Theologie-Professor zum Papst-Brief: „Wir brauchen keine Kirche der staatlichen Privilegien“

Redakteur
Der Moraltheologe Prof. Dr. Peter Schallenberg sagt: „Ohne Zweifel: Es braucht eine staatliche Kommission der transparenten Aufarbeitung des Missbrauchs und der Entschädigung der Opfer und zugleich des neuen Anfangs in der guten Tradition der apostolischen Kirche.“
Der Moraltheologe Prof. Dr. Peter Schallenberg sagt: „Ohne Zweifel: Es braucht eine staatliche Kommission der transparenten Aufarbeitung des Missbrauchs und der Entschädigung der Opfer und zugleich des neuen Anfangs in der guten Tradition der apostolischen Kirche.“ © Wolfram Kiwit
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Prof. Dr. Peter Schallenberg lehrt als Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Paderborn. 2018 berief ihn Papst Franziskus in das „Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen“ im Vatikan, wobei „Dikasterium“ ein anderer Begriff für „Amt“ oder große Abteilung ist. Mit Dortmund ist Schallenberg eng verbunden. Als Nachfolger von Reinhard Marx wurde er 1997 Direktor der Kommende, dem Sozialinstitut der Diözese Paderborn.

In einem offenen Brief hat Schallenberg nun auf den an den Papstbrief von Ulrich Breulmann reagiert. Er schreibt:

„Lieber Herr Breulmann,

ich bin zwar nicht der Papst, an den Sie Ihren offenen Brief gerichtet haben, aber ich bin wie der Papst katholischer Priester und arbeite regelmäßig im Vatikan und habe Ihren Brief mit großem Interesse und auch zum Teil mit Zustimmung gelesen, Danke dafür!

Zustimmend teile ich Ihre Erschütterung über die Untaten und Verbrechen, die im Raum der katholischen Kirche begangen wurden wie auch die Erschütterung über den oft unfassbar sorglosen, wurstigen und menschenverachtenden Umgang mit diesen Untaten. Vor allem mit den Opfern, aber auch mit den Tätern, die statt Therapie zumeist Versetzung erhielten.

Zustimmung auch zu Ihrer Einschätzung nach wie vor mangelhafter Transparenz und den beklagenswerten und fehlerhaften Antworten der Juristen im Auftrag des emeritierten Papstes Benedikt XVI. auf die Fragen der Münchner Anwaltskanzlei. Und ich stimme Ihnen ausdrücklich zu: Die Kirche in ihrer bisherigen Form liegt im Sterben!

„Wir brauchen statt der Staatskirche eine Bekenntniskirche“

Aber… und jetzt beginnt mein nicht zustimmender Teil der Antwort.

Diese Form der Volkskirche, eher: der Staatskirche, ist in der Tat am Ende, sie löst sich auf seit dem Tode Francos 1975 in Spanien, seit über hundert Jahren in Frankreich, seit 1968 in den Niederlanden und Belgien, seit einigen Jahren in Polen und auch bei uns seit 1968 und radikal seit 2010 und den ersten bekannten Missbrauchsfällen. Und das ist gut so!

Wir brauchen keine Kirche der staatlichen Privilegien, üppiger finanzieller Staatsleistungen, ja auch keine Kirche mehr der staatlich eingezogenen und den Diözesen überwiesener Kirchensteuern! Wie wir dann caritative Einrichtungen finanzieren werden, muss im Sozialstaat verhandelt werden. Jedenfalls braucht es gewiss auch kein eigenes kirchliches Arbeitsrecht für private, katholisch benannte Träger der freien Wohlfahrtspflege. Wir brauchen statt der Staatskirche eine Bekenntniskirche, also die Gemeinschaft von Menschen, die an Jesus Christus und seine Botschaft der Liebe Gottes, seines Vaters, glauben, und diesen Glauben in ihrem Leben umsetzen wollen.

