Sie kommen nachts aus Holland und sprengen Geldautomaten in Nordrhein-Westfalen in die Luft. Nach Einschätzung des Landeskriminalamtes wird es künftig noch schwerer, diese Täter mit marokkanischen Wurzeln zu fassen. Das liege auch an Entscheidungen niederländischer Behörden. © picture alliance/dpa
Geldautomaten-Sprengungen

Niederlande lassen Geldautomaten-Bomber schnell frei – die schlagen sofort wieder in NRW zu

Das Landeskriminalamt NRW zeichnet ein düsteres Bild, wenn es um gesprengte Geldautomaten geht. Harsche Vorwürfe richten sich gegen die Banken selbst, aber auch gegen die Niederlande.

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass irgendwo in Nordrhein-Westfalen Verbrecher mitten in der Nacht einen Geldautomaten sprengen. Allein in den vergangenen Wochen wurden unter anderem in Dortmund, Bergkamen, Bochum, Marl und im Münsterland Geldautomaten gesprengt. Gegenüber unserer Redaktion macht das Landeskriminalamt (LKA) keine Hoffnung, dass es hier bald eine durchgreifende Besserung geben wird. Ganz im Gegenteil.

Im Jahr 2020 kam es in Nordrhein-Westfalen in 176 Fällen zur Sprengung von Geldautomaten, wobei es in 119 Fällen beim Versuch blieb. 47 dieser Taten oder 26,7 Prozent gelten als aufgeklärt.

Allein in diesem Jahr schon 99 Fälle

Im Jahr 2021 wurden bisher 99 Sprengungen gezählt, von denen 57 erfolglos blieben. Aufgeklärt wurden von diesen Taten bislang lediglich 17 Prozent, wobei das LKA anmerkt, dass etwa die Hälfte der Straftaten erst zwischen Juli und September verübt wurde. Hier kann es also noch Ermittlungserfolge geben und sich so die Quote verbessern.

Viel Hoffnung auf eine durchgreifend bessere Aufklärungsquote macht das LKA allerdings nicht und nimmt dabei zum einen die hiesigen Banken und Geldinstitute, zum anderen aber auch die Behörden bei unseren Nachbarn in den Niederlanden ins Visier. Hauptverantwortlich für die Geldautomatensprengungen in NRW sind nämlich nach Erkenntnissen des LKA etwa 500 in Utrecht und Amsterdam lebende Täter mit marokkanischen Wurzeln.

Die Täter sind kaum in die normale Gesellschaft zu integrieren

„Diese stammen zum Teil generationsübergreifend aus einem subkulturellen Umfeld und sind nur schwer oder gar nicht in das normierte gesellschaftliche Umfeld zu integrieren“, berichtet ein Sprecher des LKA gegenüber unserer Redaktion von den Erkenntnissen der Ermittlungskommission „Heat“. Diese beschäftigt sich seit 2015 mit der Aufklärung von Geldautomaten-Aufbrüchen in NRW.

Diese 500 Täter agieren laut LKA nicht in festen Clan-Strukturen, sondern in sogenannten „fluiden Netzwerken“, das heißt: Von Fall zu Fall, von Tat zu Tat wechselt die Zusammensetzung der Tätergruppe. Dass sie sich vor allem in Nordrhein-Westfalen Ziele aussuchen, dafür führt der LKA-Sprecher – neben der räumlichen Nähe zu den Niederlanden und den sehr guten Verkehrsverbindungen mit schnellen Fluchtmöglichkeiten – vor allem drei Gründe an:

Niederlande schützt seine Automaten besser und hat viel weniger als NRW

1. In den Niederlanden seien die Vorbeugemaßnahmen zum Schutz der Geldautomaten wesentlich höher als in Deutschland. Anders ausgedrückt wird ein Vorwurf an die deutschen Geldinstitute daraus: „Die Banken haben noch nicht alle Präventionsmaßnahmen der Polizei umgesetzt“, sagt der LKA-Sprecher und: „Insbesondere wird der Ab- und Rückbau nicht als priorisiertes Ziel der Banken angenommen.“

Ein ausschließlich auf Sicherung der Automaten ausgerichtetes Konzept werde die Zahl der Taten nur verringern, wenn die Beute z.B. durch Geldeinfärbe- oder Verklebesysteme unbrauchbar gemacht werde. Aber bis heute seien nicht einmal alle Geldautomaten mit Farbpatronen gesichert.

