Ralf Fährmann ist seinen Platz im Schalker Tor vorerst los. © Tim Rehbein/RHR-FOTO
Schalke-Kolumne

Fährmann hat mehr Vertrauen verdient

Schalke-Trainer Dimitrios Grammozis setzt Stammtorwart Ralf Fährmann auf die Bank. Das könnte sich im Laufe der Saison rächen, meint unser Autor.

Der 5. November 2006 war bedeutend für den Fortlauf des deutschen Fußballs. Schalke wechselte den Torwart, die erfahrene Nummer eins Frank Rost musste auf die Bank. Ausgerechnet im Heimspiel gegen die Bayern stellte Trainer Mirko Slomka einen Jungspund ins Tor, der den Bayern prompt unbeholfen einen Treffer auflegte.

Auch in der Folge warf sich der junge Keeper die Tore selbst rein, in London ließ er den Ball durch Beine und Arme rollen. Der Boulevard taufte ihn „Flutschfinger“ – einzig die Schalker Fans hielten zum Eigengewächs. Wenig später wurde er zum besten Torwart seiner Generation. Sein Name: Manuel Neuer.

Es gibt aber noch einen andere Torwartrochade, die mir im Gedächtnis geblieben ist. Im Jahr 2004 stellte der Trainer Jupp Heynckes einen Nachwuchsmann ins Tor: Volkan Ünlü. Beim Auswärtsspiel in Bochum segelte er zuverlässig an jeder Flanke vorbei, sodass selbst die VfL-Fans bei jedem Eckball „Ünlü, Ünlü“ anstimmten. In der allerletzten Minute sicherte Ünlü mit einer Wahnsinnsparade zwar den Schalker Sieg, aber nach dem Schlusspfiff verdrückte er bittere Tränen. Seine Karriere beendete er beim KFC Uerdingen.

So innovativ wie der Rat beim technischen Kundendienst

Und damit genug der geschichtlichen Exkurse: Schalkes Trainer Dimitrios Grammozis hat statt dem etablierten Ralf Fährmann den Neuzugang Martin Fraisl aufgestellt. Torwartwechsel sind immer so ein bisschen so innovativ wie der telefonische Rat eines technischen Kundendienstes: „Ham se schomma versucht, dat Gerät aus- und wieder anzuschalten?“ Es kann klappen (wie bei Neuer) oder aber nicht (wie bei Ünlü).

Im bisher unveröffentlichten Handbuch für Trainer-Aktionismus dürfte der Torwartwechsel nach „Brandrede halten“, „Stars rausschmeißen“, „Kurztrainingslager ansetzen“ oder „die Presse abkanzeln“ stehen.

Grammozis wurde nach dem Auftritt von Fraisl für seinen Mut gelobt. Doch ich habe auf lange Sicht meine Skepsis: Ralf Fährmann hat sich einen Bonus in der Torwartfrage verdient. Zu Frankfurter Zeiten ließ er sich eine Ausstiegsklausel zusichern, sollte Schalke anfragen. In der schlimmen letzten Saison warf er sich voll rein. Er wollte das zerstrittene Team bei einem Kinoabend wieder zusammenbringen – doch die meisten Kollegen schwänzten den Termin oder gingen früh.

Sportlich hat Fährmann zuletzt genau das gezeigt, was man von ihm kennt: Er rettete das Team mit tollen Reflexen, hatte aber den obligatorischen Lapsus gegen Karlsruhe drin. Ein großer spielender Torwart wird er nicht mehr – aber Fährmann bringt genug „soft skills“ mit.

Terodde umdribbelt die Torwart-Frage

Schalke braucht nach diesem Umbruch Identifikationsfiguren und Führungsspieler. Jede erfolgreiche Mannschaft hat eine stabile Achse aus festem Torwart, zentralem Verteidiger und Mittelfeldspieler sowie Mittelstürmer. Eben diese Nummer neun, Simon Terodde, wurde nach dem Spiel in Rostock zum Torwartwechsel befragt.

Er wich aus, doch der ganze Subtext schrie: Terodde hätte diese Entscheidung niemals getroffen. „Sie merken, dass ich die Frage umdribbeln will“, sagte er. Das gelang ihm (wie Terodde eben derzeit einfach alles richtig macht). Die große Frage auf Schalke lautet aber: Was passiert, wenn Terodde irgendwann mal nicht mehr alles gelingt? Spätestens dann braucht es erfahrene Säulen – wie Ralf Fährmann.

Über den Autor
Freier Journalist
Wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte in Münster und arbeitete dann in Berlin zehn Jahre beim „Tagesspiegel“ und für „11Freunde“. Sein größtes berufliches Ziel bleibt ein ausführliches Interview mit Jiri Nemec. Hier schreibt der freie Journalist wöchentlich über Schalke 04.
Zur Autorenseite
Avatar