Masern, Röteln, Mumps, Tuberkulose und und und: Wie wirksam sind eigentlich Impfungen gegen diese Krankheiten im Vergleich zur Corona-Impfung? Wir haben uns schlau gemacht und liefern eine Übersicht. © picture alliance/dpa
Coronavirus

Masern, Polio und Co: So wirksam sind andere Impfungen im Vergleich zur Corona-Impfung

Tot oder schwer erkrankt trotz Corona-Impfung. Solche Nachrichten sorgen für Unruhe. Schützt die Corona-Impfung wirklich gut? Wir haben ihre Wirksamkeit mit anderen Impfstoffen verglichen.

943 Menschen starben bisher in Deutschland an oder mit einer Coronainfektion, obwohl sie vollständig gegen das Virus geschützt waren. 95.487 Menschen infizierten sich trotz kompletten Impfschutzes mit dem Virus. Das sind Zahlen aus dem Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom Donnerstag (21. Oktober), die für kritische Nachfragen sorgen: Schützt die Impfung wirklich verlässlich gegen das Coronavirus?

Das RKI beantwortet diese Frage mit Ja, sagt: Vor einer Infektion schütze eine Impfung zu mehr als 75 Prozent, vor einer Hospitalisierung zu – je nach Alter – 86 bis 90 Prozent und vor dem Tod zu 87 bis 98 Prozent. Wie aber sind diese Zahlen einzuordnen? Hilfreich ist bei der Beantwortung dieser Frage ein Vergleich mit anderen, gängigen Impfungen.

Auf unsere Anfrage zu entsprechenden Daten teilte das Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesinstitut für Impfstoffe, mit, dass man eine solche Übersicht zur Wirksamkeit aller Impfstoffe nicht bieten könne. Dafür wurden wir bei unserer Recherche in der Schweiz fündig. Dort hat im April 2000 die Medizinische Fakultät der Universität Genf in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie und dem Bundesamt für Gesundheit das Informationsportal „Infovac“ gegründet.

Auf diesem Portal gibt es unter anderem Informationen zur Wirksamkeit zahlreicher Impfungen. Dass die dort gemachten Angaben seriös und verlässlich sind, bestätigt das Paul-Ehrlich-Institut gegenüber unserer Redaktion: Es handle sich um eine „seriöse, vertrauenswürdige Seite, die fundierte Informationen bietet“. Sie führe – wie das Paul-Ehrlich-Institut selbst – das HON-Gütesiegel, „das nur an vertrauenswürdige Seiten vergeben“ wird.

Auf den Angaben von Infovac fußen die folgenden Angaben zur Wirksamkeit der Impfstoffe. Bei der Wirksamkeit schneiden einige besser, andere aber auch deutlich schlechter ab als die Corona-Impfungen. Wir haben die Impfungen hier in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt:

Covid 19

Den mRNA-Impfstoffen (Biontech, Moderna) gegen das Coronavirus bescheinigt Infovac zwei Wochen nach der zweiten Impfung einen Schutz von mehr als 90 Prozent. Vier Wochen nach der Impfung seien Personen zwischen 18 und 74 Jahren noch zu 66,9 gegen eine Infektion und zu 85,4 Prozent gegen eine schwere Covid-19-Erkrankung geschützt.

Diphtherie

Der Diphtherie-Impfstoff gewährleistet einen Schutz von etwa 90 Prozent vor Diphtherie, einer hochansteckenden, lebensgefährlichen Infektionskrankheit. Erwachsene bleiben geschützt, solange sie in einem Land leben, in dem die Mehrzahl der Kleinkinder geimpft wird. Gegen Diphtherie wird häufig in Kombination mit der Impfung gegen andere Krankheiten wie Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung und Meningitis geimpft.


Gelbfieber

Gelbfieber ist eine Virusinfektion, die durch eine Stechmücke übertragen wird. Sie kommt vor allem in Afrika sowie in Mittel- und Südamerika vor. Die Impfung gegen Gelbfieber ist sehr wirksam und liegt laut Infovac bei rund 100 Prozent. Die Wirkung tritt etwa zehn Tage nach der Impfung ein und hält ein Leben lang.