Daher müsse man davon ausgehen, dass die Täter sich „auf die aktuellen Sicherungsvorkehrungen eingestellt haben“. Daher erlangten sie „in immer mehr Fällen Beute“. Das wiederum stelle einen großen Anreiz dar, weitere Taten zu begehen, so der LKA-Experte. Da nütze es wenig, wenn Automaten punktuell gut gesichert seien, weil die Täter in diesen Fällen einfach ausweichen würden.

„Solange Automaten in einer solchen Vielzahl aufgestellt sind, wird es derartige Taten geben. Ein Ansatz wäre, dass die Banken gemeinschaftlich deutlich weniger Geräte betreiben und diese dann herausragend gesichert und unter Umständen auch an für die Täter unattraktiven Orten aufgestellt sind“, sagt der LKA-Sprecher. Bei derzeit 10.000 Geldautomaten in NRW – von bundesweit 60.000 – sei Nordrhein-Westfalen einfach ein höchst attraktives Ziel.

Niederlande lösen zwei Ermittlerteams auf

2. Weil es in Deutschland einfacher ist, Geldautomaten zu knacken als in den Niederlanden, sind in unserem Nachbarland die Fallzahlen deutlich gesunken, erläutert der LKA-Sprecher. Das habe eine für nordrhein-westfälischen Ermittlerteams unangenehme Folge: Die Niederlande haben zwei der drei Ermittlerteams für die Aufklärung von Automaten-Sprengungen aufgelöst, mit denen die deutsche Polizei kooperiert habe.

Das habe drastische Konsequenzen, berichtet das LKA: „Begrenzte Ressourcen führen dazu, dass wesentlich weniger gemeinsame Ermittlungsverfahren geführt werden können und somit faktisch zu einer deutlichen Verschlechterung der Bekämpfungssituation in NRW. Gemeinsame verdeckte Verfahren waren in der Vergangenheit der Schlüssel zu vielen Ermittlungserfolgen und Festnahmen sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden. Das wird in diesem Umfang in Zukunft nicht mehr möglich sein“, prophezeit der LKA-Sprecher.

Das Vorgehen der niederländischen Justiz ärgert das LKA

3. Als dritten Faktor dafür, dass NRW attraktiv für solche Verbrecher ist, hat das LKA die niederländische Justiz ausgemacht. Die Justiz in Deutschland und den Niederlanden sei „nicht homogen“, sagt der LKA-Sprecher und verdeutlicht die Folgen an einem konkreten Beispiel.

So hätten Täter in Deutschland mit unterschiedlichsten Strafen zu rechnen, die von Bewährungsstrafen bis hin zu mehr als zehn Jahren Haft reichen könnten. Aufgrund europäischer Regeln werde ein Täter nach seiner Verurteilung in Deutschland in der Regel in die Niederlande überstellt, um dort seine Strafe abzusitzen.

Und das sei durchaus problematisch, erläutert der LKA-Sprecher: „Dort erhalten viele Täter zeitnah Hafturlaub oder werden unter Auflagen zur Bewährung entlassen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Täter unmittelbar wieder Geldautomatensprengungen in Deutschland durchführen und sich von den Strafen nur unwesentlich oder gar nicht beeindrucken lassen.“

Was mit den gefassten Tatverdächtigen geschehen ist

Dass zudem die Zahl der gefassten und verurteilten Gelautomaten-Bomber durchaus überschaubar ist, zeigt ein Blick auf die vom LKA auf Anfrage genannten Daten. Demnach wurden seit Januar 2020 bis heute 45 Tatverdächtige gefasst.

In den Fällen, in denen das LKA als Ermittlungsbehörde eingeschaltet war – was nicht immer der Fall war – gebe es derzeit folgende Bilanz: Insgesamt fünf Täter seien zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden, einer zu zweieinhalb Jahren, einer zu vier Jahren und einer zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft.

Ein Tatverdächtiger befinde sich in den Niederlanden in Untersuchungshaft. Er solle für das Gerichtsverfahren nach NRW überstellt werden, so das LKA. Zwei weitere Tatverdächtige seien in den Niederlanden festgenommen worden. Ob sie sich noch in Haft befinden, wisse man nicht, so das LKA.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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