Musik aus NRW entdecken: Diese Künstler kommen aus der Region

eine schallplatte
Es muss nicht immer der große internationale Superstar sein: Hören Sie mal in die Musikszene aus Nordrhein-Westfalen, die wirklich Spannendes zu bieten hat. © Pexels
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NRW hat nicht nur einige der bevölkerungsreichsten Städte des Landes – es ist auch ein Bundesland voller Kreativität. Gute Musik von deutschen Acts entsteht nicht immer in Berlin oder Hamburg. Leider bekommt man von manchen nicht immer etwas mit, da sie sich noch nicht gegen die starke Konkurrenz durchsetzen konnten oder nur regional bekannte Künstler bleiben wollen. Wir zeigen 14 tolle Veröffentlichungen aus diesem Jahr, von denen Sie womöglich noch nichts mitbekommen haben, aber eigentlich sollten:

Janou – Fluid Ground

Absolute Überraschung aus Bochum: Janou haben es mit ihrer sieben Tracks umfassenden EP geschafft, ausschließlich gute bis sehr gute Songs zu präsentieren. Das Alternative-Pop-Duo weiß mit sphärischen, leicht elektronischen Beats und einer rauchigen, fesselnden Altstimme auf Anhieb zu begeistern. Da funktioniert ein Coversong wie der Black-Keys-Klassiker „Lonely Boy“ als „Lonely Girl“-Version genauso gut wie die eingängige Leadsingle „Down“. Der wahre Emotionshöhepunkt ist jedoch mit der Klavierballade „Solitude“ erreicht, das von bekannten Sängerinnen gesungen auch ein weltweiter Hit wäre. Kennengelernt haben sich die Beiden in einer Bar. Bochum das neue London? London Grammar trifft auf Zoe Wees. Bloß entdecken, bevor alle anderen es tun werden.

Bobby Fletcher & Koljah – Vielleicht ist es besser so

Neumodischer Deutsch-Rap, tschüss, auf Wiedersehen! Bobby Fletcher & Koljah bringen gemeinsam den Flair zurück, als deutscher Rap zwar schon eine große Fanschar besaß und hin und wieder in den Charts vorzufinden war, aber noch nicht mit möglichst wenig Aufwand am Fließband produziert wurde. „Vielleicht ist es besser so“ ist ein absolut hervorragendes Album mit klugen Lyrics und Sounds, die einen direkt 20 Jahre zurückversetzen. Da werden Erinnerungen an Samy Deluxe, Curse, Freundeskreis, Kool Savas oder Azad wach. Mag daran liegen, dass einige Songideen bereits seit dem 00er-Jahrzehnt in den Schubladen verweilen. Koljah, der mit der Antilopen Gang eh einer der Größten im gegenwärtigen Rap-Genre ist, bringt seinen Düsseldorfer Kindheitsfreund Bobby Fletcher hier ganz groß nach vorne. Gemeinsam entstehen 40 Minuten voller Tracks mit Wiederhörfaktor. Gänsehaut-Moment: „Sowas von nichts“ mit der 3p-Legende Illmatic.

Long Distance Calling – Eraser

Gute, erfolgreiche, instrumentale Musik aus NRW? Da kann nur von Long Distance Calling die Rede sein. Die Münsteraner haben nach ihrer EP „Ghost“ aus dem Vorjahr, die in einer Livesession eingespielt wurde, nun wieder ein Album am Start, für das sich mehr Zeit genommen wurde. Das kann in der Qualität problemlos an den kommerziell erfolgreichen Vorgänger „How Do We Want To Live?“ anknüpfen, mit dem das Post-Rock-Quartett erstmalig die Top 10 der Albumcharts knacken konnte. Die fast eine Stunde, die „Eraser“ umfasst, zaubert wieder teils nach vorne gehende Energiesongs („Giants Leaving“), teils nachdenkliche Nummern mit Weltuntergangscharakter („Sloth“). Eben genau das, was man von der musikalisch avancierten Band erwartet. Treibend, progressiv und so voller Wechsel („Blood Honey“), dass man Gesang abermals keine Sekunde vermissen braucht.

Vomit Heat – Second Skin

Hinter Vomit Heat verbirgt sich der in Essen geborene, aber in Köln ansässige Musiker Nils Herzogenrath, der nicht weniger als sechs Jahre an seiner neuen LP „Second Skin“ herumgedoktert hat. Das lässt sich sogar hören, sind nämlich die quantitativ ungewöhnlich langen 54 Minuten mit vielen vielschichtigen Sounds und Ideen gespickt. Das wunderbar experimentelle, psychedelische, krautrockige und dennoch melodiöse Album ist das, was man hören möchte, wenn einem im Cabrio der Wind um die Ohren bläst und der Tag reflektiert werden mag. Vomit Heat lässt seinen Tracks genug Raum, um zu reifen, statt sie in zwei Minuten Spotify-Länge zu kürzen. Starke Instrumentalparts mit Sogwirkung wechseln sich mit genauso atmosphärischen Gesangsparts ab. Erinnert an Lord Huron. Richtig gut.