Grippe

Im Herbst und Winter ist Grippesaison. Die im Impfstoff enthaltenen Antigene entsprechen den im Umlauf befindlichen Viren. Da sich diese jährlich ändern, ist eine jährliche Impfung erforderlich. Laut Infovac schätzen Studien die Wirksamkeit je nach Saison und geimpften Personen auf 20 bis 80 Prozent. Bei bestimmten Personen, die zu einer Risikogruppe gehören, und insbesondere bei älteren Menschen ist die Grippeimpfung weniger wirksam. Sie kann aber Häufigkeit von Grippeerkrankungen und die Sterblichkeit durch Grippe verringern.

Gürtelrose

„Drei Jahre nach der Impfung werden etwa 51 Prozent der Fälle von Gürtelrose und 67 Prozent der Fälle von Post-Zoster-Neuralgien (starke Nervenschmerzen, Red.) bei gesunden Personen über 60 Jahre vermieden“, schreibt Infovac. Vier bis sieben Jahre später sinkt die Wirksamkeit des Impfstoffs auf etwa 40 Prozent der vermiedenen Fälle von Gürtelrose und 60 Prozent der vermiedenen Post-Zoster-Neuralgien. Nach sieben bis zehn Jahren beträgt der Schutz nur noch 21 bis 35 Prozent.

Hepatitis A

„Der Impfstoff ist sicher, wird gut vertragen und führt bei 99 Prozent der geimpften Personen nach zwei Dosen zur Immunität. Der Impfstoff hilft auch in 95 bis 100 Prozent der Fälle, Hepatitis-A-Symptome zu verhüten. In den seltenen Fällen, in denen Hepatitis A trotz Impfung auftritt, ist der Verlauf im Allgemeinen abgemildert. Bei älteren Personen kann der Impfstoff eine verringerte Wirksamkeit haben“, schreibt Infovac.

Hepatitis B

Nach einer vollständigen Impfung sind 95 Prozent der Jugendlichen für viele Jahre geschützt, wahrscheinlich lebenslang, schreibt Infovac. Werde die Impfung erst nach dem Alter von 20 bis 25 Jahren durchgeführt, sei sie etwas weniger effizient.

Haemophilus influenzae b (Hib)

„Haemophilus influenzae Typ b, auch „Hib“ abgekürzt, ist eine eher unbekannte Krankheit. Sie kann aber besonders bei Säuglingen und Kleinkindern schwer verlaufen und Hirnhaut- und Kehldeckelentzündungen auslösen“, schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Es gebe pro Jahr in Deutschland mehrere hundert Todesfälle. 1990 wurde die Impfung gegen Hib für alle Säuglinge eingeführt, seither erkranken nur noch einzelne Säuglinge und Kleinkinder schwer daran. Infovac gibt die Wirksamkeit mit „mindestens 95 Prozent“ an.

Humane Papillomaviren (HPV)

Humane Papillomaviren werden sexuell übertragen. Sie sind nach Angaben des Bundesamtes für gesundheitliche Aufklärung für die Entstehung verschiedener Krebserkrankungen im Genital- sowie Hals-Rachenbereich, insbesondere Gebärmutterhalskrebs verantwortlich. Laut Infovac gibt es verschiedene Impfstoffe, die jeweils einen unterschiedlichen Schutz bieten – je nach Krankheit, die durch die Viren ausgelöst werden. Dieser liege zwischen 45 und mehr als 90 Prozent. So reduzierte eine Impfung vor dem Alter von 17 Jahren beispielsweise das Risiko für Gebärmutterhalskrebs um 88 Prozent.

Keuchhusten

Die Impfung gegen Keuchhusten schützt laut Infovac zu 90 Prozent vor einem schweren Verlauf der Erkrankung, allerdings nur zu rund 14 Prozent vor allen Formen. Der Schutz der Säuglinge durch eine Impfung der Mutter während der Schwangerschaft erreiche für alle Formen zusammen mehr als 90 Prozent.


