trifft „nackten Mann“: So schwer ist die Partnersuche mit Tinder & Co

Wer als Single in der Corona-Pandemie auf Partnersuche ist, hat es nicht leicht. Dafür kann er mit den Single-Apps eine Menge skurrile und verrückte Dinge erleben – so wie unsere Autorin (31).

Das Single-Leben in Zeiten von Corona ist verrückt. Doch was bedeutet das eigentlich: Single sein? Es bietet sowohl Vor- als auch Nachteile. Je nach Länge kann es eine sehr schöne und tolle, oder aber eine einsame und verzweifelte Zeit sein. Die schöne, tolle und aufregende Zeit ist während der Corona-Pandemie nur schwer nachvollziehbar.

Ach, waren das Zeiten: sich spontan mit einer Freundin verabreden, schick machen und in eine Bar gehen. „Zwei Lillet Wild Berry bitte“ waren unseren Standarddrinks. Dazu noch einen kleinen Snack verdrückt und der Abend war perfekt. Oft bekamen wir noch Lust ein wenig Tanzen zu gehen. Auch das war bis vor einem Jahr kein Problem.

Single-Apps statt Bar oder Club

Egal, wo wir waren, man lernte jemanden kennen: ob in einer Bar, in einem Club, auf einer Wiese bei lauen Sommernächten oder durch Zufall an Orten, die einem normalerweise nicht in den Sinn kommen würden. Das alles ist jetzt vorbei. Nun heißt es: Ab ins Internet.

Diverse Single-Apps tummeln sich am Markt. Für jedes Alter und jedes Bedürfnis ist etwas dabei. Einige sind kostenlos, andere muss man bezahlen. Alle Apps haben Standardeinstellungen, wie Name, Alter, Wohnort, Größe. Einige Dating-Apps bieten die Möglichkeit weitere Angaben zumachen, wie Religion, Kinderwunsch, Raucher und Hobbys, alles kann mit Hashtags verlinkt werden. So kann man bei der Suche filtern.

Sobald ich die Suche eingerichtet hatte, dauerte es keine 3 Minuten, da stand bei Matches bereits 99+, bevor ich überhaupt einem einzigen Mann ein Herz oder ein X vergeben konnte. Die ersten Nachrichten füllen sich im Posteingang.

Wenige Sekunden entscheiden über (fast) alles

Es entscheiden nur wenige Sekunden darüber, ob man jemandem ein Like oder ein Dislike gibt. Es ist wie der erste Eindruck, den man nicht versauen möchte. Meiner Erfahrung nach machen sich 75 Prozent der Männer auf solchen Apps wenig Gedanken darüber, wie sie sich darstellen.

Nach nur wenigen Wischen über den Bildschirm bekomme ich den ersten Lachflash: Name Deepthroat (30) aus Dortmund. So sind direkt die Vorlieben geklärt. Ich wische weiter: Christian (33) mag kochen und offensichtlich auch sehr tiefe V-Ausschnitte. Da fehlt nicht mehr viel, bis man seinen Bauchnabel sieht. Der nächste präsentiert sich mit einer Großaufnahme seines Gesichts, recht hübsch, aber mit Kussmund. Kussmund? Als Mann?

Die Autorin

Blond, 31, aus Dortmund

Unsere Autorin ist waschechte Sauerländerin, lebt aber seit vielen Jahren in Dortmund. Sie ist 31 Jahre alt, hat viele Freunde und Bekannte, ist lebenslustig und normalerweise viel unterwegs. Doch die Corona-Pandemie macht ihr ihr zu schaffen. Single, Homeoffice, kaum Freizeitaktivitäten – da ist man oft allein. Daher hat sie sich mit zahlreichen Single Apps auf die Partnersuche gemacht. Und eine Menge erlebt.

Hinter dem nächsten Wisch verbirgt sich Lukas, 32, aus Bönen, dessen Foto unscharf ist. Ich wische weiter, in der Hoffnung, doch noch einen „normalen“ Typen auf einem normalen Foto zu erwischen. Vato, 29 Jahre, aus Solingen, präsentiert sich oberkörperfrei, volltätowiert, der Bauchnabel stellt die Zunge eines riesigen Löwenkopfes dar. Das Handy vor dem Gesicht so platziert, dass man ihn nicht erkennen kann. Der nächste: Silviu, 36 auch aus Dortmund, seine Gesichtsfarbe ist grün. Existierst du etwa doch? Bist du der wahre Hulk?