Drens – Holy Demon

Dortmund macht selten als Musikstadt auf sich aufmerksam. Hin und wieder kommt dann aber doch etwas um die Ecke, wofür man die Lauscher öffnen sollte: Das Quartett Drens hat schon mit seiner EP vor zwei Jahren erste begeisterte Fans gefunden und wird nun mit dem Debütalbum, seinen zehn Tracks und 32 Minuten Länge die Publikumsmenge vervielfachen. Mit einer stimmigen Mischung aus Nachdenklichkeit, Schwere und dennoch optimistischer Gute-Laune-Kompositionen werden die Dortmunder dieses Jahr noch ohne Zweifel für einige Moshpits auf ihren Gigs sorgen. Wem der Sound irgendwie bekannt vorkommt: Die Jungs sind bereits auf dem Soundtrack der Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“ gelandet. Dortmund kann.

Kreator – Hate über alles

40 Jahre Bandgeschichte. Das muss man erstmal nachmachen. Kreator sind seit den 80ern absolute Größen des Thrash Metal. Mit dem 15. Studioalbum „Hate Über Alles“ steht nach knapp fünfeinhalb Jahren endlich neues Material der Essener parat – so lange mussten Fans noch nie verharren. Dafür gibt es nun aber elf Titel, die richtig schön scheppern und die Hütte mit ordentlich Spielfreude abreißen. Wer denkt, hier werde in so düsteren Zeiten wie heute noch Hass geschürt, liegt falsch: Frontmann Mille Petrozza weiß nämlich, dass Hass der Ursprung allen Übels ist und geht in seinen Texten demonstrativ dagegen an. Ohren auf, Energie bündeln, klug abreagieren und den Kreator-Fan nebenan also einfach mal liebevoll in den Arm nehmen. Unbedingt das epische Finale „Dying Planet“ mit guten Kopfhörern reinziehen!

Brenda Blitz – Schock Herzbrand

Von ihrer Geburtsstadt Gelsenkirchen zog Brenda Blitz bereits nach Brasilien, aber auch nach Bochum. So ganz entscheiden kann sie sich also nicht. Auch nicht in ihrem Sound, was aber dem eingängigen New-Wave-80s-Pop der jungen Künstlerin nur positiv in die Karten spielt. Auf ihrer zweiten EP, die sie gemeinsam mit trendigen Produzenten zusammenstellte, die auch schon für Alli Neumann oder Bilderbuch ihr Können beweisen durften, gibt es sechs ziemlich groovige Hits für die nächste Generation. Feministisch, empowernd, witzig und mit Mitsing-Momenten. Da geht es um den „Energievampir“, den jeder viel zu oft im Umfeld hat oder auch um das Herbeiwünschen von unrealistischen Schönheitsidealen wie in „Barbie“. Das hat Potenzial!

Liser & Taby Pilgrim – JA

Diesen Sommer erschien eine der spannendsten Platten des Jahres, allerdings nicht auf einmal, sondern in Häppchen: Schon seit dem 29.4. veröffentlichten die Newcomerinnen Liser und Taby Pilgrim aus Köln und Essen im Zwei-Wochen-Rhythmus nicht einfach einen neuen Song ihrer ersten gemeinsamen EP „Ja“, sondern zusätzlich auch passende Musikvideos und eine Episode zur eigenen Mini-Serie. Mit diesem multimedialen Projekt machen die zwei talentierten Ladies mit ziemlich klugen, vielschichtigen Texten und Beats alles richtig. Sämtliche Titel wechseln musikalisch zwischen typischem Deutsch-Rap mit Trap-Rhythmen und einem mutigen Blick Richtung Swing, Country, Pop und Punk. Das ist Feminismus mit Köpfchen und sowas von 2022.

Seyran – 2022

Von Baku nach Köln: Seyran ist in Aserbaidschan geboren, aber schon seit mehreren Jahren in dem schönsten Bundesland der Nation ansässig. Er konnte 2019 bereits bei „The Voice of Germany“ auf sich aufmerksam machen und die Jury begeistern – nun greift er mit einer acht Tracks umfassenden EP an, die super professionell produziert klingt und richtig starken Pop bereithält. Problemlos könnte der Künstler damit sein Heimatland beim Eurovision Song Contest vertreten. Die liefern nämlich jährlich ähnlich dramatische, eingängige und dennoch mitreißende Titel. Orientalische Sounds, vier Oktaven Stimmumfang, laszive Augenblicke, Beats für die queere Disko, stylisches Auftreten und treffsichere Melodien ergeben eine EP mit hoher Qualität. „My Name is Loneliness“ schreit nur so nach Hit.

