Kurz vor Weihnachten feierte der FC Schalke 04 das 1:1 gegen den Hamburger SV wie einen Sieg. © Tim Rehbein/RHR-FOTO
Schalke 04

Das Schlachtengemälde von Hamburg

Der letzte Eindruck wirkte wie ein Weihnachtsgeschenk für S04-Fans: Schalke scheint wieder eine Mannschaft zu haben, die diesen Namen verdient

An dieser Stelle auch von mir ein frohes neues Jahr an alle Leserinnen und Leser. Ich hoffe, Sie haben gut reingefeiert. Wenn auch hoffentlich nicht so wild wie die Menschen in Manchester zum Jahreswechsel 2015/16. Damals kursierte ein Bild der Party: Ein Mann lag auf der Kreuzung, den Bauch frei, er griff mit letzter Kraft nach seinem Bier auf dem Weg. Einen Meter weiter stellten Polizisten jemanden, während mutmaßlich seine Freundin auf die Beamten einschrie. Eine andere Frau lief unbeeindruckt durch die Szenerie, die Meute im Hintergrund wartete vor einer Bäckerei. „Ein Renaissance-Kunstwerk“, titelte der britische „Guardian“ und zog Vergleiche zu da Vinci.

Nach dem Spiel gegen den Hamburger SV lagen Malick Thiaw und Darko Churlinov erschöpft auf dem Platz. © Tim Rehbein/RHR-FOTO

Warum ich das schreibe? Nun, kurz vor Weihnachten bildeten auch die Schalker Spieler ein Schlachtengemälde. Nur kämpften sie nicht gegen den Alkohol, sondern gegen den Hamburger SV. Nach dem famosen 1:1 lagen sie über den Rasen verstreut auf dem Boden, sie pumpten, sie strichen sich übers Gesicht, sie waren ausgelaugt. Thomas Ouwejan hockte neben Keeper Martin Fraisl, umarmte ihn und schaute über den Platz. Mehmet Aydin sank dahin, strecke die Beine erschöpft von sich, Malick Thiaw war vollkommen außer Atem, Salif Sane stützte die Arme auf die Knie. Wenn diese Saison für Schalke erfolgreich verlaufen sollte, so muss man diese Bilder mal als Renaissance-Kunstwerk umsetzen.

Denn wann hat sich eine Schalker Mannschaft zuletzt so verausgabt, um noch diesen einen Punkt (verdient hätte sie drei gehabt) zu ergattern? Die Fans hatten sich im letzten Jahr an Bilder gewöhnt wie die wegwerfenden Armbewegungen von Shkodran Mustafi, den zerknischten Mark Uth auf der Rolltreppe, die müden Augen von Christian Groß. Ein Spieler hatte nach der Heimniederlage vor einem Jahr gegen den SC Freiburg in der Kabine geweint, weil er sich um seine Chancen bei einem anderen Verein gebracht sah. Nun rannte jemand wie Rodrigo Zalazar unermüdlich über den Rasen, der sich voll und ganz mit Schalke zu identifizieren scheint. Mir wurde berichtet, dass er Verantwortlichen eines anderen Klubs gesagt haben soll, auf jeden Fall auf Schalke zu bleiben – wohlgemerkt nach der Heimniederlage gegen Darmstadt.

Cheftrainer Dimitrios Grammozis zeigte sich nach dem Spiel auch mit dem ausgewechselten Reinhold Ranftl zufrieden. © Tim Rehbein/RHR-FOTO

Wahrscheinlich war es eines der schönsten Weihnachtsgeschenke für die Schalker Fans: zu sehen, dass da wieder ein Team auf dem Rasen steht, das sich nicht abschlachten lässt. Ich musste spontan an ein Auswärtsspiel des S04 aus dem Jahre 1994 denken (ja, Opa erzählt wieder vom Krieg). Damals lagen die Königsblauen in Leverkusen zurück. Im strömenden Regen rannte Torwart Jens Lehmann bereits eine Viertelstunde vor Schluss nach vorne, die Spieler belagerten den gegnerischen Strafraum, sie droschen so lange auf das Glück ein, bis es auf ihrer Seite war. In der letzten Minute erzielte Thomas Linke den 2:2-Ausgleich. Ich habe noch die Schilderungen des Kommentators von damals im Ohr: „Schalke spielte, Schalke kämpfte, als ging es in diesen Minuten um die Meisterschaft oder gegen den Abstieg.“ Eben wie nun in Hamburg.

Die Zweite Liga mag sehr ausgeglichen und offen sein – doch sollte Schalke 2022 oft genug an diese Schlussphase in Hamburg anknüpfen, könnte am Ende tatsächlich ein noch größeres Kunstwerk aus dieser Saison werden.

Über den Autor
Freier Journalist
Wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte in Münster und arbeitete dann in Berlin zehn Jahre beim „Tagesspiegel“ und für „11Freunde“. Sein größtes berufliches Ziel bleibt ein ausführliches Interview mit Jiri Nemec. Hier schreibt der freie Journalist wöchentlich über Schalke 04.
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