Traumtor in der Nachspielzeit: Marcin Kaminski trifft zum 1:0-Sieg gegen Hannover 96. © Julian Stratenschulte/dpa
Schalke-Kolumne

Kaminskis Tor gehört ins Museum!

Marcin Kaminskis Tor in Hannover war ein Meisterwerk, das sich nicht vor den Klassikern der Weltgeschichte verstecken braucht. Ein Vergleich mit van Gogh und den Beatles.

Marcin Kaminski hat vor einiger Zeit in dieser Zeitung gesagt, dass er seinem polnischen Landsmann Tomasz Hajto bei Schalke nacheifern wolle. Nun stand Hajto eher für lange Einwürfe, vollen Einsatz und eher die rustikale Klinge. Wir haben ihn bei „11Freunde“ mal in die Liste der „härtesten Fußballer aller Zeiten“ aufgenommen – auf einem beachtlichen Platz 23.

Hajto ärgerte sich maßlos, er ließ ausrichten, dass er einige Plätze weiter vorne einsortiert werden müsste. Als während seiner aktiven Zeit öffentlich spekuliert wurde, Hajto hätte die eine oder andere Zigarettenstange zu viel über die Grenze mitgebracht, titelte das Fanzine „Schalke Unser“: „Was denn?! Alle großen Schalker Spieler hatten einen Tabakladen!“

Kaminski aber hat nun nicht mit einer Kopie der hajtoschen Brachialgrätsche von sich reden gemacht, sondern mit einem Tor der Marke Edeltechniker. Er nahm die Flanke mit der Hacke an, ließ den Ball auftitschen und donnerte ihn dann mit einem gekonnten Drehschuss ins Eck.

Das war pure Kunst – noch dazu in der allerletzten Minute des Spiels in Hannover zum 1:0-Auswärtssieg. Und wenn man in die Kunst- und Kulturgeschichte schaut, muss Kaminski keinen Vergleich scheuen, was Meisterwerke mit langer Anlaufzeit angeht:

Literatur: Fjodor Michailowitsch Dostojewski hatte im Jahr 1866 für seinen Roman „Der Spieler“ lange keine einzige Zeile zuwege gebracht. Im allerletzten Monat vor der Abgabe engagierte er dann hektisch eine Stenografin. Es wurde ein literarischer Klassiker – und Dostojewski heiratete später seine Stenografin. Kaminski war für sein Meisterwerk allerdings nur auf die geringfügige Hilfe von Vorlagengeber Dominick Drexler angewiesen. Klarer Punktgewinn für den Schalker.

Musik: 700 Stunden verbrachten die „Beatles“ für ihr Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ angeblich im Studio. Was sind da die 95 Minuten Anlaufzeit von Hannover?! Zwar hielt sich das Werk der „Beatles“ insgesamt 27 Wochen an der Spitze der britischen Charts, doch: Kaminski und seine Kollegen sollen nach dem Spiel in Hannover in der Kabine den Hit von Wolfgang Petry „Weiß der Geier“ geschmettert haben. Und der hielt sich 200 Wochen an der Spitze der Playlist im Partykeller von Werner Schawuppke aus Oer-Erkenschwick.

Kunst: Vincent van Gogh saß 1885 mehrere Monate lang an seinem Gemälde „Die Kartoffelesser“. Es gilt bis heute als eines seiner bekanntesten Werke. Doch Marcin Kaminskis Tor müsste man auch für nachfolgende Generationen mit Öl auf Leinwand bringen und in Museen aushängen. Van Gogh hat sich mitten im großen Ruhm sein linkes Ohr abgeschnitten. Kaminski aber konnte in dieser Woche voll mittrainieren.

Architektur: Die Hamburger Elbphilharmonie ist wahrlich ein imposantes Bauwerk mit einer unvergleichlichen Akustik. Nur: Die Baukosten sollten zunächst nur 77 Millionen Euro betragen – am Ende wurden es mit 866 Millionen ein paar mehr. Kaminski kam dagegen ablösefrei aus Stuttgart! Und wer eine unvergleichliche Akustik genießen wollte, der musste nur mal in Hannover dem Torjubel von 10.000 mitgereisten Schalkern nach Kaminskis Tor lauschen.

Über den Autor
Freier Journalist
Wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte in Münster und arbeitete dann in Berlin zehn Jahre beim „Tagesspiegel“ und für „11Freunde“. Sein größtes berufliches Ziel bleibt ein ausführliches Interview mit Jiri Nemec. Hier schreibt der freie Journalist wöchentlich über Schalke 04.
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