Kinderlähmung

„Einzelimpfstoffe gegen Polio oder Kombinationsimpfstoffe gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio, Hib, Meningitis (mit oder ohne Hepatitis B) gewährleisten einen Schutz von mindestens 95 Prozent vor Kinderlähmung“, schreibt Infovac.

Masern

„Nach zwei Impfdosen beträgt die Wirksamkeit der Masern-Impfung mehr als 97 Prozent. Bei den meisten vollständig geimpften Personen hält der Schutz das ganze Leben an“, so Infovac.

Meningokokken

Meningokokken sind weltweit vorkommende Bakterien, die eine schwere bakterielle Hirnhautenzündung oder auch eine Blutvergiftung auslösen können . Die Wirksamkeit einer Impfung beträgt laut Infovac bei Kindern zwischen 1 und 4 Jahren 83 bis 98 Prozent, bei Kindern zwischen 11 und 18 Jahren 93 bis 96 Prozent.

Mumps

Nach zwei Impfdosen sind rund 85 Prozent der Personen gegen Mumps geschützt. Eine Einzeldosis schützt allerdings bestenfalls zu etwa 60 Prozent.

Bei den meisten vollständig geimpften Personen hält der Schutz das ganze Leben an.


Pneumokokken

Pneumokokken sind die häufigsten Erreger schwer verlaufender Infektionen durch Bakterien. Sie können Hirnhaut-, Lungen- oder Mittelohrentzündungen verursachen. Die Impfung schützt vor rund 13 Pneumokokkenarten, die für 75 bis 90 Prozent aller schweren Erkrankungen bei Kleinkindern verantwortlich, so Infovac.

Rotavirus

Rotaviren sind weltweit der häufigste Auslöser für Durchfallerkrankungen bei Kindern. Eine Impfung verhindert 75 bis 80 Prozent aller Rotavirus-Infektionen, 85 bis 95 Prozent aller schweren Infektionen und 95 bis 100 Prozent aller durch Rotaviren verursachten Hospitalisationen.

Röteln

Nach zwei Impfdosen sind laut Infovac mehr als 98 Prozent der Geimpften gegen Röteln geschützt. Bei den meisten vollständig geimpften Personen hält der Schutz das ganze Leben an.


Starrkrampf (Tetanus)

Kombinationsimpfstoffe, die Tetanus-Impfstoff enthalten, gewährleisten einen Schutz von mindestens 98 Prozent vor Tetanus, soweit die letzte Auffrischung nicht zu lange zurückliegt.

Tollwut

Die komplette Impfung gegen Tollwut bietet einen praktisch vollständigen Schutz, wenn nach einem verdächtigen Biss zwei zusätzliche Impfdosen gegeben werden.

Tuberkulose

Der Impfstoff senkt die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung an Tuberkulose um 19 bis 27 Prozent und kann das Fortschreiten einer bereits aktiven Tuberkulose um 71 Prozent reduzieren, so Infovac.

Typhus

15 Tage nach Einnahme der letzten Kapsel bietet die Impfung einen Schutz von 50 bis 70 Prozent. Der Schutz hält längstens ein Jahr an

Windpocken

Der Impfstoff schützt nach Angaben der Schweizer Wissenschaftler zu 80 Prozent vor allen Windpockenformen und zu 90 Prozent vor schweren Verlaufsformen oder mit Komplikationen verbundenen Windpocken.

Zeckenenzephalitis (FSME)

Die FSME (das steht für Frühsommer-Meningoenzephalitis) ist eine Viruskrankheit, die durch den Stich einer infektiösen Zecke übertragen wird. Sie kann in schweren Fällen zu einer Hirnhautenzündung führen. Da es sich um eine Viruserkrankung handelt, kann sie nicht mit Antibiotika behandelt werden. Die Impfung ist daher der einzige wirksame Schutz. Die ersten beiden Dosen, die im Allgemeinen im Abstand von einem Monat verabreicht werden, bieten laut Infovac bereits einen wirksamen, aber zeitlich begrenzten Schutz. Die dritte Impfdosis kann fünf Monate nach der zweiten Dosis gegeben werden und gewährleistet einen Schutz von über 95 Prozent für mindestens zehn Jahre.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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