Fan-Schals am Tor der Glückauf-Kampfbahn: Schalke und der 1. FC Nürnberg sind nur zwei von mehreren Traditionsvereinen, die mittlerweile nur noch in der Zweiten Liga spielen. © dpa
Schalke-Kolumne

Die Attacke des Taxifahrers

Scheitern Traditionsvereine wirklich am großen Druck? Unser Autor macht sich Gedanken über eine billige Ausrede und erinnert sich an drei verrückte Schalker.

Am Freitag spielt Schalke in Hannover – ein Abendspiel, dazu ein echtes Treffen zweier Traditionsvereine! Aber eben in der Zweiten Liga. Und genau dieser Umstand führt hinein in eine Diskussion, die derzeit anscheinend an jedem Stammtisch geführt wird: Sind die Traditionsvereine am Ende?

Ob Fan, vermeintlicher Experte oder Klubfunktionär – bei allen scheint gerade nach den Abstiegen von Schalke und Werder Bremen klar, dass eine große Fanbasis, eine lange Tradition und die vielen Emotionen einen Verein nur hemmen.

Als Gegenbeispiel werden gerne mal Konzern- oder reine PR-Klubs angeführt, bei denen das Arbeiten ruhiger vonstatten ginge. RB Leipzig hat von seinem Laborvater Dietrich Mateschitz in der Corona-Pandemie 100 Millionen Euro Schulden erlassen bekommen. Unter diesen Bedingungen kann man wahrlich ruhiger und erfolgreicher arbeiten.

Lähmender Druck von außen? Eine billige Ausrede!

Ohne Frage haben Traditionsvereine verschiedene Fehler gemacht (und Schalke in den vergangenen Jahren sogar alle auf einmal). Nur: Dass die vielen Emotionen, das oft beschworene „Umfeld“, der Druck von außen lähmen würden, halte ich für eine billige Ausrede.

Welche Wucht entstehen kann, wenn die Emotionen eines Traditionsklubs nur richtig kanalisiert werden, haben in den letzten Jahren Eintracht Frankfurt und in diesem Jahr der 1. FC Köln verdeutlicht. In Bezug auf Schalke und Tradition würde ich gerne von drei Fans erzählen:

Beim Spiel des S04 in Wolfsburg 2007 lag die Mannschaft 2:0 in Führung und auf Meisterschaftskurs. Der Auswärtsblock stimmte einen umgedichteten Kirchenklassiker an: „Danke, der S04 wird Meister, danke, der BVB steigt ab“. Ein stämmiger Kerl neben mir hob den Zeigefinger und sagte: „Wenn dat passiert, dann sag ich zu dem da oben…“

Er breitete die Arme aus und schrie gen Himmel: „Getz kannze mich holn!“ Er scherzte nicht, sondern meinte das, Pardon, todernst. Der Herrgott allerdings schien andere Pläne mit dem Mann zu haben. Wolfsburg traf noch zwei Mal und Schalke verdaddelte die Meisterschaft, Dortmund blieb drin. Wahrscheinlich wurde der Mann später stattdessen Nobelpreisträger oder rettete Katzenbabys aus Bäumen.

Taxifahrer holt die Trompete raus

Eine Zeit lang schaute ich in Berlin in der Kneipe „Schmittz“ Spiele des S04. Ein Mann mit langen blonden Haaren blies dort – 500 Kilometer von der Arena entfernt vor einem Bildschirm – mit seiner Trompete zur Attacke. Er war Taxifahrer und manchmal hielt er während seiner Schicht, holte sein Instrument aus dem Taxi, rannte in die Kneipe und fuhr erst nach durchgeführter Attacke die Schicht weiter.

Noch ein Stück verrückter war ein Finne, den ich im Speisewagen von Lissabon nach Porto traf. Er war den Schalkern durch Klaus Fischer verfallen und macht sich zu Heim- wie Auswärtsspielen alleine auf den Weg zum S04.

Von diesen Leuten gibt es Heerscharen auf Schalke – jene, die alles für diesen Verein geben und eben nicht weniger von denjenigen verlangen, die für ihn arbeiten. Man bekommt sie nicht durch Clipcharts, Businesspläne oder das dritte Sondertrikot. Sie sind da, und sie machen in ihrer Menge einen Traditionsverein aus – ich kann das Lamento über zu viel Druck dabei nicht mehr hören. Für solche Leute Fußball zu spielen, muss der schönste Druck der Welt sein.

Über den Autor
Freier Journalist
Wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte in Münster und arbeitete dann in Berlin zehn Jahre beim „Tagesspiegel“ und für „11Freunde“. Sein größtes berufliches Ziel bleibt ein ausführliches Interview mit Jiri Nemec. Hier schreibt der freie Journalist wöchentlich über Schalke 04.
Zur Autorenseite
Avatar