Paskal sucht die große Liebe – aber da bin ich raus

Doch das Highlight meines Lachflashes gehörte Paskal, 30, aus Olpe. Zu sehen sind zwei Menschen: er, leichtgebräunte Haut und Südländer, sportlich, sehr kurzes Haar. Links von ihm sitzt eine ältere Dame. Anhand ihrer Hände, die ebenfalls gut sichtbar sind, schätze ich sie auf 75 Jahre. Doch die zwei lächeln nicht so in die Kamera, als dass man vermuten könnte, dass es sich um Oma und Enkelkind handelt. Ihre Hand liegt auf seiner Wange und sie küssen sich. Ein 30-Jähriger Mann und eine 75 Jahre alte Dame. Der erste Satz in seinem Profil lautet „Ich suche die große Liebe“. Mit so einem Bild wird er seine „große Liebe“ für den Rest seinem Lebens nicht finden. Jedenfalls nicht, wenn ich das sein soll.

Mit manchen Männern wird ein Gespräch sehr unterhaltsam. Es ist mehr als nur Smalltalk. So war es auch mit Daniel, 32, aus Koblenz. Sein erstes Anzeigefoto war schwarz-weiß, leicht unscharf mit Sonnenbrille. Er trägt einen 3-Tage-Bart und sieht muskulös aus. In seinem Profil steht „Sportlich, noch keine Kinder, ist gebildet und etwa 1,83cm groß“. Die Basics passen also.

Er hat sein Instagram-Profil mit der Dating App verbunden, sodass man dort weitere Bilder sehen kann. Es gibt kein Bild von ihm alleine, jedoch war auf allen Bildern immer der gleiche Mann abgebildet. Ein wirklich hübscher Mann. Die Gespräche wurden unterhaltsamer, tiefgründiger und haben mich sogar zum Lachen gebracht.

„So, wir spielen jetzt ein Spiel“, sagte er einmal zu mir. „Stelle dir vor, wir wären in einer Datingshow und hätten eine zweiwöchige Reise zusammen gewonnen. Du darfst entscheiden, wohin wir zusammen fliegen und musst deine Entscheidung begründen, warum du dir dieses Reiseziel ausgesucht hat und wie du dir diesen Urlaub mit mir vorstellst.“ Da ist also nun ein gutaussehender Mann, der sich anhand seiner Fragen von anderen wirklich unterscheidet. Er scheint aufmerksam zu sein und liegt auf meiner Wellenlänge.

Ist das etwa jemand, der mich flashen kann? Er wollte mehr Bilder von mir sehen und einen Eindruck fernab vom Schreiben erhalten. Also fragte er mich nach meinem Instagram-Namen. Ich gab ihn als Follower frei und sah mir sein Profil an. Dort fand ich die Bilder wieder, die bereits auf seinem Dating-Profil sichtbar waren. Es gab eine neue Story.

Dort abgebildet waren drei Männer, die zusammen zu Mittag essen. Unter diesem gutaussehenden Mann war eine Verlinkung. Als ich auf die Verlinkung klickte, ahnte ich noch nicht, was ich gleich erfahren muss. Als ich das Profil und insbesondere die Bilder sehe, wird mir bewusst, dass ich die letzten drei Tage nicht mit diesem gutaussehenden Typen geschrieben habe, sondern mit seinem besten Freund. Kann man das nun Vortäuschung falscher Persönlichkeiten in Dating-Apps nennen?

Die Geschichte mit dem Schreiben

Im realen Leben sprechen 80 Prozent der Männer die Frauen an, doch online erwarten sie offenbar, dass sie nicht immer den ersten Schritt machen müssen. Einige Herren erwähnen sogar in ihren Profilen, dass derjenige, der als zweites Matched, auch zuerst schreiben soll.

Manche antworten beim ersten Kontakt einfach nur „Hey, wie gehts?“- doch nicht Ben, 34 Jahre, aus Bottrop. Ich schrieb ihn an mit „Guten Abend Ben, geht es dir gut? :)“. Kurze Zeit später antwortete er mir mit einer Litanei an Fragen. Ich fühle mich wie in einer Castingshow, bei der anhand meiner Antworten anschließend entschieden wird, ob ich in den Recall komme oder nicht.

Lukaz, 35 Jahre aus Olpe ist hingegen eher der aggressive Typ. In einer seiner ersten Fragen erkundigt er sich über meinen Kindheits-Berufswunsch und meinem Job. Sein Kindheits-Berufswunsch ist „Pirat und die Schätze der Südsee klauen“. War das nun Ironie oder ein ernsthafter Kindheitstraum?

Nachdem ich die Rückfrage nach Ironie abgeschickt hatte, bekomme ich zwei Sprachnachrichten. In der ersten Nachricht unterstellt er mir, dass ich offensichtlich gerne diskutiere und bereits jetzt extrem anstrengend sei. In der zweiten merkt man, dass er keine Ahnung von meinem Beruf hat, allerdings versucht er mir zu sagen, dass mein Job keinerlei Beachtung in seinem Mindset erhält. Diese Sprachnachricht kam nach nur 3 Textnachrichten. Warum ist Lukaz mit 35 Jahren wohl bloß immer noch Single?