MAZ‘N – On My Mind

Eine EP, bei der der Macher dahinter nicht nur als Produzent fungiert, sondern auch das Klavier, die Synthies und Klarinette eingespielt hat, selbst singt, und das Endresultat dazu noch wie von einem namhaften DJ klingt – so ein Ergebnis bekommt man nicht alle Tage. MAZ’N, bürgerlich Christian Junge, aus Köln hat aber auf seinen vier Songs auf „On My Mind“ genau das gewagt und echt sehr stimmige 13 Minuten erschaffen. Die wandeln zwischen Dream-Pop, House, Electro und Minimal hin und her und fühlen sich wirklich gut an. Frische, tanzbare Rhythmen, die man im Club um fünf Uhr morgens hören mag, kurz bevor das Licht angeht. Das Opening „Hold on“ hat richtige Love-Parade-90er-Vibes.

Karmakind – Mosaik

Ein spannendes Projekt aus Bochum lässt aufhorchen. Karmakind bieten auf ihrem Debütalbum satte 79 Minuten Musik, aufgeteilt auf zwölf Tracks, die gleich mehrmals die acht Minutenmarke knacken. Klingt vielleicht zunächst erschlagend, ist aber beim Entdecken die perfekte Länge, um abzutauchen. „Mosaik“ ist eine LP, die mit Sprachen spielt – Deutsch, Englisch, Arabisch, Kurdisch, Spanisch – genauso wie mit Instrumenten – Flöte, Synthies, Gitarren – und mit Genres. Hier mag man sich nämlich zwischen House, Goa, Psychedelic, Dubstep und World Music nicht entscheiden, was letztendlich genau die richtige Entscheidung ist. Ob mit hochwertigen Kopfhörern im Bett, um eine Klangreise zu erleben oder live vor der Bühne tanzend: Unangepasst und trotzdem gut zugänglich. Aufgepasst: Ein Remixalbum mit neun Alternativversionen existiert auch schon.

Charly Klauser – Mehr

Diverse Instrumente eingespielt, Songideen selbst entwickelt, fast alles im Alleingang geschrieben und produziert: Die Kölnerin Charly Klauser hat für ihr Debütalbum geklotzt und nicht gekleckert. Ihr Anspruch an sich selbst ist durch ihren Aufstieg in der Riege der gefragtesten Musikerinnen des Landes nur nochmal gestiegen. Peter Maffay, Johannes Oerding, Die Ärzte, Tim Bendzko, Alvaro Soler, Sasha – bei allen hat sie schon gespielt oder gar mit ihnen gesungen. Zusätzlich sieht man sie regelmäßig in der Band der „Carolin Kebekus Show“. Auf „Mehr“ ist sie aber ganz nah bei sich selbst und vertont ihre sehr verletzlichen, emotionalen Gedanken. Songs wie „Zuhaus“, „Ich muss gar nichts“ oder das hervorstechende „Im Überall“ bringen wohl viele Zuhörer zum melancholisch-zustimmenden Nicken.

Wahnschaffe – Bumm, Bumm, Bumm, Bumm

Der Titel deutet es an. Herzen schlagen. Solange sie es aber noch tun, ist eigentlich alles ok. Die Kölner Musikerin Wahnschaffe befasst sich in den 20 Minuten ihrer zweiten EP mit Gefühlswelten der letzten zwei, sehr prägenden Jahre. Musikalisch ist dabei etwas wirklich Gelungenes herausgekommen. Die fünf Songs gehen super ins Ohr, machen Spaß, erinnern einerseits an Deutsch-Pop-Größen wie Mine oder Judith Holofernes und sind andererseits leichter Pop-R’n’B mit Singer/Songwriter-Note. Die Stimme hat etwas von Eva von Juli mit größerer Range. Jeder Track ist hörenswert und macht Lust auf ein ganzes Album. Tipp: „Schattenspiel“.

Annelu – sth. to feel

Geboren im tiefsten Bayern, nun mit anderen kreativen Künstlern in Köln im regen Austausch: Annelu sieht ihr Debütalbum „sth. to feel“ als Coming-of-Age-Platte, obwohl sie bereits Mitte 20 ist. Deswegen drehen sich die zwölf Songs alle in irgendeiner Form um intensive Gefühle. Die LP hat einen Hauch 2000er-Pop-Melancholik. Besonders Songs wie „Just In My Head“ und „Take Me Out Tonight“ haben durch die sanfte Stimmfarbe der Sängerin einerseits einen klassisch-verträumten Charakter, werden jedoch durch moderne Synthie-Beats aufgemotzt. Die Refrains gehen angenehm durch, einiges bleibt beim ersten Hören direkt hängen.