Zwei unterschiedliche Modelle im Christentum

Dafür aber gibt es in der Geschichte des Christentums grundsätzlich zwei Modelle: erstens das sakramentale und apostolische Modell, das die römische Kirche und auch orthodoxen und orientalischen Kirchen umfasst, und an die Weitergabe des jesuanischen Glaubens durch die Apostel und ihre Nachfolger, die Bischöfe, mit der Spendung der sieben Sakramente glaubt. Dazu gehört explizit auch die Tradition des Zölibats, nicht als Herabsetzung der Sexualität, sondern als Hochschätzung der Lebensform Jesu und als lebendiger Gottesbeweis: Leben gelingt durch die lebenslange Bindung an einen anderen Menschen in der Ehe und auch in der lebenslangen Bindung an Gott. Dazu gehört explizit nicht die Diskriminierung von anderen Lebensformen als der heterosexuellen sakramentalen Ehe, auch wenn all diese verschiedenen Lebensformen nicht ein Sakrament sind.

Zweitens gibt es seit 1517 das reformatorische und protestantische Modell, das vor allem an die Weitergabe des Glaubens durch das Hören auf das Wort Gottes in der Schrift und auf das eigene Gewissen glaubt, ohne allerdings die sieben Sakramente.

„Den scheinbaren Zufall als Notwendigkeit zu ergreifen, macht ja die menschliche Freiheit aus“

Beide Modelle des christlicheren Glaubens sind vollkommen legitime Alternativen in einem freien Land, und auch ich wäre vermutlich nicht katholisch, wenn ich nicht in Arnsberg im Sauerland, sondern in Trondheim oder im Hochland von Sumatra aufgewachsen wäre… Vieles in unsrem Leben, auch im religiösen Leben, ist Zufall, manchmal sogar Freundschaften und Ehen…, aber den scheinbaren Zufall als Notwendigkeit zu ergreifen, macht ja die menschliche Freiheit aus!

Ich bin nicht dafür, diese beiden Modelle und Profile zu verwischen und zu vermischen, eher bin ich für einen edlen Wettstreit auf dem Markt der religiösen oder auch der nicht-religiösen Möglichkeiten. Jeder ist frei, Gottseidank, zu glauben oder nicht zu glauben.

Aber die römisch-katholische Kirche muss und kann ihren Teil dazu beitragen – nach notwendiger Reform und ohne Brokat und Gold und Eitelkeiten – und helfen, an den Gott Jesu Christi glauben zu können.

„Wehe der Kirche, die der Suche nach Gott im Wege stände!“

Lieber Herr Breulmann, Sie schreiben sehr richtig: „Das religiöse Verlangen nach Sinn und Tiefe lebt weiter in uns.“ In der heutigen Form der privilegierten Staatskirche kann dieses Verlangen in der Tat nicht mehr befriedigt werden. Wehe der Kirche, die der Suche nach Gott im Wege stände!

Daher ja: unbedingte Aufarbeitung des Unrechts — ohne je die Unschuldsvermutung zu vergessen – und zugleich Reform. Re-Formatierung im Sinne und Willen Jesu, wie ihn die Apostel und die frühen Christen unter Leitung des römischen Papstes verstanden haben.

„Es braucht eine staatliche Kommission der transparenten Aufarbeitung des Missbrauchs“

Ohne Zweifel: Es braucht eine staatliche Kommission der transparenten Aufarbeitung des Missbrauchs und der Entschädigung der Opfer und zugleich des neuen Anfangs in der guten Tradition der apostolischen Kirche. Maßstab kann einzig und allein Matthäus 25, 40 sein, wo Jesus sagt: „Was Ihr für einen der Geringsten getan habt, habt Ihr mir getan!“ Und nicht sagt: Was Ihr für Eure öffentlich wahrnehmbare Wichtigkeit getan habt…

Danke für Ihren guten Brief und mit herzlichen Grüßen

Ihr Peter Schallenberg“