Auch Jan, 35 Jahre, überrascht mich mit einem außergewöhnlichem Geschmack. Nachdem wir einige Textnachrichten ausgetauscht haben und auch klar ist, was man in solch einer Single App sucht, offenbart er mir etwas besonderes. Jan sieht die App wie eine Bar, in der er hübsche Frauen und auch „heiße“ Männer ansprechen möchte. Er gesteht mir, dass er bisexuell sei und an einem dreier mit zwei Männern interessiert ist. Mit diesem Geständnis hatte ich nicht gerechnet. Er untermauerte sein Bedürfnis kurz danach mit dem Satz „Ich weiß nicht, ob ich für immer auf einen Mann verzichten kann“.

Drei Dates mit drei Typen in drei Tagen

Viele Männer wollen mich sehr bald real treffen, um „keine Zeit zu verschwenden“. Frauen, ich auch, wollen ein paar Tage schreiben, um zu testen, wie groß das wirkliche Interesse ist. Und auch, ob der Mann auch noch nach ein paar Tagen schreibt. Ist das nicht der Fall, sucht er offenbar nicht nach einer festen Partnerin, sondern nach Bestätigung.

Ich habe mich auf drei Dates mit drei Typen an drei Tagen eingelassen. Am ersten Tag gingen wir zu zweit in einem Park spazieren. Die Nervosität auf dem Weg zum Treffen war extrem zu spüren. Während des Dates habe ich die Hoffnung, dass es trotz der Kälte und der Ungemütlichkeit aufgrund der Jahreszeit kein kurzes Date bleibt. Nach genau einer Stunde verabschiedet er sich. Noch eine Stunde später bekomme ich eine Nachricht von ihm: “Sorry, ich dachte es sei schon 20 Uhr und um ehrlich zu sein, musste ich total auf die Toilette“. Da ihm eine Stunde wie zwei Stunden vorkam, habe ich ihn wohl nicht umgehauen. Und dass er mir nicht sagt, dass er auf die Toilette muss, zeigt mir, wie unreif er offenbar ist.

Die beiden darauffolgenden Dates waren nett, aber ich sah beide Männer eher als Freund und nicht als Partner an meiner Seite.

Das erste Home-Date und der Super-GAU

Bereits vor über einem Jahr ereignete sich dieser Vorfall. Normalerweise kennt man das nur aus Filmen, dass etwas komplett Witziges oder sehr Anziehendes passiert. Doch diese Geschichte ist wirklich wahr: Es stand Date Nummer 3 mit Fynn, 33 Jahre und Influencer an. Die Bilder und sein Instagram-Account spiegelten allerdings keineswegs den „Mann“ wieder, den ich in der Realität kennengelernt habe. Zu unserem ersten Date kam er mit Anzug und Fliege und betonte, dass er keine einzige Jogginghose besitzen würde. Ich hingegen hatte einen dicken Winterpulli und Jeans an und trage überwiegend Jogginghosen bzw. Leggins.

Obwohl ich wusste, dass aus uns kein Liebespaar werden würde, ließ ich mich auf ein drittes Date ein. Da ich an dem Tag mit einer Magenverstimmung auf der Couch lag und er darauf bestand mich zu sehen, fand das “Date“ bei mir zu Hause statt. Als er vor mir stand, war ich ungeschminkt, hatte einen Dutt auf dem Kopf, wenig Farbe im Gesicht und trug eine Jogginghose.

Er stand vor mir in Anzug, schicken Schuhen und einem Sprüher zu viel Parfüm. Er war sichtlich erschrocken, als er mich sah. Eine Weile später kam ich aus dem Badezimmer zurück und erstarrte für einen kurzen Moment. Unabhängig davon, dass es mir körperlich aufgrund der Magenverstimmung vom Vorabend nicht gut ging, hatte ich Fynn an den Abenden vorher auch keinen Anlass gegeben, zu vermuten, dass ich „mehr“ von ihm wollen würde. Im Gegenteil. Ich legte mich von ihm weg, vermied Körperkontakt, rollte mich auf dem Sofa so zusammen, dass er mir nicht nah kommen konnte. Doch das alles ließ ihn völlig kalt. Als ich aus dem Badezimmer zurück ins Wohnzimmer kam, machte er den sogenannten „nackten Mann.“

Kurz danach saß er dann in seinem Auto, um nach Hause zu fahren und mich nie wieder zu sehen.